Eimerdeckel oder Sensationsfund?


ORIGINALMANUSKRIPT ZUR SENDUNG

O-Ton Harald Meller:

Das Ganze ist das älteste Himmelsbild der Menschheitsgeschichte, das wir kennen, die älteste konkrete und doch abstrakte Darstellung des Himmels. Es ist ein überwältigendes Bild von ästhetischer Qualität, vor allem aber ein Informationsträger für das Denken und die Vorstellung der Frühbronzezeit, für die Archoastronomie, für die Religionsgeschichte, die aber auch für die Archäologie wichtige Hinweise liefert. Es handelt sich hier bei der Himmelsscheibe von Nebra um einen der wichtigsten archäologischen Funde, die wir überhaupt kennen. Die Himmelsscheibe von Nebra gehört zu den absoluten Toppfunden der Archäologie, vergleichbar sicherlich mit Ötzi, mit Tutanchamun und anderen Dingen in dieser Qualität.

Ansage:

Eimerdeckel oder Sensationsfund?

Die Himmelsscheibe von Nebra

Von Kathrin Aehnlich und Steffen Lüddemann

O-Ton Autor:

Wir müssen keine Geheimnisse haben. Wir waren dort gewesen. Und er ist weder bereit gewesen zu sagen, dass er es dort gefunden, noch dass er es nicht dort gefunden hat.

O-Ton Harald Meller:

Der macht keine Aussagen gegenüber der Presse, schon lange nicht. Aber es gibt natürlich ein unterschriebenes Protokoll zu dieser Sache, das mein Justitiar gegengezeichnet hat und da wurden eindeutige Aussagen gemacht. Seit dem Geständnis haben die Raubgräber weder vor Gericht noch in der Öffentlichkeit ausgesagt.

O-Ton Mario Renner:

Dann ham wir angefangen zu buddeln mit den Fingern und da ham wir schon gesehen, das ist Bronze. Da war aber schon der Rand beschädigt. Muss ich dazu sagen, den hat er nicht beschädigt, der war beschädigt. Das einzige, was Herr Westfahl gemacht hat, ist, er hat die Sonne runtergekratzt. So dann hab ich ihm meine Selter gegeben, er hat ja viel Brand vom Vortag, hat er sich an’n baum gesetzt und da hab ich 4 Stunden das ausgebuddelt, die Scheibe.

O-Ton Autor:

Wie tief war die?

O-Ton Mario Renner:

Die war nicht tief. Unwahrscheinlich eigentlich, muss ich sagen. Unwahrscheinlich eigentlich, wie das Ding dahin kommt, muss ich sagen. Und jedenfalls war das dann so: Wir ham die Scheibe ausgehoben und ham geguckt, is da noch was drinne. Für uns war das Loch dann leer.

Sprecherin:

Mario Renner erzählt uns seine Geschichte, ob sie sich wirklich so zugetragen hat, wissen wir nicht. Mario Renner gilt als einer der Finder der Himmelsscheibe.

O-Ton Hans-Georg Kroll:

Und üblich ist, den Fundort nie preis zu geben, weil ja der, der den Fund gemacht hat, sich durchaus noch erhoffen kann, in dem Bereich noch mehr zu finden.

Sprecherin:

Hans-Georg Kroll, Rechtsanwalt aus Düsseldorf. Er vertritt zwei mutmaßliche Hehler der Himmelsscheibe in einem Berufungsprozess, der zur Zeit am Landgericht Halle stattfindet.

O-Ton Hans-Georg Kroll:

Seine Chancen würden sich stark minimieren, wenn der Fundort bekannt wird in der Szene. Das ist, glaube ich, für die meisten, die suchen gehen mit Metallsuchgeräten, das wichtigste Motiv, den Fundort nicht bekannt zu geben. So, aller Wahrscheinlichkeit nach, Westphal und Renner, die haben ganz offensichtlich den wirklichen Fundort bis heute nicht preisgegeben.

Sprecherin:

Die Himmelsscheibe von Nebra. Eine tellergroße Bronzescheibe mit Sonne, Mond und Sternen – goldenen. Kein Magazin in Deutschland, das das Bild nicht auf der Titelseite hatte. Das japanische Fernsehen berichtete, „National Geographic“ und auf der Leipziger Buchmesse hatte die Himmelsscheibe einen eigenen Stand. Auf den Autobahnen weist ihr Bild hin zum Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle an der Saale.
Die Himmelsscheibe ist eine archäologische Sensation. Denn aufgrund dieses Fundes könnte sich das europäische, ja das altzeitliche Weltbild, so wie es bisher überliefert ist, grundsätzlich wandeln.
Eine große Verantwortung. Die voraussetzt, dass die Fundgeschichte, die Sicherstellung und wissenschaftliche Prüfung der Scheibe widerspruchslos geklärt und abgeschlossen sein müssen.
Doch – ist das alles tatsächlich bereits geschehen?

Sprecher:

Die Fundgeschichte.

O-Ton Harald Meller:

Die Untersuchung am Fundort ist abgeschlossen.

Sprecherin:

Dr. Harald Meller. Direktor des Landesmuseums für Vorgeschichte Halle und Landesarchäologe von Sachsen-Anhalt:

O-Ton Harald Meller:

Wir haben das Raubgräberloch gefunden, wir haben sogar die Hammerspuren gefunden von dem Hammer, der eben die Scheibe beschädigte, wir haben sogar die Reste der Trinkflaschen gefunden der Täter und so weiter, das deckt sich alles exakt mit den Aussagen, also das Netz der Indizien ist hier lückenlos geknüpft.

Sprecherin:

Ist „das Netz der Indizien“ wirklich „lückenlos geknüpft“, wie Dr. Meller behauptet?

Keineswegs, meint der Bronzezeitspezialist Prof. Dr. Peter Schauer von der Universität Regensburg.

O-Ton Peter Schauer:

Was die Fundgeschichte angeht, so gibt Herr Meller in seinem illustrierten Band „Der geschmiedete Himmel. Die weite Welt im Herzen Europas vor 3 600 Jahren“, aus Anlass der Hallenser Ausstellung erschienen, folgende Angabe: An einem schönen Sommertag 1999 seien zwei Metallsucher mit einem Suchgerät über den Mittelberg gegangen, der seit 1986 als Bodendenkmal bekannt war. Sie hätten durch Zufall den oberen Rand dieser Himmelsscheibe erkannt, sie mit einem Hammer herausgerissen, für einen alten Eimerdeckel gehalten und die übrigen Gegenstände – die Schwerter mit goldverziertem Griff und die Beile – komplett ausgehoben. Nur wenige Tage später, so Meller, verkauften die Raubgräber den Fund für 31 000 Mark an einen Zwischenhändler aus dem Rheinland – wohlgemerkt einen verdreckten alten Eimerdeckel und zwei Bronzeschwerter, drei Randleistenbeile und eine Spirale, die für sich genommen im Kunsthandel allenfalls 5.000 Mark erbringen würden. Mit Verlaub gesagt: Das Ganze ist allenfalls eine Legende, aber für einen einigermaßen realistisch denkenden Menschen völlig unglaubwürdig. Denn diese auf Schatzsuche gehenden Personen sind im Allgemeinen mit dem Überprüfen ihrer Funde – vor Ort schon! – sehr gewissenhaft und genau und dass denen ein wie auch immer verschmutzter goldener Himmel auf einer Bronzescheibe entgangen sein soll, ist mehr als zweifelhaft.

O-Ton Judith Oexle:

Wenn wir zur Fundgeschichte gehen, dann gibt es einfach seit Montelius, dem berühmten schwedischen Archäologen, ein Kernstück der archäologischen Argumentation, das heißt: der geschlossene Fund.

Sprecherin:

Dr. Judith Oexle – Landesarchäologin in Sachsen.

O-Ton Judith Oexle:

Ein Grab zum Beispiel ist ein geschlossener Fund. Sie wissen, dass alle Gegenstände, die in einem Grab sich befinden, gleichzeitig deponiert sein müssen. Das heißt zwar noch nicht, dass sie alle gleich alt sind, aber sie sind gleichzeitig deponiert worden, und es gehört zu meiner Wissenschaft – man kann durch verschiedene Grabanalysen sozusagen Altersspannen identifizieren. In diesem Fall haben wir Beschreibungen, die heißen einmal, man habe die Scheibe knapp unter dem Waldboden gefunden und man habe dann beim Weitergraben, nebenbei liegend, Schwerter, Beile und Spiralen geborgen. Das sind nun keine Fundberichte von Archäologen, sondern es sind Sekundärquellen, nämlich die Formulierungen von Erstgräbern und Händlern.

O-Ton Josef Riederer:

Wenn das richtig ist, dass das Leute waren, die das mit Metalldetektoren gefunden haben, dann finden die ja ständig irgendwas. Also ich hätte überhaupt kein Vertrauen zu einem Fund, der auf derartige Weise zusammenkommt. Also im Hinblick auf die Zusammengehörigkeit.

O-Ton Autor:

Ist das sehr häufig, dass solche Funde…?

O-Ton Josef Riederer:

Das ist fast die Regel.

Sprecherin:

Prof. Dr. Josef Riederer, Direktor des „Rathgen-Forschungslabors der Staatlichen Museen zu Berlin – Stiftung Preußischer Kulturbesitz“. Prof. Riederer ist ein international anerkannter Spezialist auf den Gebieten der Materialanalyse und der Echtheitsprüfung archäologischer Objekte.

O-Ton Josef Riederer:

Wenn sie jetzt einen Fund, Schwert und Beil und allem, haben, dann sagen sie: Das ist das Grab eines großen Fürsten oder so, während sonst ein Einzelobjekt, das ist dann eines von vielen Tausend.

Sprecherin:

Das Alter der Bronzescheibe wird mit 3.600 Jahren angegeben. Doch dieses Alter lässt sich weder durch physikalische noch durch chemische Analysen exakt ermitteln. Wissenschaftliche Untersuchungen an der Bergakademie Freiberg ergaben, dass die Scheibe älter als 100 Jahre sein muss.

O-Ton Josef Riederer:

Also zu den Gutachten von naturwissenschaftlicher Seite besteht überhaupt keine Möglichkeit, irgendwas zu dem Alter von dem Objekt zu sagen, mit Ausnahme eben der Aussage, es ist relativ alt, es ist also keine Fälschung aus dem 20. Jahrhundert und wahrscheinlich auch nicht aus dem 19. Jahrhundert. Das kann man eben ausschließen. Aber wenn’s eben dann ein archäologischer Bodenfund ist, dann kann man den eben wirklich mit archäologischen Methoden eingrenzen. Mit naturwissenschaftlichen überhaupt nicht. Also ich habe keine Möglichkeit, durch irgendeine Art von Materialanalyse wie bei der Keramik oder beim Holz mit der Radiokarbonmethode ein Alterswert anzugeben. Das geht mit Sicherheit nicht. Es gibt einfach keine Möglichkeit, da irgendwas dazu zu sagen.

Sprecherin:

Datieren lässt sich die Scheibe nur von Archäologen. Aber diese Datierung ist heikel. Denn auch historisch lässt sich die Himmelsscheibe nicht einordnen – sie ist einzigartig.

Nur die Beifunde, also die Gegenstände, die mit ihr in dem Fundgrab gelegen haben sollen, erlauben eine genauere Datierung.

O-Ton Autor:

Ich komme noch einmal auf die Bedeutung der Funde zurück. Es hängt natürlich alles an den Beifunden, an den Schwertern. Ist das nicht heikel?

O-Ton Harald Meller:

Es ist selbstverständlich sehr heikel, die Scheibe allein könnten Sie nicht datieren, weil sie ein völliges Unikat ist. Und die Niederlegungszeit, nicht die Anfertigungszeit, können sie mit den anderen niedergelegten Funden, den Schwertern, den Beilen und dem Meißel, feststellen. Und nun ist ganz wichtig zu wissen, ob die Funde wirklich zusammengehören und nicht etwa von den Raubgräbern zusammengestellt worden, was ab und an vorkommt.

Sprecherin:

Die Schatzsucher sollen ausgesagt haben, dass sämtliche Funde aus einem Grab auf dem Mittelberg bei Nebra stammen. Der Wortlaut ihrer Aussagen ist nicht publiziert.

O-Ton Judith Oexle:

Wir brauchen den Grabungsbericht vom Mittelberg. Und jeder Kollege von uns weiß, wie ein Grabungsbericht auszusehen hat. Da ist bitte das Profil, das ist eine genaue Ansprache der Strategrafie, also der Sequenz von Schichten, und dann möchten wir bitte gerne wissen, was für Funde aus diesen Schichten kommen, weil sie über die Funde den Befund, die Schichten also, datieren können. Das ist das eine. Das andere ist, dass wir ja im Falle dieses Komplexes keine archäologische Auffindungsgeschichte haben, sondern nur eine Auffindungsgeschichte, die sozusagen sekundär ist. Wir haben die Gräber, wir haben Verkäufer, und an die Stelle des Grabungsberichtes müssen die Aussagen dieser Leute treten. Das heißt, wir müssen jetzt darauf warten, dass diese publiziert werden – und zwar im Originalton! Weil nur das Dritten, also Wissenschaftlern wie mir, die Chance gibt, die Validität zu überprüfen. Im Augenblick können wir Fachkollegen nicht nachvollziehen, sondern sind darauf angewiesen, zu glauben. Wissenschaft heißt aber Wissen!

Sprecher:

Die Sicherstellung der Scheibe.

Sprecherin:

Im März 2001 wird Dr. Meller zum Direktor des Landesmuseums für Vorgeschichte und zum Landesarchäologen von Sachsen-Anhalt berufen.

O-Ton Harald Meller:

Am 10. Mai 2001 besuchte ich meinen Kollegen in Berlin, der zeigte mir zahlreiche Fotos, schlecht und unscharf, offenbar eines Raubgräberfundes. Und auf diesen Fotos waren Schwerter, aber auch die Scheibe zu sehen. Und ich konnte den Fund erst gar nicht glauben, ich hielt das für völlig außerordentlich, man denkt ja hier immer gleich, so’n Fund kann’s gar nicht geben bei so’ner außerordentlichen Sache. Und der Kollege sagte, aber der Fund sei ihm für 1 Million D-Mark 1999 angeboten worden, er stamme offenbar aus Sachsen-Anhalt. Er gab mir die Fotos mit der Bitte, sie an mich zu nehmen, da der Fund wohl nach Sachsen-Anhalt gehöre und ich dafür verantwortlich sei. Ich machte das auch, ich nahm die Fotos an mich, und mir war klar, wenn der Fund echt ist, dann ist er wirklich ne Weltsensation und von außerordentlicher Bedeutung. Ich schrieb erstmal ein Gutachten zur möglichen Bedeutung des Fundes, überzeugte die entsprechenden staatlichen Stellen und wir beschlossen dann, den Fund nicht etwa anzukaufen aus der Raubgräberszene, sondern polizeilich zu erwerben.

Sprecherin:

Aufgrund der Berliner Fotos erkennt Dr. Harald Meller die Bedeutung der Himmelsscheibe, die er „polizeilich erwerben“ will. Zu diesem Zeitpunkt befindet sich die Scheibe im Besitz Reinhold Stiebers. Er ist ein ehemaliger Studienrat und leidenschaftlicher Sammler. Um die Kaufsumme von 230.000 Mark aufzubringen, beleiht er seine Pension. Die Besitzerin des Museumsrestaurant „Historia“ in Kaarst vermittelt den Kauf. Die beiden wollen sich mit einem Artikel im Magazin „Focus“ Klarheit über das Alter der Scheibe verschaffen.

O-Ton Harald Meller:

Frau Burri-Bayer wollte einen Artikel im „Focus“ publizieren lassen. Das allerdings lief konspirativ. Der „Focus“-Journalist nannte uns natürlich nicht den Namen von Burri-Bayer. Sein Fotograf konnte auch nur bei einem Notar fotografieren, das alles lief verdeckt und konspirativ. Der Artikel wäre erschienen, ohne dass man gewusst hätte, wo diese Scheibe ist.

Sprecherin:

Ganz so konspirativ scheint es nicht gewesen zu sein, denn Bestandteil des „Focus“-Artikels, durch den die Öffentlichkeit von der Existenz der Scheibe erfahren soll, ist ein Foto Hildegard Burri-Bayers. Mit weißen Handschuhen hält sie die Scheibe.

Der Rechtsanwalt Hans-Georg Kroll vertritt den mutmaßlichen Hehler Reinhold Stieber.

O-Ton Hans-Georg Kroll:

Der Herr Dr. Meller befürchtete genau das Gegenteil, der befürchtete nämlich, wenn das im „Focus“ publiziert würde, würden sich erst recht weltweit potente Käufer auf den Weg machen zum Finder, um den mit Wahnsinnsangeboten dann den Fund endgültig abzuschwatzen. Der befürchtete also genau das Gegenteil von dem, was Frau Burri-Bayer und Herr Stieber eigentlich beabsichtigt hatten und darum hat der auch Kontakt aufgenommen mit dem „Focus“ und hat versucht, über den Redakteur zumindest für ein, zwei Wochen zu verhindern, dass der Artikel publiziert wird.

O-Ton Autor:

Dieser Besitzer dieser Scheibe gibt ja an und dafür will er auch Zeugen haben, dass er diese Scheibe keineswegs verkaufen wollte, sondern dass er die Echtheit dieser Scheibe prüfen lassen und stiften wollte, mit der Bitte, diese Scheibe ein, zwei Monate im Jahr in Jüchen in seinem Heimatmuseum auszustellen. Dieser Herr Stieber war, wie er sagt, keineswegs bereit, die Scheibe zu verkaufen.

O-Ton Harald Meller:

Diese Ausführungen, die Sie hier machen, wurden ja in Naumburg vom Gericht nicht bestätigt. Vielmehr ist völlig klar geworden, dass es um den Verkauf der Scheibe für 700.000 DM ging. Die anderen Dinge wurden überzeugend widerlegt und sind für uns irrelevant und nicht nachvollziehbar.

Sprecherin:

Zwei Tage vor dem Erscheinen des „Focus“-Artikels werden die vermeintlichen Hehler in einer groß angelegten Polizeiaktion im Basler Hilton-Hotel festgenommen und inhaftiert.
Die Scheibe und die anderen Gegenstände werden durch die schweizerische Staatsanwaltschaft beschlagnahmt und der Staatsanwaltschaft Halle übergeben. Nur einige Tage später wird das „Beweisstück“ Himmelsscheibe von der Staatsanwaltschaft Halle dem Landesmuseum für Vorgeschichte Halle zur weiteren Prüfung übergeben.

Achim Stadtmüller, ein Hehler aus Köln, der drei Jahre zuvor den Hortfund von den Schatzsuchern gekauft haben will, zeigt Dr. Meller die Fundstelle auf dem Mittelberg.

O-Ton Autor:

Kennen Sie den?

O-Ton Harald Meller:

Den habe ich erst kennen gelernt, der hat mir die Fundstelle gezeigt. Ich kannte den ursprünglich nicht, die Staatsanwältin hat mich sozusagen dazu gebeten, als der ein Geständnis unterschrieb.

O-Ton Autor:

Nicht die Grabräuber haben Sie dahin geführt?

O-Ton Harald Meller:

Der Hehler. Die Grabräuber haben erst später eine Aussage gemacht.

Sprecherin:

Im Büro ihrer Anwälte kommt es zu einem Treffen der beiden Raubgräber Henry Westfahl und Mario Renner.

O-Ton Harald Meller:

Und dort haben sie uns zweifelsfrei die Fundstelle gezeigt und die ist sehr genau fixierbar, weil es in der Umgebung einige Besonderheiten gab, die die Raubgräber genau kannten, so dass es nicht nötig war, mit den Raubgräbern sozusagen vor Ort zu gehen. Das konnten wir im Anwaltsbüro erledigen.

O-Ton Mario Renner:

Und da kam Meller mit einer Karte, wo ein riesengroßes rotes Kreuz drauf war. Ist das die Stelle? – Hm, ham wir gesagt, das ist die Stelle. Das ist die Stelle, die wir Herrn Achim Stadtmüller gezeigt haben. – Lag das alles da drinne? – Hm, das lag alles da drinne. – Wie lag das? – Ich sage: Ein Schwert lag so, das andere Schwert lag so. – Hm, ist nachvollziehbar, sagt er zu mir. Hm, denk ich, jut. – Und wo lagen die Beile? – Ich sag: Die lagen links unten, die Armreifen auf der anderen Seite. Hm, ja, das kann nur so gelegen haben, das leuchtet mir jetzt ein, sagt er zu mir. Ja, somit haben wir dem Herrn Meller eine detaillierte Beschreibung der Fundstelle gegeben. Ja. Ich war nie mit dem Mann auf dem Berg! Ich hab ihm auch nie ein Loch gezeigt. Nie! Alles, was er mir vorgelegt hat, hab ich nur bestätigt.

Sprecher:

Die wissenschaftlichen Untersuchungen.

O-Ton Harald Meller:

Uns reicht das Geständnis. Es ist aber auch gar nicht relevant, verstehen Sie. Relevant ist, dass wir naturwissenschaftlich nachweisen können, aufgrund der Erdanhaftungen, dass die Schwerter, die Himmelsscheibe und die Beifunde zusammengehören. Und dass das alles auch dort perfekt auf den Mittelberg paßt.

Sprecherin:

Mit den Bodenproben soll die Fundstelle auf dem Mittelberg zweifelsfrei belegt werden.

Nach dem Geständnis der Grabräuber sind die Bodenanhaftungen an den Funden für Dr. Meller das stärkste Indiz.

Unklar ist aber, wer wo die Bodenproben entnommen hat.

O-Ton Harald Meller:

Na, die Anhaftungen an der Scheibe wurden schon im LKA dokumentiert. Ob schon im LKA Proben entnommen wurden, da müsste ich nachfragen. Da müssen Sie Herrn Wunderlich fragen. Auf alle Fälle wurde auch in unserer Restaurierungswerkstatt natürlich dokumentiert. Von den Restauratoren und Mitarbeitern.

Sprecherin:

Auf unsere Anfrage beim LKA Brandenburg am 25. Januar 2005 teilt die Pressesprecherin Frau Kotteweiss mit: Die Proben sind nicht vom LKA Brandenburg entnommen worden.

Auf Nachfrage beim LKA Sachsen-Anhalt werden wir an die Staatsanwaltschaft Halle verwiesen. Wegen des Berufungsprozesses gegen die mutmaßlichen Hehler ist im Moment keine Akteneinsicht möglich.

O-Ton Autorin:

Ich habe da noch eine Frage zu den Bodenproben. Weil die gestern gesagt haben, in Brandenburg wären 0,13 Gramm analysiert worden. Ist das ausreichend gewesen. Warum hat man einfach nicht mehr hingeschickt.

Sprecherin:

Dr. Christian-Heinrich Wunderlich, Mitarbeiter des Landesmuseums für Vorgeschichte Halle.

O-Ton Christian Heinrich Wunderlich:

Sehr viel mehr können wir auch gar nicht geben. Weil wir haben das so planquadratmäßig entnommen von der Scheibe. Und so fürchterlich viel, da hängen natürlich nicht kiloweise Erdmaterial dran, so viel isses nicht. Und wir haben Herrn Adam gefragt, ob die Menge ausreicht und der hat das bestätigt, das ist in Ordnung.

Sprecherin:

Die Rechtsanwältin Elke Thom-Eben, Düsseldorf:

O-Ton Elke Thom-Eben:

Diese Proben sind von Meller und seinen Leuten genommen worden, die sind nicht von der Staatsanwaltschaft gesichert worden. Es ist keine einzige Probe unter Aufsicht des LKA, wie es sonst üblich ist, also von Ermittlungsbehörden… Ne, dieses Museum ist zwar ne Behörde, das ganze da, aber ist keine Ermittlungbehörde… Das sind selbst genommene Proben! Also so was gibt es nicht noch mal!

O-Ton Hans-Georg Kroll:

Man stelle sich vor, in diesem Raum passiert ein Mord und nicht Polizeibeamte sichern hier die Fingerabdrücke, sondern Sie dürfen das beispielweise tun und schicken die entsprechende Probe dann zum LKA hier in Düsseldorf und sagen, das habe ich am Tatort gefunden und behaupten das und die wird dann vergleichend untersucht und der Fingerabdruck stimmt mit der irgendeiner x-beliebigen Person überein und der wird dann unter Mordverdacht festgenommen.

O-Ton Elke Thom-Eben:

Und dummerweise gibt es keine Restspuren mehr. Die sind ja alle entfernt worden…

Sprecherin:

Zu einem Zeitpunkt, als die Fragen nach der Echtheit und genauen Datierung der Himmelsscheibe noch umstritten sind, nehmen die Mitarbeiter des Landesmuseums für Vorgeschichte die Probe selbst und schicken sie zum LKA Brandenburg – 0,113 Gramm von der Scheibe und 70 Gramm Vergleichsproben vom vermeintlichen Fundort Mittelberg.

Beim LKA Brandenburg untersucht Dr. Jörg Adam die Proben. Adam ist forensischer Chemiker. Ein belastbares Prüfprotokoll liegt bis zum heutigen Tage nicht vor.

Dr. Wunderlich:

O-Ton Christian Heinrich Wunderlich:

Das gehört bei Herrn Dr. Adam zum Grundhandwerkszeug, dass man dann Vergleichproben nimmt, um die Methode zu überprüfen, funktioniert denn das. Und es ist aber auch so, dass Herr Adam nicht nur einfach blind untersucht. Er ist in der Geologie dann auch sehr bewandert und kann auch erklären, warum ist genau Mittelberg so zusammengesetzt. Also Verwitterungsprodukt von Buntsandstein, Löseinwehungen, bestimmte Pollen, alles mögliche, was diesen Berg dann unverwechselbar macht. Je mehr sie Parameter Sie finden, die unabhängig von einander sind, dass ist ganz wichtig, umso mehr haben Sie die Wahrscheinlichkeit auf eine Identität. Es wäre also wie zehn Richtige im Lotto, wenn Sie irgendwo in der Nähe oder gar im Ausland noch einmal den genau gleichen Boden finden.

O-Ton Autor:

Der kann jetzt also auch nicht 10 Kilometer weiter auf einem anderen Berg…?

O-Ton Christian Heinrich Wunderlich:

Nein, nein, nein.

O-Ton Autor:

Das würde sich unterscheiden dieser Boden?

O-Ton Christian Heinrich Wunderlich:

Das würde sich unterscheiden. Der unterscheidet sich, dass habe ich schon festgestellt, schon auf dem Mittelberg. Dass Sie schon 100 Meter weiter, da haben wir ja auch Vergleichsproben gezogen, dass ist schon anders.

O-Ton Josef Riederer:

Ein Zehntel Gramm ist das dann… Und die wollten nachweisen, dass die Scheibe von dem… Also das ist wirklich absolut unmöglich! Man kann schon sagen, also die Bodenprobe, die auf der Scheibe gefunden worden ist, entspricht dem Boden am Mittelberg. Aber man muss dann auch sagen, die Bodenprobe von der Scheibe und vom Mittelberg ist identisch mit Bodenproben aus Orten, die im Umkreis von 100 Kilometern… Also der Boden ist ja immer ’ne Folge von geologischem Untergrund, und der ist in der Gegend ja ziemlich einheitlich.

Sprecherin:

Prof. Dr. Josef Riederer, Rathgen-Forschungslabor, Berlin.

O-Ton Josef Riederer:

Also er argumentiert so, dass der Boden an ’nem bestimmten Fundpunkt, also am Mittelberg, die Summe von einer großen Zahl von Einzelfaktoren ist. Er erwähnt also zum Beispiel die Pollen. Das ist sicher richtig. Nur sagt er eben, der Boden hängt davon ab, welcher Stein verwittert, da nennt er den Buntsandstein, der Buntsandstein ist ja dort gewaltig weit verbreitet. Und die Situation – verwitterter Buntsandstein, Löseinwehungen plus die Pollen, die ja von der Vegetation abhängen, die ja dort a immer gleich ist, ob das jetzt Birken oder Kiefern sind, also ich glaub, das ist ein unhaltbares Argument.

Sprecherin:

Für Dr. Harald Meller sind alle Fragen, die zum Fundkontext der Himmelsscheibe gestellt werden, abschließend beantwortet. Es gäbe keine offenen Fragen mehr. Alles nur – ein Medienspektakel.

O-Ton Harald Meller:

Es ist ein mediales Ereignis, weil solche Dinge immer medial wirken und ihre Gesetzmäßigkeiten entfalten, aber wie viele medialen Dinge ist es eine vorübergehende Sache, die sich, in ihrem Sprachgebrauch, versendet, was bleiben wird, ist der großartige Fund mit einer schönen Publikation und einem spannenden Kongress. Kurz: Der Fund wird bleiben und es wird sein wie bei Ötzi, all diese Bücher, die Behauptungen, die Fernsehsendungen werden vergessen sein. Die Menschen pilgern heute zu Ötzi nach Bozen in das neuerrichtete Museum und sind völlig begeistert, und die Menschen werden nach Halle pilgern und völlig begeistert von der Scheibe sein.

O-Ton Judith Oexle:

Ich würde einfach darum bitten, wenn wir wissenschaftlich vorankommen wollen, dass endlich die Unterlagen, die eine Überprüfung ermöglichen – also die materialkundlichen Analysen, die bodenkundlichen Analysen, die Berichte von Findern und Verkäufern -, publiziert werden. Zugänglichkeit der Fakten ist die Voraussetzung für wissenschaftlichen Diskurs. Archäologie ist keine Abenteuerwissenschaft! Archäologie hat was mit Disziplin, mit genauem Hingucken können und mit einem gerüttelt Maß an kritischer Wertung dessen zu tun, was man glaubt zu sehen.

Absage:

Eimerdeckel oder Sensationsfund?

Die Himmelsscheibe von Nebra

Von Kathrin Aehnlich und Steffen Lüddemann