Leseprobe: Tante Bärbels Befreiung

Copyright by Kathrin Aehnlich

Keiner wußte genau, wann es kommen würde. Manchmal war es schon vor dem Nikolaustag da, manchmal kam es erst zwei Tage vor Weihnachten. Je näher der Heilige Abend rückte, um so öfter hielt das Postauto vor unserem Haus. Bei jedem lauten Motorengeräusch, bei jedem Abbremsen, stürzte ich ans Fenster. Das Müllauto, die Straßenkehrmaschine, eine Möbellieferung. Und wenn es dann wirklich das Postauto war, dann galt es, die Luft anzuhalten. Ich lauschte auf das Klappen der Haustür, zählte die Schritte: erster Stock, zweiter Stock. Ich faltete die Hände; in Momenten, in denen ich mir nicht anders zu helfen wußte, wurde ich fromm, es war eine zweckgebundene Frömmigkeit, die schlagartig einsetzte und ebenso schlagartig wieder verschwand. Ich hätte es nie zugegeben, daß ich heimlich betete, ein Junger Pionier, der betete, war etwas Schlimmes, etwas, wie beim Fahnenappell während der Rede des Direktors zu lachen oder einem Jungen beim Pinkeln zusehen, aber ich mußte verhindern, daß der Postbote wieder bei Kunaths klingelte, die schon drei Pakete bekommen hatten, lieber Gott, bitte, bitte nicht bei Kunaths! und der Postbote lief weiter und klingelte bei Passigs. Es war, als ob das ganze Weihnachtsfest von diesem einen Paket abhängen würde.

Meist kam es ausgerechnet dann, wenn ich nicht zu Hause war. Irgendwann stand es auf dem Korridor neben der Flurgarderobe. Heimlich holte ich mein Lineal aus dem Ranzen: 82,7 x 38,3 x 27,8, ist gleich 0.88053 m³. Mathematik war nicht unbedingt mein Lieblingsfach, aber man hätte mich nachts wecken können und ich hätte die Paketgrößen der letzten fünf Jahre fehlerfrei aufsagen können. Allerdings war erfahrungsgemäß nicht die Größe das Entscheidende, sondern der Inhalt – und der war geheim. Gern hätte ich das Paket angehoben, es geschüttelt, auf den Klang gehört, aber schon das Berühren war bei Todesstrafe verboten, und selbst meine auf Reinlichkeit versessene Mutter, die mir ständig Vorträge hielt, daß beim Tischabwischen auch die Ränder dazugehörten, wischte folgsam um das Paket herum. Mein Vater bestand darauf, daß wir das Paket erst am Weihnachtsabend öffneten. Es war einer der wenigen Dinge, die er, neben dem Termin für die Kohlelieferung im Herbst, in unserer Familie bestimmen durfte. Meine Mutter nahm diese Entscheidung mit hochgezogenen Augenbrauen zur Kenntnis, wagte aber nicht, zu widersprechen, denn das Paket kam von Tante Bärbel, der Schwester meines Vaters. Die Existenz dieser Schwester war sein einziger Besitz, ein Geheimnis, das er hütete wie einen Goldschatz, und das einzige was ich von Tante Bärbel kannte war ein Foto, das mein Vater in seiner Schreibtischschublade zwischen Versicherungspolicen und Kohlenkarten versteckt hielt. Es war ein Farbfoto, das Tante Bärbel in mitten von Geranientöpfen vor einem Hauseingang zeigte, und auf der Rückseite stand in Schönschrift „Einzug ins neue Heim“. Ich kannte nur Kinder-, Alters- oder Tierheime und zu dem Miethaus, in dem wir wohnten, hätte ich nie „unser Heim“ gesagt. Aber bei Tante Bärbel war alles anders. Tante Bärbel kam aus Bochum, und das lag im Westen. Das war auch der Grund, weshalb mein Vater das Foto nur hervorholte, wenn wir allein zu Hause war. Ansonsten wurde Tante Bärbel verschwiegen. Sie war etwas, das es nicht geben durfte, denn mein Vater war Lehrer und hatte auf allen Fragebögen, die er ausfüllen mußte, auf die Frage: Haben sie Verwandte oder Freunde in der Bundesrepublik Deutschland? mit „nein“ geantwortet. Deshalb war das Paket auch an meine Mutter gerichtet, was sie aber trotz heftiger Diskussion nicht dazu berechtigte, es vor dem Heiligen Abend zu öffnen. Schon die Schrift, mit der die Adresse geschrieben war, sah ungewöhnlich aus, große geschwungene Buchstaben, zwischen denen Lücken klafften, die unser Deutschlehrer als deutliches Zeichen von Oberflächlichkeit bemängelt hätte. Auf mich wirkte die Schrift exotisch, und es hätte mich nicht gewundert, wenn vor Tante Bärbels Heim neben den Geranien auch Palmen gewachsen wären. Ich suchte Bochum in meinem Schulatlas, fand es auf der Karte die „Deutsche Demokratische Republik und Bundesrepublik nördlicher Teil“ und war erschüttert. Ich hatte es am Meer vermutet, in einem Tal zwischen schneebedeckten Bergen oder inmitten von blühenden Wiesen, aber nicht im Ruhrgebiet. Das Ruhrgebiet oder genauer das industrielle Ballungsgebiet Essen-Duisburg machte, das hatte ich gelernt, den Schrecken der monopolkapitalistischen Wirtschaft sichtbar. Das Ruhrgebiet war der Ausbund des Bösen. Und immer, wenn ich in meinem Geschichtsbuch die Bilder von der weggeschütteten Milch und den Brotbergen sah, dachte ich an das Ruhrgebiet. Es war Imperialismus schlechthin: Kohlengruben, Industrieanlagen, große Wohnsiedlungen und alles kapitalistisch! Das Ruhrgebiet war rosa unterlegt, was ich, für so etwas Schreckliches wie das Ruhrgebiet für unangebracht hielt. Zusätzlich war die Fläche schraffiert. Eine Art abgegrenzte Zone. Ich stellte mir das Ruhrgebiet wie eine Art offenen Vollzug vor. Einmal Ruhrgebiet, immer Ruhrgebiet. Ich war sicher, wenn eines Tages der Sozialismus siegen würde, dann würden wir zuerst die unterdrückten Menschen im Ruhrgebiet befreien. Proletarier aller Länder vereinigt euch! Manchmal träumte ich von Tante Bärbels Befreiung. Ich würde vor ihrem neuen Heim stehen, sie an der Hand nehmen und mit ihr die Treppe zwischen den Geranientöpfen hinunterschreiten. Dann würde es für Tante Bärbel keine Ausbeutung des Menschen durch den Menschen mehr geben, sie wäre befreit vom Joch des Kapitalismus und nicht mehr den Zwängen der Konsumgesellschaft ausgesetzt. Allerdings, und an diesem Punkt begann mein Zwiespalt, würde es dann auch keine Weihnachtspakete mehr geben. Aber jeder Kampf forderte Opfer. Und für die Sache, für unsere Sache, würde ich stark sein und auf Schokolade, gezuckerte Vollmilch oder Lübecker Marzipankartoffeln verzichten. Als Probe, nahm ich mir jedes Jahr zu Beginn der Adventszeit vor, daß Paket zu ignorieren. Zu sagen, nein danke, es interessiert mich nicht. Es fiel mir schwerer, als ich erwartet hatte. Wenn es dann auf unserem Korridor stand, so groß und geheimnisvoll, begann ich darüber nachzudenken, was uns Tante Bärbel in diesem Jahr geschickt haben könnte. Hatte sie meinen Wunsch, den ich jeden Abend zum Himmel schickte, erhört und mir eine Jeans gekauft? Eine echte Levis, genauso eine, wie Angelika Rippel aus meiner Klasse sie hatte: knalleng, mit Nieten an den Taschen. Mein Vater sagte dazu abfällig Cowboyhosen. Und auch wenn ich wußte, daß die Cowboys den Indianern das Land weggenommen und sie in Reservate getrieben hatten, ich stellte mir vor, wie ich in dieser Jeans über den Schulhof laufen würde, mit einem silberglänzenen Colt im Halfter, mit dem ich nicht nur die Jungen aus meiner Klasse bedrohen und in die Flucht schlagen, sondern, den ich praktischerweise auch gleich für Tante Bärbels Befreiung nutzen könnte. Im letzten Jahr hatte ich eine Barbie-Puppe mit langen blonden Haaren bekommen. Sie hatte ein glitzerndes Kleid an und hochhackige Schuhe und sah aus, wie ich nie im Leben aussehen wollte, denn wer so aussah würde nie einen ordentlichen Beruf lernen, nie Kranfahrerin werden oder Kombinatsdirektorin und am Aufbau unserer Volkswirtschaft teilnehmen können. Auch würde ich in diesen hockhackigen Schuhe nie Tante Bärbel befreien und mit ihr fliehen können. Außerdem waren blonde Frauen dumm, so wie Fräulein Kupinke aus dem Bäckerladen, die behauptete, Kuba würde am Mittelmeer liegen. Ich wußte genau, wo Kuba lag. An meinem letzten Geburtstag war Che Guevara ermordet worden, was ich als deutliches Zeichen nahm und seit längerer Zeit mit dem Gedanken spielte, für ihn den Kampf fortzuführen. In dieser Situation wäre es peinlich gewesen, eine Barbiepuppe mit langen blonden Haaren zu besitzen. Allerdings konnte ich die Puppe nicht einfach verschwinden lassen, was sollte Tante Bärbel sagen, wenn sie nach ihrer Befreiung bei uns wohnen und sich nach ihren Geschenken erkundigten würde? Es war wie mit den Kissenplatten von Tante Mürzel, die meine Mutter nur hervorholte und auf die Sofakissen zog, wenn uns die Tante einmal im Jahr besuchen kam, die aber trotzdem nicht weggeworfen werden durften. Ich suchte nach einem Ausweg, nahm zum Beweis meiner Kampfbereitschaft, die große Schere aus der Nähmaschine und schnitt der Barbie-Puppe vor den Augen meiner Freundin Silvia Rolapp die Haare ab. Zwar hatte sie mich um diese Puppe beneidet, war aber tief beeindruckt, wie ich es wagen konnte, mit einem Geschenk aus dem Westen derart umzugehen. Ich schnitt mich in einen Rausch, sprach über die Befreiung der Unterdrückten auf der ganzen Welt, wenn ich einen Colt gehabt hätte, so hätte ich zwischendurch in die Luft geschossen, und innerhalb weniger Minuten hatte die Barbie eine Glatze.

Als meine Freundin gegangen war, überfiel mich die Reue. Schon einmal, zwei Jahre zuvor, hatte es ein Fiasko gegeben, als ich festgestellt hatte, daß sich unter der hellen Haut meiner Babypuppe ein schwarzer Plastekörper befand. Ich war sicher, daß die Puppe aus rassistischen Gründen gefärbt worden war. Ich hatte mir schon immer eine Negerpuppe gewünscht, und im Dienste der Gerechtigkeit und internationalen Solidarität versucht, die helle Farbe abzukratzen. Ich begann mit dem Kopf, schaffte es aber nur bis in Augenhöhe, weil ich an beiden Zeigefingern eine Nagelbettvereiterung bekam. Auch hatte sich die Farbe nicht gleichmäßig ablösen lassen, was die Puppe unheilbar krank aussehen ließ. Aber auch Leprakranke waren unterdrückt und warteten auf ihre Befreiung. Insofern war das Ergebnis politisch korrekt. Meine Mutter war anderer Meinung. Ich hörte ihren Schrei bis in mein Kinderzimmer, nach dem ich die Puppe versehentlich im Bad liegenlassen hatte. Von diesem Tag an, durfte ich sie nur noch mit tief ins Gesicht gezogener Zipfelmütze mit auf den Spielplatz nehmen.

Ich erinnerte mich, daß ich damals zur Strafe vier Wochen lang sonntags kein Kompott essen durfte und versuchte die blonden Haare mit Kittifix wieder an den Kopf der Barbie-Puppe zu kleben, scheiterte jedoch kläglich, weil der Leim die Haare schrumpfen ließ und tiefe Furchen in das glatte Barbie-Gesicht äzte. Abgesehen davon, daß ich mir eine Barbie-Puppe mit gehäkelter Zipfelmütze nicht vorstellen konnte, hätte nur noch eine vollständige Vermummung geholfen, und ich beschloß, mich von dem gesamten Kopf zu trennen. Es war schwieriger, als ich vermutet hatte und gelang mir nur mit Hilfe eines Schraubenziehers und einer Kneifzange. Zwar verschaffte mir das Kopfabreißen für Minuten eine tiefe Befriedigung, brachte mich aber meinen Eltern gegenüber in einen Erklärungszwang. „Zeig doch mal die Barbie, die dir Tante Bärbel geschickt hat!“ Ich mußte ihnen zuvor kommen, mir etwas einfallen lassen. In diesem Fall reichte es nicht, zu sagen: Und dann war er auf einmal weg. Auch den Gedanken, ich hätte den Kopf beim Spielen auf dem Hof verloren, mußte ich wieder verwerfen, denn meine Mutter hatte selbst den Hosenknopf, den ich mir beim Schaukeln an der Klopfstange abgerissen hatte, wiedergefunden. Ein Barbiekopf verlor sich nicht so einfach. Ich durfte die Puppe weder mit in die Schule, noch auf die Straße nehmen und so kam ich auf die rettende Idee, Bodo Kunath, hätte meiner Barbie nach einem Streit, den Kopf abgerissen. Noch am Abend klingelten meine Eltern bei Kunaths und forderten den Kopf zurück. Es kam zu einem heftigen Steit im Treppenhaus, danach waren unsere Familien sieben Jahre lang verfeindet, grüßten sich nicht mehr und ich bekam Verbot, mit Bodo Kunath zu spielen, denn wer weiß, wozu ein Junge fähig war, der einer Barbie-Puppe den Kopf abriß. Es war mir ganz recht, denn ich konnte Bodo Kunath sowieso nicht leiden. Schwierig wurde es nur, als er damit begann, mich zu erpressen und verlangte, daß ich mir von Tante Bärbel ein Schweizer Taschenmesser für ihn wünschen sollte, was völlig unmöglich war, denn es war verboten direkte Wünsche an Tante Bärbel zu richten, Tante Bärbel allein bestimmte, was geschickt wurde, schließlich war es ja ein Geschenk. Das stand deutlich sichtbar auf dem Paket: Geschenksendung – keine Handelsware, und ich fragte mich, wer auf die Idee kommen könnte, wir würden mit Tante Bärbels Geschenken handeln. Wir behielten alles, selbst das Packpapier. Es wurde nach den Feiertagen in Stücke geschnitten und als Schutz in die Fächer im Kleiderschrank gelegt. Nur in der Schublade mit den Socken meines Vaters klaffte ein Loch, weil er darauf bestanden hatte, die Briefmarken herauszuschneiden. Die Marken zeigten den Kopf eines Mannes, der Gustav Lübke hieß und behauptete, der Bundespräsident Deutschlands zu sein, obwohl schon jedes Kindergartenkind wußte, daß es nur einen Politiker gab, der die führende Rolle der Arbeiterklasse und damit die Interessen des deutschen Volkes vertrat, und der hieß Walter Ulbricht und war unser Staatsratsvorsitzender. Die Marken kamen zu Tante Bärbels Foto in die Schreibtischschublade. Dort lag auch der ordentlich zusammmengerollte Bindfaden, der weil er eine „gute Qualtät“ hatte, nur auf Anfrage benutzt werden durfte. Wir kämpften um jeden Zentimeter. Niemand wäre auf die Idee gekommen, das Paket einfach so aufzuschneiden. Knoten für Knoten arbeiteten wir uns voran. Tante Bärbels Paket war der Höhepunkt jeder Bescherung. Erst wenn alle Geschenke verteilt waren und ich ordnungsgemäß, „Oh Tannenbaum“ und „Sind die Lichter angezündet“ abgesungen hatte, ging mein Vater auf den Korridor. Die Spannung stieg ins Unermeßliche. Wie würde er das Zimmer wieder betreten, würde er das Paket kaum halten können, und es mit herabhängenden Armen wie ein Oran-Utan vor sich herschleppen oder würde er es mit einer Hand tragen können?

Im Vorjahr hatte er eine klebrige Spur hinter sich hergezogen, weil es durch das durchgeweichte Packpapier getropft hatte. Schon Tage zuvor hatte meine Mutter den muffigen Geruch auf dem Korridor angemahnt und eine vorzeitige Öffnung gefordert. Wenigstens das Inhaltsverzeichnis! Aber Prinzip blieb Prinzip, Tante Bärbels Paket wurde am Weihnachtsabend geöffnet, mein Vater ließ sich nicht erweichen, im Gegensatz zu den Apfelsinen in dem Paket, die sich einem trivialen Schimmelpilz ergeben hatten. Im Westen war eben doch nicht alles Gold, was glänzt. Wir mußten das nachfolgende Jahr mit nackten Schrankbrettern verbringen, weil meine Mutter voreilig, wie sie nun einmal war, das alte Papier herausgenommen und weggeworfen hatte.

Wenn das Paket unter dem Weihnachtsbaum stand, versammelten wir uns wie bei einer Andacht darum herum und starrten es an. Lieber Gott, laß bitte eine Jeans darin sein! Auf den Colt hatte ich innerlich schon verzichtet. Erfahrungsgemäß dauerte es einige Minuten, bis mein Vater nach der silbernen Glocke griff, die immer in der Mitte rechts am Weihnachtsbaum hing, dann spannte sich mein Körper. Es war wie bei den Olympischen Spielen: Auf die Plätze, fertig, los! Ich hatte mir extra die Fingernägel langwachsen lassen, damit das Aufknoten schneller ging. Beim ersten Glockenton stürzten sich meine Mutter und ich auf das Paket. Erst wenn der Bindfaden ordentlich aufgerollt war, durften wir mit einem Küchenmesser den Klebestreifen lösen, der das Papier an den Seiten zusammenhielt. Danach kam erneut ein Bindfaden und erst dann trat mein Vater an das Paket, klappte den Karton auseinander und entnahm das Inhaltsverzeichnis, das oben auf der Holzwolle lag. Es war auf kariertes Papier geschrieben, eine herausgerissene Heftseite, und ich konnte meine Bewunderung für Tante Bärbel nicht verhehlen, denn mir war es verboten, Seiten aus meinen Schulheften zu reißen. Bevor ich ein Heft bekam, numerierte mein Vater die Seiten mit Bleistift, eine „notwendige Maßnahme“, nach dem er festgestellt hatte, daß ich wahrscheinlich das einzige Schulkind mit einem vierseitigen Mathematikheft gewesen war. Ich stellte mir vor, wie Tante Bärbel nach ihrer Befreiung, ungestraft die Seiten aus meinen Heften reißen würde.

Mein Vater stand vor dem Weihnachtsbaum, in seinen lichter werdenden Haaren hatten sich zwei Lamettafäden verfangen. Er hielt das Inhaltsverzeichnis mit aus gestreckten Armen vor seinen Körper, so wie die Engel, die in unserer Pyramide im Kreis liefen, ihre Notenblätter hielten. Mein Vater räusperte sich und holte tief Luft. Vor allem die richtige Haltung war wichtig, wer die Schultern hängen ließ, der würde seinen Text auch herunterleiern. Mein Vater war Deutschlehrer und hatte es zu seinem Lebensziel gemacht, mir alle großen Balladen der deutschen Dichtung beizubringen. Fehlerfrei, ohne zu stocken, mit der richtigen Betonung, denn die Betonung war das Wichtigste, das zeigte sich schon bei der Überschrift. „Inhaltsverzeichnis“. Mein Vater sprach das Wort aus, als handele es sich um eine unerwartet aufgefundene Ode Schillers und wartete darauf, daß wir ihn anerkennend ansahen. Erst dann hob er erneut die Stimme:

1 Dose Ölsardinen

1 Paket Onkel Benn’s Reis – in Klammer Langkorn

1 Dose Suchard express…

In meiner Not hatte ich Bodo Kunath die Hälfte von der zwölften Position versprechen müssen und hoffte darauf, daß es etwas kleines war, ein Paket Kaugummi oder eine Kosmetikprobe von Marika Röcks Hormocenta

1 Stück Frische Fa

1 Tube Lippi’s Vollmilch gezuckert…

Mit den Jahren hatte ich die Fähigkeit erlangt, die Milch so aus der Tube herauslaufenzulassen, daß selbst eine leere Tube wie neu aussah. Allerdings war ich nicht die einzige in unserer Familie, die auf diese Idee gekommen war, denn die Tube wurde auch ohne mein Zutun immer leichter und verschwand eines Tages kommentarlos aus dem Kühlschrank.

1 Dose Erbsen extrazart

1 Flasche Dujardin

Das Jahr zuvor hatte Tante Bärbel eine Flasche Rotwein geschickt. Der Name auf dem Etikett war so lang gewesen, daß selbst mein Vater beim Vorlesen ins Stocken geraten war. An der Weinflasche hing eine Gebrauchsanweisung, wie sonst nur an Möbelpolitur oder Terpentin. „Die Flasche bitte eine Stunde vor dem Trinken öffnen und moussieren lassen…“ Mein Vater hatte allein zehn Minuten gebraucht, um den Korken herauszubekommen. Sogar die Art der Gläser war vorgeschrieben. Meine Eltern standen sich gegenüber, als hätten sie soeben den Versailler Vertrag unterzeichnet, stießen an, tranken und verzogen beide gleichzeitig das Gesicht, wobei mein Vater als erster die Fassung wiederlangte, schließlich kam das Paket von seiner Schwester. Irritiert las er noch einmal die Gebrauchsanweisung, während meine Mutter in die Küche ging und den Zucker holte und erst nach dem dritten Löffel zufrieden war: „Jetzt schmeckt er fast wie Rosenthaler Kadarka.“

1 Dose Ananasscheiben leicht gezuckert

1 Tafel Schweizer Vollmilchschokolade 250 Gramm.

Ich war froh, daß ich die Tafel nicht mit Bodo Kunath teilen mußte, wobei es nicht die Schokolade war, die mich interessierte, sondern die Verpackung. Unter einer durchsichtigen Folie lagen acht mal sechs kleine buntbedruckte Täfelchen. Wenn ich nachts im Bett die Augen schloß, hatte ich die Bilder vor mir: Schneebedeckte Berggipfel, blühende Wiesen ein roter Zug, der durch die Täler fuhr. Mein Lieblingsbild war eine Uferstraße, hellgelbe Häuser, Palmen und am Kai warteten drei Boote darauf, hinauszufahren. Lago Maggiore stand in kleiner weißer Schrift am unteren Rand. Ein Wort, das ich mir auf der Zunge zergehen ließ, wie Schokolade. Einmal diese Straße entlanggehen, den Himmel sehen, der so blau war, daß es weh tat. Einmal in einem der Straßencafés sitzen und Limonade trinken, Eis essen und dann mit dem kleinen blauroten Boot auf den See hinausfahren. Ich kannte jede Planke am Boot, jede Faser des Taus, mit dem es am Ufer fest gemacht war. Immer wieder hatte ich dieses Bild abgemalt: mit Wasserfarben, mit Buntstiften, mit Wachsmalkreide. Mein Gefühl sagte mir, daß diese Uferstraße der schönste Ort auf der ganzen Welt war, aber gleichzeitig auch, daß ich dort nie Limonade trinken, Eis essen oder Boot fahren durfte. Ich würde darauf verzichten müssen, erlaubte mir, aber aller Vernunft und politischer Überzeugung zum Trotz, die Hoffnung, einmal diese Straße zu sehen, einmal den Wind zu spüren, der von Wasser her wehte. Ich beschloß, der Fahrt zu Tante Bärbels Befreiung heimlich einen Umweg zu machen.

1 Dose Champignons 3.Wahl

1 Paket Weihnachtsservietten

Die Serviettenpakete der letzten Jahre stapelten sich in unserem Buffett. Zwar gehörte es zur Tischordnung, daß beim Decken neben jeden Teller eine Serviette gelegt wurde, aber ich weiß nicht, was passiert wäre, wenn ich sie benutzt hätte. Auch wenn Besuch da war, wurden die Servietten nach dem Essen wieder eingesammelt. und von meine Mutter in der Küche auf Wiederverwendbarkeit geprüft. Waren sie nur zerknittert waren, wurden sie glattgestrichen oder zwischen die beiden Lexikonbände gelegt, und in besonders schweren Fällen griff meine Mutter zum Bügeleisen.

In wenigen Sekunden würde mit Position zwölf die Entscheidung fallen. Es war allein meine Schuld gewesen, denn ich hatte mich von Bodo Kunath dabei erwischen lassen, wie ich den Barbiekopf in die Mülltonne werfen wollte. Stundenlang hatte Bodo in der Nische neben dem Kellereingang gewartet, ich hätte es wissen müssen, aber andererseits wäre es auch zu gefährlich gewesen, den Kopf noch länger in der Wohnung zu behalten. Ich hatte mich gewehrt, so gut ich konnte, aber Bodo war zwei Jahre älter als ich und am Ende hatte ich den Kopf hergeben müssen. Jetzt lag er seit elf Monaten in Bodos Tresorsparbüchse. Er würde ihn nur gegen Position zwölf unseres Weihnachtspaketes wieder herausgeben, und drohte, wenn ich auf seine Forderung nicht erfüllte, mit Verrat.

Ich hielt die Luft an:

1 Paket Gillette-Rasierklingen…

Am liebsten wäre ich in die Luft gesprungen. Denn weder mein Vater noch Bodo Kunath hatten einen Bart, nur Tante Mürzel und die rasierte sich nicht. Ich stellte mir Bodos Gesicht vor, wenn ich ihm vereinbarungsgemäß das Inhaltsverzeichnis vorlegen würde. Ich wußte, daß er darunter litt, das er im Gegensatz zu den anderen Jungen aus seiner Klasse, noch nicht einmal den Ansatz eines Bartes hatte, ganz abgesehen von seiner hohen Stimme. Ich sah ihn wütend aufstampfen und hoffte, daß er im Erdboden verschwinden würde wie Rumpelstilzchen. Statt einem Königskind Rasierklingen, ein Ende wie im richtigen Märchen. Jetzt war ich sicher, daß ich eine Levis bekommen würde.

1 Schachtel Mon Cherie

1 Flasche Tosca 4711 Eau de Cologne

Nur zu besonderen Anläßen tupfte sich meine Mutter einige Tropfen Tosca auf die Ohrläppchen. Die Flasche mußte ein Jahr lang reichen, was nicht schwierig war, da die besonderen Anläße im Leben meiner Mutter rar waren.

Sie schwebte auf einer Toscawolke zur Frauentagsfeier, ging in Toscaduft gehüllt zu Tante Mürzels Geburtstag und wenn unserer Schulchor einmal im Jahr vor den Eltern in der Aula sang, konnten wir, wenn die Mütter bei „Sah ein Knab ein Röslein stehn“ vor Rührung ihre umhäkelten Taschentücher aus den Handtaschen nahmen, nur mit Mühe weitersingen, weil uns der Toscaduft den Atmen nahm. Ich war fest überzeugt, daß auch Tante Bärbel nach Tosca riechen würde. Überhaupt hatten der Westen einen eigenen Geruch. Einen Geruch, der selbst durch das geschlossene Paket drang, und sich, wenn es dann geöffnet war in der ganzen Wohnung ausbreitete und tagelang von den Zimmern Besitz nahm.

Es war jener SeifenpulverSchokoladenParfümTabakgeruch, den es sonst nur in dem kleinen Laden gab, der versteckt, in einer entlegenen Ecke des Hauptbahnhofes lag. Ein Laden , der so geheim war, daß selbst die Schaufenster und die Tür mit Gardinen verhangen waren. In diesem Laden durfte ich weder laut sprechen, noch herumrennen. Bis an die Decke stapelten sich die bunten Verpackungen. Es gab Nylonhemden, eine Vitrine mit Matchboxautos und mindestens zehn verschiedene Sorten Schokolade. Das Problem war nur, daß man in diesem Laden mit anderem Geld bezahlen mußte. Mit Geld, wie es nur Tante Bärbel hatte, die aber selbst bestimmte, was sie uns davon kaufte. Ich sollte nicht undankbar sein, denn es gab Leute auf der Welt, die nie ein Weihnachtspaket bekamen. Und da mein Vater die Tante verschwieg, bestand auch keine Hoffnung, daß sie uns jemals besuchen kommen würde, so wie der Onkel von Bodo Kunath, der am Ende seines Besuchs zwanzig Mark in Bodos Tresorsparbüchse gesteckt hatte.

Als einzige Möglichkeit jemals in diesem Laden einzukaufen, blieb uns nur die Beteiligung an der Lotterie, die zweimal im Jahr unter dem Motto: Jedem Messegast ein Bett! in unserer Stadt veranstaltet wurde. Konkret hieß das: Jedem Messegast „mein Bett“, denn ich mußte mein Kinderzimmer räumen und in das Schlafzimmer meiner Eltern umziehen. Eine Woche lang besetzten Messegäste aus aller Welt die Kinderzimmer in unserem Haus, stießen sich in Einmeterachtzig Jugendbetten die Füße wund und starrten am Morgen nach dem Aufwachen auf Pittiplatschtapeten und Fuchs-und-Elster-Lampen. Es gab Familien, die, um ihren Einsatz zu verdoppeln, ihre gesamte Wohnung räumten und in Gartenlauben campierten. Und es ging das Gerücht, daß Bodo Kunath wegen eines Pariser-Parfümhändler fünf Tage lang auf einem Bügelbrett in der Bodenkammer geschlafen hatte. Denn der Hauptgewinn war einer von „Drüben“, einer den man dazubringen konnte, das Übernachtsgeld nicht in DDR-Mark zu bezahlen. Es war wie das Warten auf das Westpaket: Kommt er oder kommt er nicht. Schweizer Käse, Brüssler Spitzen oder doch wieder nur VEB Suhler Jagdwaffen. Und damit wir wußten, was wir uns von dem Geld kaufen würden, wenn es dann soweit wäre, gingen wir schon einmal gucken. Es war wie kurz vor der Ziehung der Lottozahlen, meine Mutter fragte, was die kompletteTosca-Kosmetik-Palette kosten würde und ich stand vor dem Jeansregal und überlegte ob ich eine Levis original oder eine weiße Wrangler nehmen sollte. Voller Hoffnung gingen wir nach Hause und dort wartete der technische Direktor der Moskauer Motorenbetriebe vor unserer Wohnungstür.

1 Dose Niveacreme

1 Feinstrumpfhose für Kathrin

Ich hoffte, daß es eine Verwechslung war. Ich haßte Kleider und Röcke und ahnte, was auf mich zukam. Meine Mutter würde sich an das weinrote Samtkleid erinnern. Und auch wenn es sicher einfach war, mit der Strumpfhose irgendwo hängenzubleiben, würde es doch wieder Ärger geben. Dazu kam, daß ich mich für diese Strumpfhose auch noch bedanken müßte. Liebe Tante Bärbel, du hast mir mit deinem Geschenk eine besondere Freude gemacht. Schon bei der Barbie-Puppe hatte ich versucht mich zu weigern. Da hat sich Tante Bärbel das ganze Jahr über Gedanken gemacht und du willst ihr nicht einmal einen Brief schreiben!

1 Tube Irisch Moos Rasiercreme

1 Dose Havesta Heringe in Tomatensoße…

Ich hörte die Stimme meines Vaters wie durch eine Wand. Erst wenn das Inhaltsverzeichnis komplett verlesen war, durfte das Paket ausgepackt werden. Die Dujardin-Flasche war in einen extra Karton in mattglänzende weiße Flocken gebettet. Mein Vater nahm eine Flocke zwischen zwei Finger, drehte sie mehrmals hin und her, roch daran und führte sie schließlich zu seinem Mund. Es quietschte, wie wenn ein abgebrochenes Stück Kreide über die Wandtafel schliff. Jetzt wurden alle ausgepackten Geschenke auf unserem Wohnzimmertisch drapiert. Meine Mutter holte die Gläser und vorsichtshalber die Zuckerdose. Noch lange Zeit, nach dem ich im Bett lag, hörte ich meine Eltern kreischen und durch die Wohnung laufen. Darauf einen Dujardin! Da sah man wieder einmal, wozu der Kapitalismus die Menschen trieb. Mir fiel ein, daß ich die Strumpfhose, um gefährlicher auszusehen,bei Tante Bärbels Befreiung über meinen Kopf ziehen könnte.

Wenn das Weihnachtsfest vorüber war, baute ich mir aus den leeren Verpackungen in einer Ecke meines Kinderzimmers einen eigenen Intershop. Er hatte immer geöffnet und jeder konnte bezahlen, womit er wollte.

Ich erinnerte mich zwanzig Jahre später daran, als aus dem Laden, in den ich immer einkaufen ging, über Nacht ein Supermarkt geworden war. Jetzt hatte ich das richtige Geld, konnte all die Dinge kaufen, auf die ich früher in Tante Bärbels Paketen gehofft hatte, und doch war es nicht so wie ich es immer erträumt hatte. Es dauerte Wochen, bis mir klar war, das es der Geruch, war, der mir fehlte. Die schöne neue Welt roch nicht nach Tante Bärbels Paketen. Ich nahm mir vor, nie zum Lago Maggiore zu fahren. Doch auf dem Weg nach Mailand konnte ich der Versuchung nicht widerstehen und nahm, statt auf der Autobahn zu bleiben, die Abfahrt nach Stresa. Je näher ich dem Wasser kam, um so dichter wurde der Nebel. Ich parkte neben einem Reisebus. An dem Nummernschild sah ich, daß er aus Bochum kam. Auf dem Weg zur Strandpromenade überholte ich eine Rentnergruppe, die durch den Nebel irrte. Ich suchte nach einem Café und fand nur eine Gelateria, in der die Stühle hochgestellt waren. Neben der Anlegestelle stand ein Fernrohr, an dem ein Schild eine schöne Aussicht versprach. Ich stand in mitten von Nebelschwaden am Ufer, die Hände in meinen Jeans und wartete auf das Boot.