Abgeschoben

>>englische Fassung

Ansage:

Die Macht der Bürokratie

Die Abschiebung der Familie Bajrami

Feature von Kathrin Aehnlich und Ingo Colbow

O-Ton Agim:

Wo mein Bruder in das Zimmer kam, ich saß da allein, habe ferngesehen und sagte, die Polizei, ich dachte, er macht Späße. Und dann bin ich auf einmal aufgestanden und habe die Polizei vor der Tür gesehen und dann war ich auf einmal weg von mir. Es war sehr schlimm, weil ich wusste nicht, was uns erwartet.

O-Ton Buletin:

Und dann sind die reingestürmt und haben das Haustür kaputt gemacht und haben mich dann als erstes festgenommen und haben mich in Wagen da Polizeiwagen und haben zugemacht. Und da bin ich da geblieben und habe geweint und geweint. In dem Moment wusste ich nichts mehr, ich war außer Kontrolle sozusagen.

Sprecherin:

Es sind meine Nachbar gewesen. Die Familie Bajrami aus dem Kosovo. 11 Jahre lang haben sie in Deutschland gelebt – friedlich. Zu erst in einem Wohnheim, dann in einem Containerdorf und dann, weil es sich glücklich fügte in einem Gartenhaus in Markkleeberg. Zur Verfügung gestellt von dem Fußballtrainer der Jungen, der den Bajrami Söhnen vorhersagt.

Dann kommt die Nacht vom 3.März zum 4.März 2004.

O-Ton Agim:

Und dann sind die reingestürmt, Tür aufgebrochen und uns gefesselt, auf dem Boden gleich, weil, ich habe mich nicht gleich fesseln lassen, auf den Boden geschmissen. Ich bin die Treppen hoch gelaufen und die haben mich von den Treppen runter gezogen. So runter, weil ich wollte erst einmal den Rechtsanwalt anrufen und die Freunde und Telefon die haben nicht zugelassen. Es war ja nicht nur eine, vier fünf Leute saßen auf einem drauf. Der ganze Teppich, was im Wohnzimmer war, wurde so zusammengerollt. Man konnte sich nicht normal mit denen unterhalten. Sie wollten nichts hören, nur fesseln und abgehts. Man muss doch jeden wie einen Menschen behandeln, egal was für eine Rasse er ist, woher er kommt oder…

O-Ton Buletin:

Ja, der Rechtsanwalt war da, Krankenwagen war da, Presse war da, alles war da, aber die wurden nicht reingelassen. Man hat die auch schlecht behandelt in dem Moment, weil die Polizisten auch in den Regeln nicht mitgemacht haben. Die Nachbar haben die Tür, den Polizisten sozusagen die Wege gesperrt. Und die sind auch sehr aufgeregt und wollten uns helfen. Und die sind auch in unsere Mitleid gewesen, die haben auch unterstützt und haben gesagt: Ihr dürft das mit der Familie nicht machen.

Atmo: Straße/Ich schäme mich für Deutschland

Sprecherin:

Die Empörung der Nachbar und Freunde der Familie verhallt ungehört. Die Lage im Kosovo hat sich entspannt. Nach elf Jahren soll die „Duldung“ der Familie in Deutschland nicht mehr verlängert werden. Die Plätze im Flugzeug sind bereits gebucht. Die Familie muss packen. Sofort. Jeder 20 Kilo, das übliche Gepäck für eine Flugreise. Erst jetzt fällt den Beamten auf, dass ein jünger Sohn noch nicht vom Fußballtranig zurückgekehrt ist. Es wird beschlossen nur den Vater mit den Kindern abzuschieben. Die Mutter soll mit dem noch fehlenden Sohn später folgen. Doch dann erleidet der Vater einen Herzanfall. Jetzt bleiben zur Abschiebung nur noch die größeren Kinder. Die 15 jährige Emine, der 19jährige Buletin und der 20 jährige Agim. Die drei werden, trotz des Protestes der Anwohner und des Anwalts, jeder einzeln in eine Zelle in einem Kleinbus gesperrt und abtransportiert. Das Ziel der Flughafen in Düsseldorf.

O-Ton Agim:

Ich wollte nicht wirklich freiwillig das Land verlassen. Ich habe mich gewehrt, ich wollte nicht weg. Ich liebe dieses Land so sehr, Deutschland. Dann hat man mich genommen, jeder am rechten Bein, am linken Bein, am Arm an Schulter geschnappt, fünf Personen und haben mich versucht die Treppe hoch zu bringen und ich habe mich so an die Treppe geklammert, mit den Füßen dann und dann hat einer so drauf gehauen mit so einem Schlagzeug, Schlagstock. Dann haben die mich ins Flugzeug geschmissen, hinten, mit gefesselten Händen, nicht mal die Hände entfesselt. Dann dort zwei Security von Flugzeug zu mich gesetzt, dass ich mich nicht bewegen kann. Das ging bis nach Pristina mit gefesselten Händen. Dann kurz vor der Landung hat mir der Security-Mann die Hände entfesselt.

O-Ton Buletin:

Ich persönlich war ich fertig, ich konnte mich nicht mehr wehren, ich konnte nichts mehr machen. Ich war einfach abgeschafft. Ich konnte nicht mehr reagieren. Ich war fertig. Ich konnte nichts mehr. Ich habe mich nur hingesetzt und darauf gewartet, was mit mir passiert. Was die Polizisten mit mir machen und was die alles vorhaben. Für mich war alles fremd.

Ich habe selber mit meinen eigenen Augen gesehen, das man da sehr zwanghaft das alles durchgezogen hat. Mit roher Gewalt sozusagen, man hat keine Rücksicht genommen auf nichts. Auf Kinder, auf ältere Menschen, auf niemanden. Jeder wurde so behandelt, wurde mit aller Macht in den Flieger reingesetzt und musste raus. Alles war dabei. Wurde zwanghaft abgeschoben.

O-Ton Agim:

Ich kann es doch auch nicht machen. Jeder soll sein Leben leben, wo er möchte. Wo er es besser hat, wo er ein normales Leben führen kann. Er kann doch nicht über jemanden bestimmen, wo er leben soll. Was er machen soll. Und dann haben sie auch immer so gesagt: Kanake, geh dein Land aufbauen. Was willst du hier. Immer mit gefesselten Händen. Dann haben die mich auch so zum Flughafen gebracht. Ich meine vom Bus zum Flugzeug, als ob ich Terrorist wäre oder wer weiß was.

Sprecherin:

Der Anwalt Stefan Costabel, der sich seit Jahren – unentgeltlich – um ein Aufenthaltsrecht der Familie in Markkleeberg bemüht, erreicht mit Hilfe der „Caritas“, dass wenigstens die 15 jährige Emine bei ihren Eltern bleiben darf. Zunächst. Denn eine erneute Abschiebung der Familie droht.

Den beiden Jungen kann er nicht mehr helfen.

O-Ton Buletin:

Ich wusste nicht, wo ich hingehe. Ich wusste nicht, was mich hier erwartet, ich wusste nichts. Ich bin in den Flieger gezwungen reinzugehen, ich musste hier fliegen nach Pristina. Und die haben mich hier rausgesetzt und keiner hat sich mehr um mich gekümmert. Im Flughafen raus und dann musste ich selber sehen, wo ich hingehe und was ich hier mache. Für mich war alles Fremdland.

O-Ton Agim:

Gleich der erste Augenblick war sehr schlimm, wo wir ausgestiegen sind aus dem Flugzeug, niemanden gekannt, nur so blind den Leuten hinterher gegangen. Ich bin glaube ich, als letzter ausgestiegen, nur so blind den Leuten hinterher gegangen, wo lang die gegangen sind, ich habe mich irgendwie fremd gefühlt, ich fühle mich immer noch fremd. So leer, keine Ahnung, Gedanken floss gar keine, nur über dort. Ich wusste nicht, was uns erwartet, wo wir hin sollen, was wir machen sollen.

O-Ton Buletin:

Ich habe gezweifelt, ich habe geheult. Für mich war alles fremd. Die Leute das Umfeld, das Land, alles. Ich wusste gar nicht wo ich bin, was mich hier erwartet, gar nicht. Viel schwere Zeit. Und man hat immer gesagt, man organisiert was im Flughafen. Nichts. Man hat mich rausgeschmissen am Flughafen und keiner hat sich gekümmert mehr. Keiner hat gefragt, wer ich bin, was passiert, wohin. Was mich hier erwartet. Niemand. Ich wusste nicht weiter. Ja. Uhr tickt – war eine schwere Zeit damals (ganz traurig) Uhr tickt – atmet

Sprecherin:

Getrennt von ihren Eltern werden die beiden Jungen am Flughafen Pristina „ausgesetzt“. In der Zwischenzeit flüchtet die Familie zusammen mit der zurückgekehrten Emine in ein Leipziger Kircheasyl. Dort leben sie über zwei Jahre lang. Immer unterstützt von dem Markkleeberger Freundeskreis, der Schulunterricht für die Kinder organisiert, täglich für Lebensmittel sorgt und sich gemeinsam mit dem Anwalt um eine Aufenthaltsberechtigung müht. Nach über zwei Jahre, die sie „freiwillig“ in einer Wohnung eingesperrt sind, kann die Familie das Asyl verlassen. Die Markkleeberger haben für Arbeits- und Ausbildungsplätze gesorgt und eine finanzielle Bürgschaft hinterlegt. Langsam kehrt Normalität in das Familienleben ein.

Atmo: Busbahnhof

Sprecherin:

Und Agim und Buletin?

Am ersten Schulferientag im Sommer 2007 macht sich die Familie auf die Reise. Hacif, der jüngste Sohn, kann vor Aufregung nicht mehr still stehen, nach drei Jahren wir er seine Brüder das erste Mal wieder sehen. Bis es soweit ist liegen allerdings noch 25 Stunden Busfahrt vor uns.

Atmo: Bus innen

Sprecherin:

Auf den Monitoren im Bus laufen albanische Fernsehprogramme und die Durchsagen der Busfahrer sind albanisch. Alle Reisenden haben blaue Umnic Pässe, nur wir fallen auf: mit unserem weinroten deutschen Pass. „Es ist, als wären Chinesen im Bus!“ sagt der Mann vor uns. An allen Grenzen das gleiche Spiel, der Beamte geht durch den Bus, sammelt wahllos Pässe ein, die ihm hinter dem Bus der Fahrer mit elegant zwischen die Passagierliste gelegten Scheinen wieder abkauft. Dafür bleiben die Gepäckklappen geschlossen. Vor der serbischen Grenze werden alle verwarnt: Nicht zu fluchen, nicht zu lachen, keine Grimassen zu schneiden. Dieses Mal verschwinden unsere Pässe. Zwei Deutsche in einem albanischen Bus sind verdächtig. Der Rückkauf wird teuer: 40 Euro pro Pass. Die Fahrt selbst – von München nach Pristina – hat 70 Euro gekostet.

Je näher wir Pristina kommen, um so unruhiger wird es Bus. Frauen holen Highheels aus dem Gepäck, alle wollen „schön“ in Pristina ankommen. Auch Emine wechselt ihre Schuhe. „Ich liebe Markkleeberg“ ruft sie beim Anblick der grauen Plattenbauten, die an die frühen siebziger Jahre in der DDR erinnern.

Atmo: Ankunft

Sprecherin:

Das sind sie der große schmale Agim und der kleinere kompakte Buletin. Alle liegen sich in den Armen. Ein Wiedersehen nach drei Jahren.

Erinnerungen kommen hoch an damals, als sie allein in Pristina ankamen. Damals sorgten die Markkleeberger Freunde dafür, dass sie wenigstens von einem Caritas Mitarbeiter abgeholt und zum Großvater aufs Dorf außerhalb von Pristina gebracht wurden.

O-Ton Agim:

Niemanden gekannt, Stromausfall war da, und nur mit der Kerze. Jeder hat dich gedrückt. Man war wie weg. Saß nur da. Jeder hat versucht etwas zu erzählen: Wieso kennst du mich nicht. Haben die Eltern nicht erzählt? Die Leute haben sich beleidigt manche gefühlt, warum man sie nicht kannte. Und es war auch sehr eng. Und trotzdem in ihren Möglichkeiten waren sie sehr nett. Und haben versucht jemanden aufzumuntern. Herzlich, wie es hier ist. Jeden Menschen behandeln die herzlich. Versuchen den ein guter Gastgeber zu sein. Jeder seine Möglichkeiten. Es ist sehr schwer hier.

O-Ton Buletin:

Für mich war das alles Fremdland, ich wusste nicht, in welche Richtung das hingeht oder was mich hier erwartet. Ich wusste nur, ich muss mich in der Kommune anmelden. Ausweise vorbereiten und Pass. Und damit habe ich mich dann vier oder viele Monate beschäftigt, bis ich das bekommen habe. Und mich hat hier keine gefragt, wo du bleibst oder wo du bist, oder was hier passiert. Keiner. Und ich muss dann selber sehen, was ich mache. Und ich hatte keine Möglichkeiten was zu machen. Ich musste da in dem Dorf bleiben und den Leuten helfen, was ich konnte. War nichts anderes möglich.

O-Ton Agim:

Es war einfach für mich ….. Es war einfach schlimm. Man versucht immer nicht daran zu denken, versucht zu vergessen. Aber es geht nicht. Man will auch nicht drüber reden wollen. Selber in sich verarbeiten (atmet) weil so schlimm war (schnieft). Weil wir haben gern in Deutschland gelebt. Gut uns eingelebt. Wollten alles versuchen, aber…..

Es war wirklich so sehr schlimm. Ich will das nicht gern noch mal so was erleben.


Die beiden werden bei ihrem Großvater abgegeben, an den sie sich nach elf Jahren kaum noch erinnern können.

O-Ton Opa:

(albanisch)

Übersetzer:

Als Buletin und Agim abgeschoben wurden, war es schrecklich man kann sagen tödlich. Sie kamen zu mir. Ich bin selbst nur mit größter Mühe mit meiner Familie um die Runden gekommen. Jetzt musste ich auch noch für die beiden sorgen. Die Armut ist für sie sehr schwer. Aber zum Glück sind sie gesund und jung. Es ist für sie schwer getrennt von der Familie, von Vater und Mutter zu leben. Sie haben kein zu Hause. Sie haben bestimmt das kaputte Haus gesehen. Auch in Gadime gibt es nur Armut. Wohin sollen die beiden gehen? Es gibt kein Haus und was sollen sie essen?

Sprecherin:

Auf „Wunsch“ der deutschen Behörden sollten Agim und Buletin dorthin zurückkehren, wo sie hergekommen waren. Wir fahren mit der Familie Bajrami in ihr altes Dorf. Herr Bajrami und seine Söhne zeigen uns das Haus oder besser das, was von ihm übriggeblieben ist.

Atmo: Musik/ Hochzeit/ Nachbargrundstück

(auf Musik) Buletin: Hier geboren, hier gewohnt. Hier war Schlafzimmer sozusagen. Und musst man hier leben sozusagen. In diese kleine Haus.

Zwei Zimmer und eine Küche sozusagen.

FR: d hast Du noch eine Erinnerung daran, wie es für Euch Kinder damals war?

B. Ich weiß nicht? Es war schon schwer. Aber wir hatten nicht soviel Platz. Wir mussten alle zusammen hier wohnen.

Sprecherin:

Zwei kleine Räume eine fensterlose Küche. Hühner stieben davon. Das Haus hat keine Türen mehr. Die Fußböden sind vermodert. Alles ist kaputt, geplündert. Nur an einem Nagel hängt noch der Mantel von Frau Bajrami: Vor vierzehn Jahren vergessen auf der Flucht.

Frage: Erzähl mal, was alles zerstört ist?

Agim: Das ganze Haus, wie Sie sehen. Alles hier zerrissen. Die Fenster. Boden. Und im Dach sehen Sie doch auch. Strom gibt’s nicht. Hier kann man nicht leben. Sie sehen doch: die ganzen Zimmer, die Küche einfach… Hier kann man doch nicht leben. So klein.

Buletin: Wir wussten nicht, wohin. Und wir haben immer wieder betont, dass das so ist hier unten. Aber man hat uns nicht geglaubt.

Agim: Oder nicht glauben wollen…. Bestimmt war es denen egal.

Buletin: Weil, wir haben immer wieder betont, dass für uns hier unten kein Platz ist, kein Einkommen, kein Haus…. Niemand. Aber den hats einfach nicht gekümmert. War den egal sozusagen.

Wenn wir alle hier runter gekommen wären, dann müssten wir hier leben. So, wie sie es hier sehen.

Frage: Aber wäre die Familie her gekommen, hättet ihr nicht zum Opa gehen können?

B: Der hat keinen Platz. Uns hat er auch nur für eine bestimmte Zeit aufgenommen. Und eigentlich haben wir den auch nicht gefragt, ob die uns aufnehmen. Wir sind einfach gekommen. Ob wir gewünscht waren oder nicht? War egal. Aber die wollten uns helfen und haben ein Bett und Platz frei gemacht.

Sprecherin:

Im Nachbarhaus wird eine Hochzeit gefeiert. Das gelbangestrichene Haus ist groß, hat zwei Etagen. Es ist ein Ferienhaus. Die Besitzer wohnen in der Schweiz. Die zwei Welten im Kosovo.

Über die Flucht wurde wenig gesprochen in der Familie Bajrami. Uns wird bewusst, dass es ein großes Vertrauen ist, dass sie mit uns hierher gefahren sind.

Sprecherin:O-Ton Agim:

Ich habe gefragt, aber er hat immer blockiert. Immer kamen wie Tränen in den Augen, wie bei mir am Anfang. Jetzt geht’s ja besser mit der Stimme und alles. Dann habe ich es gelassen.

Ich finde es ist besser, ihn sich nicht erinnern zu lassen, das macht ihn innerlich kaputt. Der ist auch schon jetzt, finde ich, der ist anders geworden. Viel ruhiger.

O-Ton Buletin:

Weil man die albanische Bevölkerung immer schlecht behandelt hat, hier im Kosovo. Man hatte keine Freiheit. Im Dunkeln, wenn man erwischt wurde, die hatten das recht dich zu Ohrfeigen oder dir einen Grund zu geben, dass die dich schlägen. War für den kein Problem. Viele können das von damalige Zeit beweisen. Dass die so behandelt worden, ohne Grund. Man wurde schlecht behandelt, als Minderheit erkannt sozusagen.

Und dann haben wir die einzigste Flucht gesehen, in Ausland zu kommen, in Deutschland oder so. Das wir wenigstens dort eine Zukunft haben, freier sind. Und das machen können, was wir, arbeiten zum Beispiel oder leben, zu verdienen. Das war der einzigste Grund, das wir raus mussten, durch die Armut hier, wegzukommen.

O-Ton Opa:

(albanisch)

Übersetzer:

Die Lage war sehr schwierig. Sie haben auf uns mit Gewehren mit Zielfernrohren geschossen und haben versucht, so viele Kosovaren wie möglich zu treffen und zu töten.

Wenn Du auf der Straße erwischt wurdest, hat man dich geschlagen.

Ich bekomme immer noch Angst, wenn ich daran denke. Zu mir kam ein 75jähriger Verwandter und fragte, was mache ich, wenn sie uns umkreisen. Ich sagte, keine Angst, bis zu meinem Tod werde ich dich auf meinen Schultern tragen, wohin ich auch gehe. Meine Frau war krank, sie bekam keine Luft und wir hatten keine Medikamente, weil wir auf der Flucht waren. Ich darf nicht daran denken, was ich erlebt habe, dann werde ich verrückt.

Sprecherin:

Die Angst vor den Serben ist noch gegenwärtig. Als wir durch Serbien fuhren und wegen eines Unfalls warten und den Motor ausstellen mussten, hielt der Busfahrer die Türen geschlossen. Eine Stunde lang, bei vierzig Grad im Schatten.

Heute leben im Kosovo nur noch wenige Serben. Will man in das Dorf des Großvaters besuchen muss man durch drei serbische Orte. Wir halten an und spüren auch dort Misstrauen und Angst.

Der Großvater wohnt in einem Haus, dass ihm ein geflohener Nachbar überlassen hat. Das Haus hat drei Zimmer. In einem Zimmer wohnt der eine Onkel mit seiner Frau und seinen Kindern, in dem zweiten der andere Onkel mit seiner Familie. In dem dritten Zimmer lebt der Großvater – nun mit seinen beiden Enkeln Agim und Buletin. Er besitzt einige Schafe. Die beiden Onkel versuchen hin und wieder durch Holzhacken Geld zu verdienen. Das einzige feste Einkommen hat der Großvater:40 Euro im Monat – die im Kosovo übliche Altersrente.

O-Ton Buletin:

Waren schwierige Monate, weil wir auch nicht klarkommen mit den Leuten, das ganze Umfeld, war für uns schwer. Die ganze Mentalität, die ganzen Leute, die ganze Situation. Der ganze Umgebungsgeist war für uns fremd. Das waren Bekannte und für uns Verwandte, aber trotzdem war es fremd. Weil wir als Kinder nach Deutschland gekommen sind. Für uns waren das fremde Leute, wir mussten die kennen lernen erst einmal, in der Zeit.

Sprecherin:

Die beiden sehnen sich nach Markkleeberg. Nach einer funktionierenden Wasser -und Stromversorgung, nach einer Müllabfuhr. In einem Graben der durch das Dorf führt liegen Plastikflaschen. Erst beim genauen Hinsehen erkennt man, dass sie sich bewegen: Es ist ein Fluss. Versagen die Wasserleitungen und das ist in diesem heißen August fast täglich der Fall, dann holt die Familie Wasser an der Quelle. Nach einer Woche im Kosovo leiden alle Kinder an Durchfall und Erbrechen.

O-Ton Buletin:

Stressig. Es geht ihnen durcheinander, die habe viel sich neu zu stellen. Viele Umstellungen Mit dem hier sein? Was ist das alles?

Mit der ganzen Situation mit der Hitze und Stromausfall. Kein Wasser und alles das.

Und wie ist die Stimmung nach einer Woche?

Nicht so gut.

Haben sie schon gesagt, dass sie zurück wollen?

Ja, eigentlich ja.

Wer möchte am ehesten zurück, wem fällt es am schwersten?

Liridona und Hacif und Emine.

O-Ton Agim:

Ich habe mich da sehr wohlgefühlt in Markkleeberg zu leben. Es war eine sehr schöne Stadt oder Dorf, kann man nicht sagen, kann man nicht sagen (lacht) ja Stadt. Sehr schön dort zu leben. Sind viele, alle nette Leute. Ich hatte nie Probleme mit niemanden, freundlich. Einfach das Leben genossen. Sich wie ein Mensch gefühlt. Und dort gerne gelebt.

O-Ton Buletin:

Das schönste an Markkleeberg?

Einfach, dass ich mich da wohlgefühlt habe und frei. Ich war das was ich war. Ein Mensch wie alle anderen. Ich hatte die Möglichkeiten alles zu tun oder alles zu lassen. Das ich mich dort wohl gefühlt habe und meine Seele. Und auch die Sprache gut beherrscht habe. Das die Leute mit mir klarkommen und ich bin auch klar gekommen. Ich hatte keine Probleme. Und das schönste war (…) die Freunde der Sport. Alles.

O-Ton Agim:

Das ganze Leben, wie wir uns integriert haben, wie wohl wir uns gefühlt haben. Das war das wichtigste: sich wohlfühlen. Das war unser Zuhause. Wir haben uns sehr wohl gefühlt. Wir haben uns mit Sport beschäftigt, mit guten Freunden getroffen. Uns nicht mit jedem eingelassen.

Und sich wohlgefühlt zu haben. Und sehr sicher.

Sprecherin:

Diese Sicherheit vermissen die beiden Jungen in dem Dorf des Großvaters. Obwohl die beiden von der Familie freundlich aufgenommen werden, gehören sie nicht dazu. Sie sind Fremde. Waren zu lange weg. Wo seid ihr gewesen, als bei uns Krieg war? fragen viele. Keiner glaubt ihnen, dass sie arm aus dem deutschen Schlaraffenland zurückgekehrt sind.

O-Ton Agim:

Ja klar hatten wir Angst. Das man versucht, uns zu erpressen oder wer weiß was. Weil alle Leute denken, die vom Ausland haben Geld. Die denken im Ausland na, dort findet man Geld auf der Straße. Wenn man auf der Straße ist, gleich erkennt man am Gesicht. Kennst man, dass er nicht von hier ist.

Ich habe es nicht dazu kommen lassen. Ich bin nicht ausgegangen alleine. Immer mit Onkel oder so. Nachts nie, nur tags. Man hat sich vorher selber gewehrt und die Situation entschärft.

Sprecherin:

Wieder helfen die Markkleeberger Freunde. Die beiden Jungen sollen nach Pristina ziehen, dort fallen sie weniger auf und haben vielleicht die Möglichkeit eine Arbeit zu finden oder einen Ausbildungsplatz. Zweihundertfünfzig Euro überweisen die Freunde und die Familie gemeinsam jeden Monat nach Pristina.

O-Ton Buletin:

Die Miete haben wir 180 € und wir persönlich verbrauchen 70 Euro monatlich haben wir. Und dann kommt noch Stromrechnung und andere. Und das müssen wir essen, von diesen 70 Euro. Wir beide, ich und mein Bruder sozusagen.

Einen Euro am Tag?

Ja kann man so sagen.

Und was kauft ihr von dem einen Euro?

Wir kaufen Brot oder Makkaroni, Spaghetti, da kostet eine Tüte so 50 Cent. Reis. Mit diesen Möglichkeiten sind wird da, sozusagen.

O-Ton Agim:

Und fällt es auch schwer, von jemanden Geld zu erwarten. Aber wir können uns nur ganz herzlich bedanken. Ich weiß nicht wie ohne die wir unser Leben weitergeführt hätten. Wie es gewesen wäre ohne diese Unterstützung von denen, weil eigentlich halten die uns am Leben. Wer soll sonst uns am Leben halten, wenn wir nichts zu essen hätten und kein Dach überm Kopf. Nur tausend Mal Dank. (Uhr)

O-Ton Opa:

(albanisch)

Übersetzer:

Ohne diese Hilfe würden die beiden vor Armut umkommen. Vielen herzlichen Dank ! Wenn es diese Hilfe nicht gäbe, wären die beiden in einer sehr schwierigen Situation. Wenn ich könnte, würde ich selbst für sie sorgen. Aber wie? Meine Söhne suchen den ganzen Tag Arbeit. Wir ein Arbeiter für einen Tag für 10 Euro gesucht, dann gegen 100 Bewerber hin.

Ich bedanke mich bei den Deutschen für ihre Hilfe.

Möge Gott sie schützen.

O-Ton Agim:

Am Ende des Monats werden wir angerufen und dann eine Nummer übergeben und dann holen wir das Geld über Western Union ab.

Was viele nicht glauben, dass wir Unterstützung von den Deutschen bekommen, die glauben nicht dran. Weil die denken, wir verarschen die. Ich glaube, wir sind etwas Spezielles. Das man uns unterstützt.

Sprecherin:

Überall in Pristina leuchten die gelben Schilder der Western Unio Banken. Es ist alles nur eine Frage der Überweisungsgebühr. Es gibt weder Arbeitslosengeld noch Sozialhilfe und so hängen bei einer offiziellen Arbeitslosigkeit von über 70 Prozent viele Kosovo-Albaner am Tropf ihrer im Ausland arbeitenden Verwandten. Dass deutsche Nachbarn zwei abgeschobene Jungen unterstützen halten alle für ein Märchen.

O-Ton Agim:

Die waren überrascht, wie man unsere Familie behandelt hat und versucht hat, alles in die Wege zu leiten, das die dort bleiben, wie man uns unterstützt hat, angerufen hat und die haben immer gedacht, dass wir denen was falsches erzählen, wo wir die Wahrheit gesagt haben. Die dachten nicht, dass die Deutschen so herzlich sind und so. Weil jeder nicht so was erlebt wie wir. Die sagten, was habt ihr mit den Deutschen gemacht, dass die euch so mögen und so was.

O-Ton Buletin:

Und so wollen wir eigentlich nicht leben. Wir wollen eigenes Geld, eigenes Leben, eigene Möglichkeiten haben. Für uns ist das auch schwer. Wir möchten das so nicht weitermachen. Wir möchten eine eigene Zukunft haben, eine eigene Vision, eine eigene Vorstellung.

Sprecherin:

Wir wollen es nicht glauben, dass es in einem Land, das sich mitten in seinem Wiederaufbau befindet, keine Arbeit gibt. Vor unserer Reise haben wir uns im Internet Prospekte angesehen. Eingliederungsprogramme für Rückkehrer. Der Direktor der … empfängt uns persönlich.

Atmo: O-Ton als Atmo nehmen

Die AGEFist eine Organisation mit dem Sitz in Berlin, mit den Projekten, die ein Ziel haben: die Integration mit Leuten, die in Deutschland eine Zeit gewesen sind und die wieder zurückkehren in ihre Heimat. Seit 7 Jahrenbin ich hier tätig im Projekt: Job für Kosova

Wir haben versucht, die Leute wirtschaftlich zu integrieren, Das Projekt ist für 600 Kosovaren erfolgreich abgeschlossen. Die Vermittlung einer Fachkraft ist direkter Beitrag zur Entwicklung eines Unternehmens. Und ein Positiver Beitrag zu dem Frieden.

Sprecherin:

Über uns ergießt sich ein Vortrag. Zahlen und Erfolge. Doch als wir noch einmal nachfragen, merken wir, dass die Betonung auf: „Abgeschlossen“ liegt. Im Moment ruhen alle Förderprogramme und der Direktor verwaltet seine leeren Unterrichtsräume.

O-Ton Direktor:

Ich will nicht lügen. Abgeschoben – das ist komplizierte Gruppe. Es ist nicht viel von diesem Fall zu erwarten. Es ist ein sehr heißes Thema. Ein sehr schwieriges Thema. Weil die Gesellschaft in Kosova ist nicht in der Lage etwas anzubieten.

Sprecherin:

Wir fahren weiter – zwei Stunden mit dem Bus von Pristina nach Prisrin. Dort sind die deutschen KFOR-Truppen stationiert und auch die CIMIK – (was heißt das genau) –

Der leitende Offizier lädt uns ein zu Kaffee und Kuchen. Auch hier wird uns zuerst ein Vortrag gehalten, über Hilfsprojekte, Wasseraufbereitungsanlagen, Schulneubauten. Doch auch bei der Cimik fallen unsere beiden Jungen durch das „Hilfs-raster“. Keine Arbeit keine Ausbildung.

O-Ton Cimik Offizier:

Es ist unverantwortlich, dass die deutschen Behörden immer noch Flüchtlinge abschieben. Sie sagen ihnen geht zur Cimik, die helfen euch. Manche sagen auch, meldet euch am Flughafen. Und dann stehen sie vor unserer Tür. Wir können ihnen vielleicht eine Matratze geben, aber weder eine Arbeit noch eine Wohnung.

O-Ton Gisela Kallenbach:

Ich glaube, da mach sich in Deutschland in der abschiebenden Behörde niemand Gedanken, was das heißt, wenn die Menschen dort zurückkommen. Wie gesagt, wenn sie dort nicht familiäre Strukturen haben (…) und nur über solche Beziehungen können die Menschen ein Dach über den Kopf finden. Es gibt nicht Unterbringungsmöglichkeiten. Im Prinzip musste man davon ausgehen, dass die Menschen obdachlos sind und das hat garantiert etliche betroffen. Häuser worden ja auch nicht von internationalen Organisationen wiederaufgebauctnb auf den Verdacht hin, dass da jemand kommt. Sondern Grundvoraussetzung war immer, dass die Familie vor Ort ist.

Sprecherin:

Gisela Kallenbach. Abgeordente im Europäischen Parlament und zwei Jahre lang Internationale Bürgermeisterin in (Pea Pec ). Dort hat sie hat kommunale Strukturen aufgebaut. Kleine Schritte in Richtung Selbständigkeit. Denn eines darf man bei allen Schwierigkeiten nicht übersehen: die Selbstverständlichkeit der internationalen Hilfe.

Eine Arbeit für Agim und Buletin kann allerdings auch Gisela Kallenbach nicht vermitteln.

O-Ton Buletin:

Wir haben nichts gefunden, weil wir keine Leute kannten, wo wir waren, man hat uns gesagt, ja lasst die Nummer da, wir rufen euch an, in Büros, in Situationen, ich habe überall in den Büros Nummern gelassen, keiner hat sich gekümmert. Keiner hat mich angerufen, niemand. Bin ich wieder hingegangen, man hat gesagt, ja, gibt nichts, keine Anfragungen, nichts.

Ich sage, bitte, ich möchte was machen. Sagen ja lass die Nummer da, stell dich vor. Ich habe mich vorgestellt, ich habe alles gemacht, nee, das gibt’s nicht.

O-Ton Agim:

Ich habe versucht in verschiedenen Märkten, auch in Restaurants als Kellner oder irgendetwas zu shoppen, aber die sagen, tut mir leid, keine Arbeit. Wir haben genug Leute, die wir auch nicht bezahlen können. Und hier geht auch viel mit Bekanntschaft. Jeder nimmt seine eigenen. Es ist ja wenig Arbeit hier und jeder versucht, seinen eigenen Arbeit zu geben, als jemanden denen er gar nicht kennt. So wie uns.

Sprecherin:

Es scheint als gäbe es im Kosovo keine Wirtschaftsstruktur, sondern nur eine Familienstruktur. Das Hotel in dem wir wohnen wird von Tanten, Onkeln, Nichten und Neffen bewirtschaftet. Die Familien leben gemeinsam auf engsten Raum. Offizielle Arbeitsstellen gibt es wenige, die Löhne, – falls sie gezahlt werden – sind niedrig. Eine Krankenschwester verdient 200 Euro, ein Automechaniker höchstens 250 Euro. Die Lebensmittelpreise in den Supermärkten sind vergleichbar mit unseren Preisen. Der Liter Benzin kostet einen Euro und ist mit viel Glück nicht mit Wasser verpanscht. Die Wohnung die Agim und Buletin gemietet haben kostet 180 Euro, wobei im Winter nur ein Zimmer bewohnbar ist: Ein acht Quadratmeter kleiner fensterloser Raum. Zwei Sofas ein kleiner Tisch. Dort stapeln sich deutsche Zeitschriften.

O-Ton Agim:

Nur deutsches Fernsehen schauen wir. Nachrichten schon einmal am Tag schauen wir. Ob irgendetwas passiert ist. Versuchen auf den neusten Stand zu kommen, wenn es geht. Aber nie albanisches Fernsehen. Nur deutsches Fernsehen. RTL, PRO 7, arte, ZDF, was da kommt. Oder Sport, deutsche Nachrichten versuche ich einmal am Tag zu hören, wenn es geht. Zu sehen was auf der Welt geschieht. Muß sein für mich.

Sprecherin:

Im Winter wird es schwierig. Dann leben die beiden in dem kleinen fensterlosen Raum, der wenigstens eine Zeitlang die Wärme hält. Ohne Fernseher, ohne Heizung, ohne Licht.

O-Ton Buletin:

Was macht ihr wenn es dunkel ist?

Wir müssen uns zudecken und eine warme Jacke anziehen und warten, bis wieder Strom da. Mit Kerzen was lesen versuchen. Ja. Zwei, drei Kerzen, so machen und was lesen. Stern und Spiegel so was.

Sprecherin:

Sie lesen deutsche Zeitschriften, sehen deutsche Fernsehprogramme und warten auf etwas, dass nach deutschen Gesetzen unmöglich ist. Doch der Anwalt Stefan Costabel gibt nicht auf.

O-Ton Stefan Costabel:

Wenn man es ganz formalistisch sehen würde, wäre das so. Weil, wie gesagt, wer abgeschoben worden ist, der darf eigentlich die Bundesrepublik nie wieder betreten, weil das eine Zwangsmaßnahme gewesen ist und die auch mit Sanktionen behaftet sind, nämlich das eben-nicht-wieder-Betreten-dürfen. Das Problem ist, dass diese Kinder eben halt volljährig sind und aus diesem Alter heraus sind, so dass hier ein Familiennachzug wahrscheinlich nicht klappen wird. Es gibt aber allerdings aus humanitären Gründen – ich hoffe da auf die Unterstützung aus der Politik –

O-Ton Gisela Kallenbach:

Ich persönlich empfinde es als Skandal, dass man eine Familie auseinanderreißt, auch wenn die beiden Jungs über 18 sind. Auch 18 jährige brauchen Familie, brauchen die Eltern und Geschwister. Im Moment gibt es sehr wenige Ausbildungsplätze und eine erschreckend hohe Arbeitslosigkeit, ich sehe gar keine Chancen, dass die Jungs einen wirklichen Arbeitsplatz finden und deswegen ich kann es nicht nachvollziehen und empfinde es sehr inhuman, dass in meinem Deutschland so was passiert. Daher kann ich nur hoffen, dass die gesetzlichen Möglichkeiten ausgereizt werden.

Sprecherin:

Aber – und das erscheint unfassbar – bevor Agim und Buletin Bajrami überhaupt einen Antrag auf Wiedereinreise nach Deutschland stellen können, müssen sie die Kosten für ihre Abschiebung bezahlen. Den Polizeieinsatz, den Transport zum Flughafen in einer Zelle im Polizeibus, den Flug mit gefesselten Händen. Zusammen: über 2500,–Euro.

O-Ton Stefan Costabel:

In Rechnung gestellt worden sind es den beiden Agim und Buletin indirekt, damit direkt der Familie und insbesondere natürlich dem Unterstützer, …Rat, der Bürgerinitiative, die haben natürlich das bezahlt.

Sprecherin:

Die Markkleeberger, die immer im Hintergrund bleiben. Sie sind es auch, die den beiden Jungs in Pristina, die Gebühr für die Bibliotheksbenutzung bezahlen. Dort ist es im Winter warm, es gibt Computer und die beiden finden wenigstens für einige Stunden am Tag einen Sinn in ihrem Leben.

O-Ton Agim:

Man geht in die Bibliothek, aber immer noch bei mir ist es so, ich komme immer schnell weg vom Text, vom Thema und so. Weil meine Gedanken immer wieder nach Deutschland gehen, wie wir abgeschoben wurden. Ich zeige das nicht gegenüber meinem Bruder. Ich will nicht, dass er auch traurig ist. Ich fresse das in mir innerlich. Versuche es selber zu verarbeiten. Meine Gedanken gehen immer nach dort, wie es sein könnte, wenn das nicht passiert wäre. Wie das Leben dort weiter gewesen wäre oder so.

Wie schlimm, das. Wo man uns abgeschoben hat. Warum das geschehen wurde. Versucht man eine Erklärung zu finden. Aber man findet ja keine.

O-Ton Buletin:

Wie verkraftet Agim die Situation?

Stress sozusagen Alle beide sehr Stress. (Uhr) man kommt nicht klar sozusagen (Uhr tickt)

Beschützt Du ihn manchmal?

Ja. (Uhr tickt)

Ich weiß nicht.

Wer ist der Stärkere von euch? (Uhr tickt)

Bei mir kommen Emotionen immer wieder hoch.

Was sind das für Emotionen.

Tiefere, ich weiß nicht, ich fühl mich… sehr schwach

Redest du mit Agim?

Nicht so? Ich rede nicht gerne darüber sozusagen. (Pause) Weil er auch sehr schwach ist.

Du bist doch eigentlich lustiger Mensch?

Ich versuche den Stress (weint) wegzunehmen. Ich versuche immer den Stress so wegzunehmen. (weint)

Ich möchte nicht, dass ich heule, aber es kommt einfach so. Ich weiß nicht warum. Ich muss mir Luft irgendwie verschaffen.

(weint)

Man hat mir das Leben weggenommen. Das ist das was mich so traurig macht.

Die ganze Situation.

Habt ihr ein festes Programm?

Ne, ist durcheinander. Man geht manchmal spazieren. Man weiß nicht, wie es weitergeht und das ist das.

O-Ton Agim:

Was macht ihr den ganzen Tag?

Pfuuu. Man hat keinen Plan im Leben. Man steht auf, wenn man Hunger hat, normal essen. Wir haben auch kein Essensprogramm, nur wenn man Hunger hat versucht man das, das und das zu essen, weil so billig es geht irgendwie. Und gehen wir raus mal da mal da.

Was motiviert euch trotzdem?

Hoffnung nach Deutschland zu kommen. Ich hoffe, dass ich da so schnell wie möglich kommen kann. Ich sehe hier keine Zukunft für meinen Bruder auch nicht, für niemanden unserer Familie. Und ich hoffe auch, dass ich auch rüber kommen kann und dort mein Leben führen kann normal.