Als gäbe es kein Jetzt
Osten, tiefer Osten – nostalgisch und lakonisch erzählt: Wer sentimental ist, wird irgendwann weinen über Katrin Aehnlichs Roman „Alle sterben, auch die Löffelstöre“
VON PETRA KOHSE
Am Anfang wird um eine Rede gebeten in diesem Roman. Am Ende wird sie gehalten. Die Geschichte selbst entspricht der Entstehung dieser Rede. Ihrer allmählichen Verfertigung beim Verbringen der Zeit zwischen Eröffnung einer letzten Bitte und deren Erfüllung. Zwischen Tod und Beerdigung. Denn gestorben wird in diesem Buch. Nicht nur schicksalhaft und allgemein wie im Titel, sondern konkret und sehr persönlich. Der Einzelfall. Der Ernstfall.
Skarlet Bucklitzsch und Jean-Paul Langanke. Der Name Bucklitzsch erinnert an den von Klaus Uhltzscht aus Thomas Brussigs Wenderoman Helden wie wir. Osten also, tiefster Osten. Skarlet und Jean-Paul hätten auch Desirée und Kevin heißen können – Namen wie Fototapeten, die auf Kinder geklebt werden, um Anspruch auf die Welt zu erheben, vom Sofa aus.
Skarlet und Jean-Paul haben sich Anfang der 60er in einem Leipziger Kindergarten kennengelernt. In der Gruppe von Tante Edeltraut, die es an nichts fehlen ließ, was die DDR seinerzeit unter vorschulischer Erziehung verstand. Einschließlich der lauwarmen Milch mit Haut, die täglich getrunken werden musste. Jean-Paul, den Tante Edeltraut vorwurfsvoll „Schangbol“ nannte, trank die von Skarlet heimlich mit, wofür sie ihn von Anfang an liebte. Nicht nur, weil sie sich vor der Haut ekelte. Sondern weil er sich dem Tante-Edeltraut-Terror widersetzte. So blieb das mit Jean-Paul, der bald nur noch Paul genannt wurde: Er ging seiner eigenen Wege. Vom Vater früh verlassen zwar und darob etwas verloren, aber unternehmungslustig, unterhaltsam und so unabhängig wie möglich. Weil er sich beim Militär nicht unterordnen konnte, studierte er im Anschluss statt Medizin bloß Kulturwissenschaften. Nach dem Fall der Mauer, kaufte er für eine Mark ein verrottetes Kino, in dem er fortan seine Lieblingsfilme zeigte.
Und als die meisten Freunde das Familienleben schon wieder hinter sich hatten, lernte er Judith kennen und war endlich bereit, selbst ein Kind zu haben. Acht Monate später starb er an Krebs.
Nichts bleibt im Ungefähren
„Was ich mich ständig frage, sagte Skarlet, warum Paul ausgerechnet in dem Moment gestorben ist, in dem er aufgehört hat, gegen alles zu kämpfen?
Er hat die Krankheit lange mit sich herumgetragen. Ich habe schon viele Befunde gelesen, aber aussichtsloser als bei Paul war selten eine Diagnose. Die meisten Krankheiten haben keine Logik. Du musst aufhören, darüber nachzudenken.“
Matthias Seibt, der Chefarzt, der hier antwortet, war damals auch bei Tante Edeltraut. Vergeblich hatte er versucht, im Gespann von Skarlet und Paul der Dritte zu sein. Jetzt begleitete er Skarlet zu Pauls Beerdigung. Und kehrt mit ihr nachher neben der Friedhofsgärtnerei in die „Endstation“ ein, wo er – eine so hilflose wie tröstliche Geste – zwei Tassen lauwarmer Milch bestellt.
Kathrin Aehnlich ist eine pointierte Autorin. Sie hat stets das eine Detail parat, das Stimmungen und Sachverhalte auf den Punkt bringt. Sie lässt beim Erzählen nichts im Ungefähren, sondern markiert Anfänge und Endpunkte. Sie ist eine Meisterin der kleinen Bögen. Und beherrscht das Beiläufige und Kuriose. Warum Skarlet und Paul nie ein Liebespaar wurden, wird nicht erzählt. Dass es so ist, gibt ihrer Lebensfreundschaft aber den Ewigkeitszug, den es braucht, damit die Trauer ins Epische drängt. Wobei die Tatsache, dass Paul Skarlet brieflich postum um eine Grabrede bittet, ein zusätzlich raffinierter Einstieg in das Geflecht von Erinnerungen an Gemeinsames und Persönliches ist, das dieses Buch ausmacht. Verbunden und vorangetrieben durch die notwendigen Tätigkeiten zwischen Tod und Beerdigung: das Aussuchen des Sarges, das Informieren der Freunde, die Beurlaubung von der Arbeit.
Kathrin Aehnlich wurde 1957 in Leipzig geboren und studierte Mitte der 80er Jahre am dortigen Literaturinstitut. Ihre Abschlussarbeit, ein so detailreiches wie lustiges, fast realsatirisches Erinnerungsbuch an eine Kindheit in der DDR, erschien erst zehn Jahre später unter dem Titel Wenn ich groß bin, flieg ich zu den Sternen und machte die Rundfunkjournalistin mit einem Schlag literarisch bekannt.
Jetzt hat sie einen Roman über Sterben und Trauer geschrieben, über Freundschaft und die gemeinsame Ich-Werdung in einem Ich-feindlichen Umfeld. Alle sterben, auch die Löffelstöre ist durchaus eine Fortschreibung des ersten Buches. Die Biografie der Protagonistin hat gleiche Koordinaten. Es gibt wieder eine Tante Elvira und einen krankhaft buchhalterischen Vater. Auch ein Bruder wird diesmal erwähnt, viel älter als Skarlet, der bei seiner Geburt starb. Ein Bruder, dessen Platz übergangsweise vielleicht von Paul eingenommen worden war, und der jetzt wieder leer ist. Es ist ein leicht erzähltes, aber schwer wiegendes Buch. Wer sentimental ist, wird irgendwann weinen.
Wobei hier weniger psychologisiert als typologisiert wird. Die Erinnerungen Skarlets sind ein erzähltes Album. Und scharf gestellt wird auch nur die gemeinsame Erfahrungswelt von Skarlet und Paul. Skarlets Tochter, Pauls Frau oder auch seine Mutter schraffieren als Figuren bestenfalls den Hintergrund des Versuchs, sich anhand des eigenen Lebens an das eines Freundes zu erinnern oder umgekehrt.
Weil Paul kurz vor seinem Tod noch einmal seinen Vater sehen wollte, sucht Skarlet ihn auf, wird jedoch mit einer Abgesandten der Hausverwaltung verwechselt und klärt den Irrtum nicht auf. Paul erzählt sie – in den Bildern der Kindheit -, sie habe seinen Vater im Zirkus angetroffen und nach dem nächsten Gastspiel werde er ihn bestimmt besuchen kommen. Die Tendenz zum Regressiven ist stark in diesem Buch. Das Wieder- und Wiederverrühren des Gewesenen. Als gäbe es kein Jetzt, nicht nur für Paul – für niemanden.
Der Titel bezieht sich auf eine Marginalie. Skarlet ist als Pressesprecherin des Leipziger Zoos beschäftigt, und der Zoodirektor ist ein Liebhaber von Löffelstören. Als Skarlet, um ihre Mitgenommenheit zu erklären, sagt: „Es ist jemand gestorben“, antwortet der Direktor nach einer Pause: „Alle sterben, auch die Löffelstöre“. Was wieder eine Pointe ist, weil der Löffelstör, jener menschgroße, schuppenlose Knochenfisch, der in der Natur im Mississippi vorkommt, schon fast ausgestorben ist und die chinesische, drei- bis viermal so große Variante, ohnehin nur noch Legende ist.
Den Urlaub, den Skarlet erbittet, bekommt sie nicht wegen ihrer Trauer, sondern zur Vorbereitung einer Rede, die eine Konferenz der Freunde der Przewalskipferdezucht einleiten soll. „Liebe Freunde der Przewalskipferdezucht“ denkt sie auch, bevor sie in der Trauerhalle das Mikrofon nimmt und anfängt, über Paul zu sprechen. Liebe Freunde des künstlich erhaltenen Gewesenen. Ein nostalgisches, durchaus deprimiertes Buch. Lakonisch erzählt.
Kathrin Aehnlich:
Alle sterben, auch die Löffelstöre. Roman. Arche Literatur Verlag, Hamburg/Zürich 2007, 250 S.,