{"id":115,"date":"2008-07-25T21:20:00","date_gmt":"2008-07-25T19:20:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kathrinaehnlich.com\/kat\/?page_id=115"},"modified":"2008-07-25T21:20:00","modified_gmt":"2008-07-25T19:20:00","slug":"leseprobe-die-weihnachtsstolle","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/www.kathrinaehnlich.com\/kat\/horbucher\/leseprobe-die-weihnachtsstolle\/","title":{"rendered":"Leseprobe: Die Weihnachtsstolle"},"content":{"rendered":"<p>Rechte Kathrin Aehnlich (Text) Arche-Verlag Z\u00fcrich\/Hamburg (H\u00f6rbuch)<\/p>\n<p>Alle Jahre wieder<\/p>\n<p>Die Vorbereitungen begannen eine Woche vor dem ersten Advent. Genau dann, wenn in den Blumenl\u00e4den die \u00fcbriggeblieben Gebinde vom Totensonntag zu Adventsgestecken umdekoriert wurden, die Kassiererin aus dem Lebensmittel-Konsum einen Papp-Weihnachtsmann zwischen die Marmeladengl\u00e4ser im Schaufenster stellte und der Verk\u00e4ufern in der Drogerie p\u00fcnktlich jeden Nachmittag um drei eine echt erzgebirgische R\u00e4ucherkerze abbrannte. Meist fiel in dieser Woche der erste Schnee, gro\u00dfe schwere Flocken die unsere Stadt f\u00fcr einen Moment in leuchtendes Wei\u00df tauchten, bis der Wind sie wieder von den D\u00e4chern wehte und nur noch kleine schmutzige Pf\u00fctzen auf den Gehwegen \u00fcbrig blieben. Vorfreude ist die sch\u00f6nste Freude, sang unsere Musiklehrerin und ich ging noch einmal in Gedanken alle Positionen auf meinem Wunschzettel durch. Meinen Eltern zu liebe schrieb ich jedes Jahr an den Weihnachtsmann und gab vor, darauf zu warten, dass mir die Wichtelm\u00e4nner meinen Adventskalender bringen w\u00fcrden. Wenn ich abends im Bett lag, h\u00f6rte ich, wie mein Vater die Kartons aus der Abstellkammer holte: Die Pyramide, der R\u00e4uchermann mit dem angeklebten Arm, die Spieluhr, die regelm\u00e4\u00dfig bei der zweiten Strophe von \u201eOh du Fr\u00f6hliche&#8220; h\u00e4ngen blieb. Mein Vater musste alle Wichtm\u00e4nner allein ersetzen, denn meine Mutter war in der Woche vor dem ersten Advent nicht ansprechbar. Sie kniete vor dem K\u00fcchenschrank und sortierte die Vorr\u00e4te, deren Bestandshaltung sich an einer geheimen Vorgabe orientierte: eine T\u00fcte Mehl, eine T\u00fcte Kristallzucker, ein Paket Fadennudel, Linsen, Salz, mindestens f\u00fcnf Packchen Backpulver. Ich war sicher, dass unsere Familie bei einer pl\u00f6tzlichen Hungersnot am l\u00e4ngsten im Haus \u00fcberleben w\u00fcrde. Aber es ging meiner Mutter in diesem Moment weniger um Krisenvorsorge, als um die Vorbereitung der wichtigsten Herausforderung ihres hausfraulichen K\u00f6nnens. Auch wenn sie sonst auf diesem Gebiet wenig Emotionen zeigte und es gelassen hinnahm, wenn mein Vater behauptete, dass der Sauerbraten z\u00e4h w\u00e4re und ihr Tante M\u00fcrzels Frage, ob die Kl\u00f6\u00dfe nicht ein wenig abgekocht seien, nicht einmal ein Augenbrauenhochziehen wert war, glaube ich, dass sie jeden sofort get\u00f6tet h\u00e4tte, der auch nur andeutungsweise ein schlechtes Wort \u00fcber den Geschmack ihrer Weihnachtsstolle verloren h\u00e4tte. Das Stollenbacken war eine Frage der Ehre. Die Rezeptur folgte einer alten Familientradition und im Gegensatz zu allen anderen Rezepten, die meine Mutter zusammengefaltet hinten in ihrem Kochbuch aufbewahrte, lag das Stollenrezept im Schrank in der schwarzen Kassette zwischen Geburtsurkunden und Versicherungspolicen. Und wenn wir bei schweren Gewittern angezogen auf dem Korridor sa\u00dfen und die Sekunden zwischen Blitz und Donner z\u00e4hlten, presste meine Mutter die Kassette gegen ihre Brust und ich war sicher, wohin auch immer wir fliehen w\u00fcrden, wenn unser Haus abbrannte, an dem Sonnabend vor dem ersten Advent, w\u00fcrden wir nach diesem Rezept Stolle backen. Es war eine herausgerissene Heftseite auf dem meine Urgro\u00dfmutter das Familiengeheimnis mit steiler S\u00fcderlinschrift f\u00fcr immer festgehalten hatte. Wenn ich den Bogen gegen das Licht hielt, hatte ich das Gef\u00fchl, ich k\u00f6nne an einigen Stellen durch das Papier hindurchsehen. Doch allen Fettflecken zum Trotz hatte die Schrift stand gehalten. Eine Prise Muskat, zwei Messerspitzen Kardamon &#8211; die Botschaft aus einer fernen Welt, die nur uns erreicht hatte, die wir befolgen und was das schwierigste war, auch noch f\u00fcr uns behalten mussten. Nie h\u00e4tte meine sonst so gespr\u00e4chige Mutter, die unserer Nachbarin selbst das Glas mit den Gallensteinen meines Vaters gezeigt hatte, auch nur eine Position oder Dosierung preisgegeben. Denn nur unser Rezept war das wahre Stollenrezept und nur unsere Stolle war es wert, gegessen zu werden. Die Rezeptur stellte meine Mutter auf eine harte Probe, denn der volkseigene Handel k\u00fcmmerte sich wenig um die Tradition meiner Familie.<\/p>\n<p>Die ersten Vorbereitungen begannen im Sommer. Beinahe t\u00e4glich kontrollierte meine Mutter das Regal mit den Backzutaten in unserem Lebensmittel-Konsum und trug jedes verf\u00fcgbare P\u00e4ckchen Zitronat in unsere Wohnung. Wir waren dabei v\u00f6llig auf uns gestellt, denn ein tragisches Busungl\u00fcck hatte uns Tante Gislinde aus Wuppertal entrissen: Oh Schicksal, wie bist du so hart. Es folgte ein z\u00e4hes Ringen um jede T\u00fcte Rosinen, denn die Verteilung erfolgte nach Laune der Verk\u00e4uferin. Schlie\u00dflich sollte es f\u00fcr alle reichen, auch f\u00fcr die mit noch lebender Westverwandtschaft und f\u00fcr jene, die ihre Westverwandtschaft verschwiegen und trotzdem Pakete bekamen, was meine Mutter ungerecht fand.<\/p>\n<p>Die Backvorr\u00e4te stellten mich auf eine harte Probe, denn ich bettelte nicht wie die anderen Kinder st\u00e4ndig um Eis, Bonbons oder Schokolade, meine ungebremste Leidenschaft galt Rosinen. Ich liebte Rosinenbr\u00f6tchen, Rosinenkuchen und h\u00e4tte f\u00fcr eine T\u00fcte Studentenfutter sogar den dicken Olaf Zutter aus dem Nachbarhaus gek\u00fcsst. Die Vorr\u00e4te im K\u00fcchenschrank brachten mich schier um die Verstand. Je n\u00e4her das Weihnachtsfest r\u00fcckte, um so h\u00e4ufiger z\u00e4hlte ich die Rosinent\u00fcten, verglich die vorhandene Menge mit dem Rezept, immer in der Hoffnung, es k\u00f6nnte eine T\u00fcte zuviel sein. Ich stellte mir vor, wie es w\u00e4re, wenn ich mir eine Handvoll Rosinen auf einmal in den Mund stecken w\u00fcrde und obwohl mir meine Mutter daf\u00fcr mit Todesstrafe gedroht hatte, nahm ich eine T\u00fcte in die Hand. Vergebens m\u00fchte ich mich, zu widerstehen. Ich reduzierte meine W\u00fcnsche auf nur eine, eine einzige Rosine und bohrte ein winziges Loch in des Zellophan. Ich dr\u00fcckte die Rosinen vorsichtig durch die \u00d6ffnung und nach der zehnten kugelten die Rosinen bereits in gro\u00dfen Klumpen auf meine Hand. Und w\u00e4hrend ich gen\u00fcsslich darauf herumkaute, wurde mir bewusst, dass die T\u00fcte nur noch halbvoll war. Ich sah mich am Marterpfahl um mein Leben bitten, t\u00e4glich einen Teller Linsensuppe mit Blutwurst essen. Nie wieder w\u00fcrde ich ein Geburtstagsgeschenk bekommen und m\u00fcsste im leerger\u00e4umten Kinderzimmer jahrelang auf meine Verurteilung warten. Ich erinnerte mich an die Trag\u00f6die vom Vorjahr, als der volkseigene Handel, meiner Mutter das Zitronat verweigert und sie in ihrer Verzweiflung als Ersatz kleingeschnittene gr\u00fcne Tomaten im Tiegel kandiert hatte. Ich \u00fcberlegte ob es ein Nahrungsmittel mit rosinen\u00e4hnlichen Bestandteilen geben k\u00f6nnte und verbrachte meine Nachmittage bis zum ersten Advent damit, allen T\u00fcten das gleiche Gewicht zu geben. Es war das Jahr, in dem wir zum ersten Mal Quarkstolle buken, schlie\u00dflich musste man auch einmal etwas neues ausprobieren, wir waren moderne Menschen, die sich weiterentwickelten, im Gegensatz zu anderen.<\/p>\n<p>Der Kowndown setzte immer am Vorabend ein. Meine Mutter holte das Rezept aus der Kassette, sie hielt es in der Hand, als w\u00e4re es ein Auszug aus der heiligen Schrift und las es mit einer Stimme vor, mit der ich in der Schule Gedichte aufsagen mussten. Drei Kilogramm Schmelzbutter, zweihundert Gramm Orangeat und mein Vater stapelte die Backvorr\u00e4te auf dem K\u00fcchentisch. Im Pfeifkessel brodelte das Wasser, die Fensterscheiben beschlugen und an dem \u00d6lsockel hinter dem Herd bildeten sich kleine Wassertropfen. Zuerst wurden die Mandeln gebr\u00fcht. In einer gro\u00dfen Sch\u00fcssel die s\u00fc\u00dfen und in einer kleine die bitteren. Und jedes Mal wurde mir dabei die Geschichte von dem Kind erz\u00e4hlt, dass trotz Warnung der Mutter bittere Mandeln genascht hatte. Es geh\u00f6rte in die Reihe zu dem Kind, das bei roter Ampel \u00fcber die Kreuzung gegangen war, dem Jungen der mit zwei Stricknadeln in den L\u00f6chern der Steckdose bohren wollte und zu dem M\u00e4dchen, dass sich zu weit im Zoo \u00fcber das Absperrgitter vom Eisb\u00e4rengehege gebeugt hatte. Aber warum h\u00e4tte ich bittere Mandeln essen sollen, wenn gen\u00fcgend s\u00fc\u00dfe vorhanden waren?<\/p>\n<p>Ich fischte sie aus dem hei\u00dfen Wasser, schob sie zwischen Daumen und Zeigefinger hin und her, bis sich die Schale l\u00f6ste und lie\u00df die Kerne auf ein Holzbrett gleiten. Doch ich durfte nicht zu sehr dr\u00fccken, denn dann schnipste der Mandelkern durch die K\u00fcche und ich wurde an das M\u00e4dchen erinnert, dass ihren Bruder damit das Auge ausgeschossen hatte. Auf dem Fensterbrett lag Heftpflaster bereit, aber das war f\u00fcr meinen Vater, der die Mandeln mit einem Wiegemesser klein hacken musste, w\u00e4hrend meine Mutter die bitteren durch die Mandelm\u00fchle drehte. Voller Abscheu erz\u00e4hlte sie dabei von der Kassiererin aus dem Lebensmittelladen, die behauptet hatte, dass Mandelaroma nicht von echten Mandeln zu unterscheiden sei. Zum Beweis steckte sich meine Mutter eine Mandel in den Mund, erwischte eine bittere und verzog das Gesicht.<\/p>\n<p>Meine Lieblingsarbeit war Rosinen auslesen, zwar musste ich dabei pfeifen, doch mit einiger \u00dcbung gelang es mir, die Rosinen einzeln zwischen die gespitzten Lippen zuschieben und unter der Zunge zu verstecken. Ganz langsam breitete sich der s\u00fc\u00dfe Geschmack in meinem Mund aus und ich stellte mir vor, wie ich am Weihnachtsabend das erste St\u00fcck Stolle essen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Kurz vor Mitternacht war auch das Zitronat in der vorgeschriebenen Gr\u00f6\u00dfe geschnitten, die letzten Kardamonkerne zersto\u00dfen und alle Backzutaten in der hellbraunen Kunstledertasche verstaut. Jetzt waren wir bereit f\u00fcr eine Reise um die Welt.<\/p>\n<p>Die Abfahrt war Sonnabendfr\u00fch p\u00fcnktlich f\u00fcnf Uhr und nat\u00fcrlich hatte meine Mutter in der Nacht kein Auge zugetan, sich im Bett von einer Seite auf die andere gew\u00e4lzt, immer in der Angst, etwas vergessen zu haben. Sie verstand nicht, wieso mein Vater ruhig schlafen konnte, aber das war wieder einmal typisch. Sie lief in der Wohnung auf und ab und murmelte die Zutaten wie Beschw\u00f6rungen vor sich hin und mein Vater musste sie st\u00e4ndig davon abhalten, die Reisetasche wieder auszupacken. Meine Mutter erinnerte nur an Frau Wengel, die einmal ohne Schmelzbutter gekommen war.<\/p>\n<p>\u00dcberall im Haus rumorte es an diesem fr\u00fchen Sonnabendmorgen. Ich h\u00f6rte die polternden Schritte im Treppenhaus. Den spitzen Schrei: Oh Gott die Korinthen! Das war Frau Domhardt, die so vergesslich war, dass ihr im Beisein unseres Drogerieverk\u00e4ufers st\u00e4ndig entfiel, dass sie verheiratet war, ganz abgesehen davon, dass nach Meinung meiner Mutter Korinthen im Stollenteig nichts zusuchen hatten.<\/p>\n<p>Die B\u00e4ckerei lag gleich neben der Drogerie, drei Querstra\u00dfen weiter. Unser Atem trieb kleine Wolken in die kalte Morgenluft. Noch war die Stadt ganz still. Das Kopfsteinpflaster gl\u00e4nzte im Licht der Stra\u00dfenlampen. Hin und wieder huschte eine vermummte Gestalt mit gro\u00dfer Tasche \u00fcber die Stra\u00dfe und auch meine Mutter rannte, als w\u00e4re sie auf der Flucht. Sie wollte eine der ersten sein, hatten wir vergessen, dass zwei Jahre zuvor, die alte Frau Krause, zum Backen gekommen war, obwohl sie gar keinen Termin hatte und der mitleidige B\u00e4cker sie nicht nach Hause schicken wollte und dann das Hefest\u00fcck beinahe nicht gereicht h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Wir \u00fcberholten einen Handwagen. Das Rumpeln hallte durch die Stra\u00dfen. Das waren Fritzsches die ihren Stollenteig in Decken eingepackt in einer Sitzbadewanne spazieren fuhren. Sie misstrauten dem B\u00e4cker, aber meine Mutter war sicher, selbst der st\u00e4rkste Mann konnte keine Knetmaschine ersetzen und wenn sie diese halbe Portion von Mann sah, dann wahr klar, dass die Stolle h\u00f6chstens vier Zentimeter hoch werden w\u00fcrde. Ganz abgesehen von der Sitzbadewanne, so liederlich wie die Fritsche ihre W\u00e4sche aufhing, ein einziges Gebammel, w\u00fcrde es meine Mutter nicht wundern, wenn die Stollen am Ende nach Rheumabad schmeckte, und wenn es darauf ankam, hatten sich sie gestern noch die F\u00fc\u00dfe in der Wanne gewaschen. Wir gr\u00fc\u00dften nur kurz, \u00fcberholten auf den letzten Metern auch noch Krausens. Ich kannte den Weg zur Backstube, die dunkle Toreinfahrt, in der sich die Aluminiumkisten f\u00fcr die Br\u00f6tchen stapelten, den Hinterhof mit den hervorstehenden Katzenkopfsteinen. Oft ging ich nach der Schule mit meiner Freundin Angelika hierher, um Kuchenr\u00e4nder zu holen. Wir warfen auf dem Hof eine M\u00fcnze, um zu bestimmen, wer hineingehen und fragen musste. Kopf oder Zahl. Wir f\u00fcrchteten uns ein wenig vor dem B\u00e4cker, der uns manchmal mit einer m\u00fcrrischen Handbewegung davonjagte, wenn er sich bei seiner Arbeit gest\u00f6rt f\u00fchlte, aber manchmal auch die R\u00e4nder so gro\u00dfz\u00fcgig abschnitt, dass die Streifen fast so breit, wie ein St\u00fcck Kuchen waren.<\/p>\n<p>Das Licht aus der Backstube fiel durch die Scheibe in einem breiten Streifen auf den Hof, ein warmes gelbes Licht, das Geborgenheit versprach. Ich freute mich auf die W\u00e4rme, doch als wir eintraten, nahm mir die Hitze fast den Atmen. Der Raum war erf\u00fcllt von einem Brummen, Sirren, Stampfen dazu kam das rhythmische Klatschen, mit dem der B\u00e4cker den Teig auf ein Holzbrett fallen lie\u00df. Wir zw\u00e4ngten uns zwischen den Maschinen hindurch, im Licht der Gl\u00fchbirne, die von der Decke hing, sah ich den Mehlstaub tanzen, und noch bevor meine Mutter rufen konnte: Lehn dich nicht an! war mein dunkelblauer Anorak auf beiden Seiten mit Mehl beschmiert. Der B\u00e4cker hatte seine Arbeit beendet und lief trotz seines dicken Bauches ohne anzusto\u00dfen mit einem langen Brett auf dem Brote lagen durch die schmalen G\u00e4nge. Er \u00f6ffnete die Klappe des Backofens, ich sah das lodernde Feuer und stellte mir vor, wie der B\u00e4cker die Hexe in den Ofen schieben w\u00fcrde, \u201enun soll sie braten im Ofen braun wie Brot&#8220;. Der B\u00e4cker stocherte mit einem Haken in der Glut. Auf seiner Stirn perlte Schwei\u00df und grub kleine Rinnen in den Mehlstaub, der auf seinem Gesicht lag. Alles an ihm schimmerte wei\u00df, die Haare, die unter dem K\u00e4ppi hervorguckten, die Augenbrauen, selbst die Wimpern \u00fcber den hervorquellenden Augen. Mit seinen Augen und seinem breiten Mund erinnerte mich der B\u00e4cker an einen Frosch, die Frauen allerdings, einschlie\u00dflich meiner Mutter, l\u00e4chelten ihn an, als w\u00e4re er schon als Prinz von der Wand gefallen und sagten \u201eHerr B\u00e4cker&#8220; zu ihm. Aber der B\u00e4cker \u00fcbersah das L\u00e4cheln, blieb streng und lie\u00df die Frauen in einer Reihe antreten. Er nahm eine Liste und pr\u00fcfte die Namen. Es war wie bei mir in der Turnhalle: wir begr\u00fc\u00dfen uns mit einem dreifachen Sport frei! Doch der B\u00e4cker verlangte keine Standwaage oder einen Felgaufschwung sondern fragte nach Mengenangaben: Kupinke: sieben Dreipf\u00fcnder, f\u00fcnf Zweipf\u00fcnder. Die Frauen sagten \u201eja Herr B\u00e4cker&#8220; und \u201edanke Herr B\u00e4cker&#8220; und nahmen jede gehorsam eine Kiste in Empfang, in die sie alle Zutaten packen sollten. Es folgten Minuten der Wahrheit, jetzt w\u00fcrde sich zeigen, wer selbst in der Weihnachtszeit geizig war. Die Kanzok hatte nur ein Pfund Schmelzbutter auf zehn Pfund Mehl, das w\u00fcrde stieben wie in der Sahara, kein Wunder, dass der Mann Asthma hatte. Und die unbelehrbare Frau Zilonka hatte die Rosinen wieder in Rum eingeweicht, als ob nasse Rosinen Fettigkeit ersetzen k\u00f6nnten, das blieb doch alles im Ofen. Bei Fritschens waren sich alle einig, die lie\u00dfen ihre Sitzbadewanne zugedeckt, damit niemand sehen konnte, dass der Teig nicht gegangen war. Am Ende w\u00e4re es besser, sie w\u00fcrden Printen daraus backen. Und wie jedes Jahr begann Frau Kiebranz dar\u00fcber zu lamentieren, dass der B\u00e4cker ihr verweigerte das eigene Mehl zu nehmen. Dreifach gesiebt Herr B\u00e4cker, dreifach! Doch der B\u00e4cker war der Bestimmer auf dem Platz und wenn er sagte Elfmeter f\u00fcr die Mannschaft mit den roten Trikots, dann war es auch so. Also ein Hefest\u00fcck f\u00fcr alle. Er holte einen gro\u00dfen Block Hefe. Die glatten Seiten schimmerten matt wie Perlmut. Wenn meine Mutter mich in den B\u00e4ckerladen, \u201ef\u00fcrn Groschen Hefe&#8220; kaufen schickte, dann holte die Verk\u00e4uferin das gro\u00dfes in \u00d6lpapier eingeschlagenes St\u00fcck aus der Backstube und schnitt einen kleinen W\u00fcrfel f\u00fcr mich ab. Manchmal zerbrach die Hefe beim Scheiden und ich pulte auf dem Heimweg winzige Hefesplitter aus dem Papier und lie\u00df sie auf meiner Zunge zergehen. Ich genoss den leicht s\u00e4uerlichen Geschmack, nahm noch ein St\u00fcck und noch eines. Und w\u00e4hrend mir zu Hause die S\u00e4ure immer wieder aufstie\u00df, h\u00f6rte ich meine Mutter fluchen, dass sie jetzt schon bei der Hefe beschei\u00dfen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Ich stand auf einer Alukiste und sah zu, wie sich der Knetl\u00f6ffel in den Teig fra\u00df. Der B\u00e4cker sch\u00fcttete aus einem Jutesack Mehl nach und der Staub brachte mich zum Husten, ich sah den vorwurfsvollen Blick meiner Mutter: Hand vorm Mund! wom\u00f6glich h\u00e4tte ich noch auf den Teig gespuckt. Sie zog mich von der Kiste. Gab es eigentlich schon eine Geschichte von dem Kind, dass sich zu weit \u00fcber den B\u00e4ckereibottich gebeugt hatte?<\/p>\n<p>W\u00e4hrend das Hefest\u00fcck ging, war Zeit zum Rauchen. Die Zilonka, die wieder einmal als einzigste Frau keine Kittelsch\u00fcrze trug, bot dem B\u00e4cker eine Zigarette an. Und die anderen Frauen gingen, obwohl sie nicht rauchten, trotz der K\u00e4lte mit auf den Hof. Man konnte doch den B\u00e4cker mit der Zilonka nicht allein lassen. Wie die den B\u00e4cker ansah, davon wurde die Stolle auch nicht besser, Zilonkas waren doch Vertriebene, was verstanden die schon vom Stollenbacken. Wahrscheinlich hatte sie ihre Rosinen nicht in Rum sondern in Wodka eingeweicht, das der Pole trank, das wusste doch jeder. Wenn es darauf ankam w\u00fcrde sie den B\u00e4cker so verwirren, dass er die Zutaten verwechselte.<\/p>\n<p>Mit Argusaugen wachten die Frauen \u00fcber die Teigherstellung. Hatte der B\u00e4cker jetzt die Rosinen im Mehl gew\u00e4lzt oder nicht? Am Ende wurde sich wom\u00f6glich alles nach dem Backen am Boden absetzten. Jetzt hatten auch die Frauen Schwei\u00dfperlen auf der Stirn und die Zilonka schon den dritten Knopf ihrer Bluse ge\u00f6ffnet. Nach einer Stunde war alles geschafft, die fertigen Stollen lagen auf einem Brett. Jetzt kam ein wesentlicher Teil des Stollenbackens, die Kennzeichnung. Es war ein amtlicher Vorgang, so wie der Stempel in eine Geburtsurkunde. Die Frauen steckten ihre Stollenmarken in den weichen Teig. Aber auch hierbei gab es Unterschiede, ich hatte nicht wie die anderen Kinder Pappstreifen aus der R\u00fcckseite meines Zeichenblocks schneiden m\u00fcssen. F\u00fcr derartigen Dilettantismus hatte meine Mutter nur einen abf\u00e4lligen Blick \u00fcbrig. Wir hatten Stollenmarken aus Metall, mit den ausgestanzten Initialen meiner Urgro\u00dfmutter. Auch diese Stollenmarken lagen mit in unserer schwarzen Kassette, und ich \u00fcberlegte, ob Frau Zilonka, die sich vom B\u00e4cker aus dem Deckel eines Tortenkartons Pappstreifen schneiden lie\u00df, ihre Stollenmarken auf der Flucht verloren hatte. Doch es gen\u00fcgte nicht, seinen Namen einfach auf einen Pappstreifen zu schreiben, meine Mutter erinnerte nur an das Drama, als Frau Wenzel aus dem Erdgeschoss und Frau Schubert aus der Dritten ihre Stollen nach dem Backen nicht mehr auseinanderhalten konnten, weil im Ofen die Papierenden mit dem Namen weggebrannt waren. Eine geplante Intrige, da war sich Frau Schubert sicher, das hatte die Wenzel nur getan, weil sie wusste, dass Schuberts s\u00e4mtliche Backzutaten aus dem Westen bekamen. Nie w\u00fcrde sie auch nur ein St\u00fcck Wenzelsche Stolle anr\u00fchren, da k\u00f6nnte sie doch gleich Konsumstolle kaufen. Nach einem heftigen Streit bei dem zwei Stollen zu Bruch gingen, was zus\u00e4tzlich jahrelanges Pech bedeutete, und erst nachdem der B\u00e4cker gedroht hatte, die Polizei zu holen, mussten sie schlie\u00dflich die Stollen doch untereinander aufteilen. Und die Schubert erz\u00e4hlte noch Monate danach im Haus, dass es das schrecklichste Weihnachten ihres Lebens gewesen w\u00e4re, und Frau Wenzel verlor jedes Mal, wenn Frau Schubert gro\u00dfe Hausordnung hatte, wie zuf\u00e4llig Asche aus ihrem M\u00fclleimer. Uns konnte das nicht passieren, unsere Stollenmarken waren unverwechselbar, meine Mutter ging auf Nummer sicher, es hatte schon geringere Anl\u00e4sse f\u00fcr den Ausbruch von Kriegen gegeben. Am liebsten h\u00e4tte meine Mutter vor dem Backofen Wache gestanden, aber der B\u00e4cker scheuchte alle Frauen wie eine Schar H\u00fchner vor die T\u00fcr, schlie\u00dflich sei es eine Back- und keine W\u00e4rmestube. Aber wenigsten einen kleinen Teil unserer Stolle konnten wir schon mit nach Hause nehmen, gut eingeschlagen in ein Tuch trug meine Mutter den Teigrest f\u00fcr den Kartoffelkuchen. Die Pellkartoffel hatte meine Mutter bereits am Vortag gekocht. Wir sa\u00dfen am K\u00fcchentisch, sch\u00e4lten die Kartoffeln und meine Mutter erz\u00e4hlte Schauergeschichten von verbrannten und zerbrochenen Stollen, von eingebackenen M\u00e4usen und von Stollen die so schliff waren, dass der Teig beim Essen noch an den Z\u00e4hnen h\u00e4ngen blieb. P\u00fcnktlich Nachmittags um f\u00fcnf begann der zweite Teil. Jetzt musste auch mein Vater an den Kampfhandlungen teilnehmen. Bewaffnet mit einem zwei Meter langen Brett, das eigens zu diesem Anlass in unserem Haushalt gehalten wurde, zogen wir bei Einbruch der D\u00e4mmerung los. Und nat\u00fcrlich h\u00e4tten wir UNSERE Stollen auch ohne Stollenzeichen erkannt, wundersch\u00f6n hoch, hellbraun und nicht zu sehr gerissen. Voller H\u00e4me betrachte meine Mutter das wie erwartet breitgelaufene Etwas aus Fritschens Sitzbadewannenproduktion. Jetzt mussten wir unsere Beute nur noch sicher nach Hause bringen. Den ganzen Heimweg lang war meine Mutter in Sorge, mein Vater k\u00f6nnte irgendwo ansto\u00dfen oder stolpern. Vorsicht Bordsteinkante. Tagelang vor dem Stollenbacktag verfolgte meine Mutter den Wetterbericht, war eine Regenplane notwendig oder gen\u00fcgten Geschirrt\u00fccher zum Abdecken und einmal als es unerwartet gefroren hatte, war meine Mutter mit einem Eimer Streusand, vor meinem Vater hergegangen. Die letzte Herausforderung war das Treppenhaus, meine Mutter machte einen L\u00e4rm, als m\u00fcssten wir einen Bl\u00fcthner Fl\u00fcgel transportieren und manchmal dachte ich, dass sie froh sein konnte, dass mein Vater das Brett nicht einfach fallen lie\u00df, wie es Herr Krause einmal getan hatte, als ihm das Geschrei zuviel wurde. Doch endlich lagen die Stollen friedlich in unserer K\u00fcche und warteten darauf, mit Butter bestrichen zu werden. Daf\u00fcr gab es extra einen Pinsel, dessen Borsten selbst noch im Sommer leicht ranzig rochen. Liebvoll bestrich meine Mutter den hellbraunen Teig, betupfte sorgf\u00e4ltig auch den kleinsten Krater, um es dann kr\u00e4ftig darauf schneien zulassen, ein Puderzuckersturm, der sich erst legte, als auch die letzte Stolle restlos wei\u00df war. Jetzt trennten uns nur noch wenige Meter vom Ziel, allerdings auf einem Parcours, der es in sich hatte. Das Stollenbrett musste von der K\u00fcche ins Schlafzimmer transportiert werden. Hinderlich dabei war die geringe Breite des Korridors, die ein direktes Wenden unm\u00f6glich machte. Meine Eltern hatten zu diesem Zweck ein Zickzack-Verfahren entwickelt, was hie\u00df, dass mein Vater mit dem Brett soweit ins gegen\u00fcberliegende Wohnzimmer hineinlief, bis meine Mutter die K\u00fcche verlassen und mit ihrem Brettende ins Bad schwenken konnte, Kinderzimmer, Abstellkammer, Schlafzimmer. Meine Eltern waren bereit jeden olympischen Rekord zu brechen und ich hatte M\u00fche bei dieser Geschwindigkeit die T\u00fcren rechtzeitig zu \u00f6ffnen und fast w\u00e4re mein Vater mit dem Jacken\u00e4rmel an der Badklinke h\u00e4ngen geblieben. Aber noch war es nicht vor\u00fcber, jetzt kam der bemerkenswerteste Teil der Darbietung: ein Mann und eine Frau steigen gleichzeitig auf einen Stuhl und heben dabei ein langes Brett auf einen Schrank. Eins, zwei, drei! Bei den ersten Versuchen wurde nur gez\u00e4hlt. Dann standen sie abwechselnd auf den St\u00fchlen. Kannst du nicht z\u00e4hlen! Und irgendwann schafften sie es doch und schnellten gleichzeitig nach oben. Nur auf die Au\u00dfenkanten treten! schrie meine Mutter noch, aber da war mein Vater schon mit dem Stuhlkissen eingebrochen. Wie ein Held auf einem untergehenden Schiff, hielt er das Brett im Fallen hoch \u00fcber seinen Kopf. Alles in Ordnung! rief meine Mutter gl\u00fccklich und mein Vater verzog das Gesicht, weil er sich das Bein verstaucht hatte. Aber auf solche Kleinigkeiten konnte meine Mutter keine R\u00fccksicht nehmen und nach dem siebenundf\u00fcnfzigsten Versuch landeten die Stollen doch noch unversehrt auf den Schrank. Solange sie dort lagen, herrschte im Schlafzimmer absolutes Heizverbot und meine Mutter nahm sogar in Kauf, dass Bl\u00e4tter der Alpenveilchen an den Scheiben anfroren. Die Stolle liebte es nun einmal k\u00fchl. Ich \u00fcberlegte, ob das Schnarrchen meines Vaters in irgendeiner Weise Einfluss auf den Geschmack der Stolle haben k\u00f6nnte. Verdr\u00e4ngte aber diesen Gedanken in Anbetracht der vielen Rosinen im Teig.<\/p>\n<p>Jetzt kamen wir zum gem\u00fctlichen Teil. Meine Mutter bestrich den noch warmen Kartoffelkuchen dick mit Butter und bestreute ihn mit Zucker und Zimt. Vorsorglich hatte sie Kuhlen in den Teig gedr\u00fcckt, in denen sich kleine Butterseen bildeten, die den Zucker gierig aufsaugten und zu einer dunkel gl\u00e4nzenden Kruste werden lie\u00dfen. Wir sa\u00dfen bei Kerzenschein am K\u00fcchentisch, tranken Tee und a\u00dfen trotz dass es schon Abendbrotszeit war den noch warmen Kuchen, dessen Teig weich wie Watte war. Und meine Mutter sagte: War doch gar nicht so aufregend. Ich lie\u00df die Zuckerkruste auf meiner Zunge zergehen, und auch wenn es bis zum Anschneiden der Stolle noch vier lange Wochen waren, wusste ich jetzt genau: auch in diesem Jahr w\u00fcrde es wieder Weihnachten werden.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/localhost\/wordpress\/wp-content\/uploads\/alle-jahre-wieder.pdf\" target=\"_blank\"><br \/>\n<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><a href=\"?page_id=23\"><br \/>\n<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rechte Kathrin Aehnlich (Text) Arche-Verlag Z\u00fcrich\/Hamburg (H\u00f6rbuch) Alle Jahre wieder Die Vorbereitungen begannen eine Woche vor dem ersten Advent. Genau dann, wenn in den Blumenl\u00e4den die \u00fcbriggeblieben Gebinde vom Totensonntag zu Adventsgestecken umdekoriert wurden, die Kassiererin aus dem Lebensmittel-Konsum einen Papp-Weihnachtsmann zwischen die Marmeladengl\u00e4ser im Schaufenster stellte und der Verk\u00e4ufern in der Drogerie p\u00fcnktlich jeden [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":6,"menu_order":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","template":"zuruckallgemein.php","meta":{"ngg_post_thumbnail":0,"footnotes":""},"class_list":["post-115","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.kathrinaehnlich.com\/kat\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/115"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.kathrinaehnlich.com\/kat\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.kathrinaehnlich.com\/kat\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.kathrinaehnlich.com\/kat\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.kathrinaehnlich.com\/kat\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=115"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.kathrinaehnlich.com\/kat\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/115\/revisions"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.kathrinaehnlich.com\/kat\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/6"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.kathrinaehnlich.com\/kat\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=115"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}