{"id":35,"date":"2008-07-25T13:30:46","date_gmt":"2008-07-25T11:30:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kathrinaehnlich.com\/kat\/?page_id=35"},"modified":"2008-07-25T16:34:07","modified_gmt":"2008-07-25T14:34:07","slug":"als-gabe-es-kein-jetzt","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/www.kathrinaehnlich.com\/kat\/information\/presse\/als-gabe-es-kein-jetzt\/","title":{"rendered":"Als g\u00e4be es kein Jetzt"},"content":{"rendered":"<h1><strong>Als g\u00e4be es kein Jetzt<\/strong><\/h1>\n<h4><strong>Osten, tiefer Osten &#8211; nostalgisch und lakonisch erz\u00e4hlt: Wer sentimental ist, wird irgendwann weinen \u00fcber Katrin Aehnlichs Roman &#8222;Alle sterben, auch die L\u00f6ffelst\u00f6re&#8220;<\/strong><\/h4>\n<p><em>VON PETRA KOHSE<\/em><\/p>\n<p>Am Anfang wird um eine Rede gebeten in diesem Roman. Am Ende wird sie gehalten. Die Geschichte selbst entspricht der Entstehung dieser Rede. Ihrer allm\u00e4hlichen Verfertigung beim Verbringen der Zeit zwischen Er\u00f6ffnung einer letzten Bitte und deren Erf\u00fcllung. Zwischen Tod und Beerdigung. Denn gestorben wird in diesem Buch. Nicht nur schicksalhaft und allgemein wie im Titel, sondern konkret und sehr pers\u00f6nlich. Der Einzelfall. Der Ernstfall.<\/p>\n<p>Skarlet Bucklitzsch und Jean-Paul Langanke. Der Name Bucklitzsch erinnert an den von Klaus Uhltzscht aus Thomas Brussigs Wenderoman Helden wie wir. Osten also, tiefster Osten. Skarlet und Jean-Paul h\u00e4tten auch Desir\u00e9e und Kevin hei\u00dfen k\u00f6nnen &#8211; Namen wie Fototapeten, die auf Kinder geklebt werden, um Anspruch auf die Welt zu erheben, vom Sofa aus.<\/p>\n<p>Skarlet und Jean-Paul haben sich Anfang der 60er in einem Leipziger Kindergarten kennengelernt. In der Gruppe von Tante Edeltraut, die es an nichts fehlen lie\u00df, was die DDR seinerzeit unter vorschulischer Erziehung verstand. Einschlie\u00dflich der lauwarmen Milch mit Haut, die t\u00e4glich getrunken werden musste. Jean-Paul, den Tante Edeltraut vorwurfsvoll &#8222;Schangbol&#8220; nannte, trank die von Skarlet heimlich mit, wof\u00fcr sie ihn von Anfang an liebte. Nicht nur, weil sie sich vor der Haut ekelte. Sondern weil er sich dem Tante-Edeltraut-Terror widersetzte. So blieb das mit Jean-Paul, der bald nur noch Paul genannt wurde: Er ging seiner eigenen Wege. Vom Vater fr\u00fch verlassen zwar und darob etwas verloren, aber unternehmungslustig, unterhaltsam und so unabh\u00e4ngig wie m\u00f6glich. Weil er sich beim Milit\u00e4r nicht unterordnen konnte, studierte er im Anschluss statt Medizin blo\u00df Kulturwissenschaften. Nach dem Fall der Mauer, kaufte er f\u00fcr eine Mark ein verrottetes Kino, in dem er fortan seine Lieblingsfilme zeigte.<\/p>\n<p>Und als die meisten Freunde das Familienleben schon wieder hinter sich hatten, lernte er Judith kennen und war endlich bereit, selbst ein Kind zu haben. Acht Monate sp\u00e4ter starb er an Krebs.<br \/>\nNichts bleibt im Ungef\u00e4hren<\/p>\n<p>&#8222;Was ich mich st\u00e4ndig frage, sagte Skarlet, warum Paul ausgerechnet in dem Moment gestorben ist, in dem er aufgeh\u00f6rt hat, gegen alles zu k\u00e4mpfen?<\/p>\n<p>Er hat die Krankheit lange mit sich herumgetragen. Ich habe schon viele Befunde gelesen, aber aussichtsloser als bei Paul war selten eine Diagnose. Die meisten Krankheiten haben keine Logik. Du musst aufh\u00f6ren, dar\u00fcber nachzudenken.&#8220;<\/p>\n<p>Matthias Seibt, der Chefarzt, der hier antwortet, war damals auch bei Tante Edeltraut. Vergeblich hatte er versucht, im Gespann von Skarlet und Paul der Dritte zu sein. Jetzt begleitete er Skarlet zu Pauls Beerdigung. Und kehrt mit ihr nachher neben der Friedhofsg\u00e4rtnerei in die &#8222;Endstation&#8220; ein, wo er &#8211; eine so hilflose wie tr\u00f6stliche Geste &#8211; zwei Tassen lauwarmer Milch bestellt.<\/p>\n<p>Kathrin Aehnlich ist eine pointierte Autorin. Sie hat stets das eine Detail parat, das Stimmungen und Sachverhalte auf den Punkt bringt. Sie l\u00e4sst beim Erz\u00e4hlen nichts im Ungef\u00e4hren, sondern markiert Anf\u00e4nge und Endpunkte. Sie ist eine Meisterin der kleinen B\u00f6gen. Und beherrscht das Beil\u00e4ufige und Kuriose. Warum Skarlet und Paul nie ein Liebespaar wurden, wird nicht erz\u00e4hlt. Dass es so ist, gibt ihrer Lebensfreundschaft aber den Ewigkeitszug, den es braucht, damit die Trauer ins Epische dr\u00e4ngt. Wobei die Tatsache, dass Paul Skarlet brieflich postum um eine Grabrede bittet, ein zus\u00e4tzlich raffinierter Einstieg in das Geflecht von Erinnerungen an Gemeinsames und Pers\u00f6nliches ist, das dieses Buch ausmacht. Verbunden und vorangetrieben durch die notwendigen T\u00e4tigkeiten zwischen Tod und Beerdigung: das Aussuchen des Sarges, das Informieren der Freunde, die Beurlaubung von der Arbeit.<\/p>\n<p>Kathrin Aehnlich wurde 1957 in Leipzig geboren und studierte Mitte der 80er Jahre am dortigen Literaturinstitut. Ihre Abschlussarbeit, ein so detailreiches wie lustiges, fast realsatirisches Erinnerungsbuch an eine Kindheit in der DDR, erschien erst zehn Jahre sp\u00e4ter unter dem Titel Wenn ich gro\u00df bin, flieg ich zu den Sternen und machte die Rundfunkjournalistin mit einem Schlag literarisch bekannt.<\/p>\n<p>Jetzt hat sie einen Roman \u00fcber Sterben und Trauer geschrieben, \u00fcber Freundschaft und die gemeinsame Ich-Werdung in einem Ich-feindlichen Umfeld. Alle sterben, auch die L\u00f6ffelst\u00f6re ist durchaus eine Fortschreibung des ersten Buches. Die Biografie der Protagonistin hat gleiche Koordinaten. Es gibt wieder eine Tante Elvira und einen krankhaft buchhalterischen Vater. Auch ein Bruder wird diesmal erw\u00e4hnt, viel \u00e4lter als Skarlet, der bei seiner Geburt starb. Ein Bruder, dessen Platz \u00fcbergangsweise vielleicht von Paul eingenommen worden war, und der jetzt wieder leer ist. Es ist ein leicht erz\u00e4hltes, aber schwer wiegendes Buch. Wer sentimental ist, wird irgendwann weinen.<\/p>\n<p>Wobei hier weniger psychologisiert als typologisiert wird. Die Erinnerungen Skarlets sind ein erz\u00e4hltes Album. Und scharf gestellt wird auch nur die gemeinsame Erfahrungswelt von Skarlet und Paul. Skarlets Tochter, Pauls Frau oder auch seine Mutter schraffieren als Figuren bestenfalls den Hintergrund des Versuchs, sich anhand des eigenen Lebens an das eines Freundes zu erinnern oder umgekehrt.<\/p>\n<p>Weil Paul kurz vor seinem Tod noch einmal seinen Vater sehen wollte, sucht Skarlet ihn auf, wird jedoch mit einer Abgesandten der Hausverwaltung verwechselt und kl\u00e4rt den Irrtum nicht auf. Paul erz\u00e4hlt sie &#8211; in den Bildern der Kindheit -, sie habe seinen Vater im Zirkus angetroffen und nach dem n\u00e4chsten Gastspiel werde er ihn bestimmt besuchen kommen. Die Tendenz zum Regressiven ist stark in diesem Buch. Das Wieder- und Wiederverr\u00fchren des Gewesenen. Als g\u00e4be es kein Jetzt, nicht nur f\u00fcr Paul &#8211; f\u00fcr niemanden.<\/p>\n<p>Der Titel bezieht sich auf eine Marginalie. Skarlet ist als Pressesprecherin des Leipziger Zoos besch\u00e4ftigt, und der Zoodirektor ist ein Liebhaber von L\u00f6ffelst\u00f6ren. Als Skarlet, um ihre Mitgenommenheit zu erkl\u00e4ren, sagt: &#8222;Es ist jemand gestorben&#8220;, antwortet der Direktor nach einer Pause: &#8222;Alle sterben, auch die L\u00f6ffelst\u00f6re&#8220;. Was wieder eine Pointe ist, weil der L\u00f6ffelst\u00f6r, jener menschgro\u00dfe, schuppenlose Knochenfisch, der in der Natur im Mississippi vorkommt, schon fast ausgestorben ist und die chinesische, drei- bis viermal so gro\u00dfe Variante, ohnehin nur noch Legende ist.<\/p>\n<p>Den Urlaub, den Skarlet erbittet, bekommt sie nicht wegen ihrer Trauer, sondern zur Vorbereitung einer Rede, die eine Konferenz der Freunde der Przewalskipferdezucht einleiten soll. &#8222;Liebe Freunde der Przewalskipferdezucht&#8220; denkt sie auch, bevor sie in der Trauerhalle das Mikrofon nimmt und anf\u00e4ngt, \u00fcber Paul zu sprechen. Liebe Freunde des k\u00fcnstlich erhaltenen Gewesenen. Ein nostalgisches, durchaus deprimiertes Buch. Lakonisch erz\u00e4hlt.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/localhost\/wordpress\/wp-content\/uploads\/ab_juli-heft.pdf\" target=\"_blank\"><br \/>\n<\/a><\/p>\n<p><em>Kathrin Aehnlich:<br \/>\nAlle sterben, auch die L\u00f6ffelst\u00f6re. Roman. Arche Literatur Verlag, Hamburg\/Z\u00fcrich 2007, 250 S.,<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als g\u00e4be es kein Jetzt Osten, tiefer Osten &#8211; nostalgisch und lakonisch erz\u00e4hlt: Wer sentimental ist, wird irgendwann weinen \u00fcber Katrin Aehnlichs Roman &#8222;Alle sterben, auch die L\u00f6ffelst\u00f6re&#8220; VON PETRA KOHSE Am Anfang wird um eine Rede gebeten in diesem Roman. Am Ende wird sie gehalten. Die Geschichte selbst entspricht der Entstehung dieser Rede. 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