{"id":38,"date":"2008-07-25T13:38:59","date_gmt":"2008-07-25T11:38:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kathrinaehnlich.com\/kat\/?page_id=38"},"modified":"2008-07-25T16:41:04","modified_gmt":"2008-07-25T14:41:04","slug":"deutschlandradio-2007","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/www.kathrinaehnlich.com\/kat\/information\/presse\/deutschlandradio-2007\/","title":{"rendered":"Deutschlandradio 2007"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><a href=\"?page_id=15\"><br \/>\n<\/a><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-64\" title=\"schimpanse\" src=\"http:\/\/www.kathrinaehnlich.com\/kat\/wp-content\/uploads\/2008\/07\/schimpanse.jpg\" alt=\"\" width=\"460\" height=\"345\" \/>Ein Schimpanse im Zoo. (Bild: AP)<\/p>\n<h1>Leichtgewicht mit Tiefgang<\/h1>\n<h4>Portr\u00e4t der DDR als Menschenzoo<\/h4>\n<p><em> Von Beatrix Langner<\/em><br \/>\n<strong> &#8222;Alle sterben, auch die L\u00f6ffelst\u00f6re&#8220; ist ein sehr komischer Roman, vorz\u00fcglich da, wo er am traurigsten ist. Kathrin Aehnlich, 1958 in Leipzig geboren, hat den bitter-melancholischen Nachruf auf die Jugend ihrer eigenen Generation geschrieben &#8211; in seiner ehrlichsten Form, der Satire.<\/strong><br \/>\nManchmal braucht ein Buch auf dem un\u00fcbersichtlichen Buchmarkt ein ganz bestimmtes Klima, etwa eine besonders hohe Luftfeuchtigkeit, ein durchziehendes Azorentief, ein gutes Cover, einen engagierten Lektor oder was auch immer, um sein Publikum zu finden. &#8222;Alle sterben, auch die L\u00f6ffelst\u00f6re&#8220; von Kathrin Aehnlich hat es trotzdem geschafft, m\u00f6chte man sagen, obwohl Papier und Einband etwas zu billig ausgefallen sind und das Klima &#8211; politisch gesehen &#8211; f\u00fcr ostdeutsche Romane relativ ung\u00fcnstig ist. Doch von ein paar \u00fcberz\u00e4hligen Kinderkrippen, teuren Altstadtsanierungen und stagnierendem Wirtschaftswachstum werden wir uns den Spa\u00df an diesem Buch nicht verderben lassen. Denn &#8222;Alle sterben, auch die L\u00f6ffelst\u00f6re&#8220; ist wirklich ein sehr komischer Roman, vorz\u00fcglich da, wo er am traurigsten ist; ein literarisches Leichtgewicht mit Tiefgang.<\/p>\n<p>Lange nicht mehr hat jemand die semantische Ambivalenz, die in den drei Buchstaben D-D-R stecken, so pointiert und lustig in eine Romanhandlung verdichtet, die dazu noch hohen Unterhaltungswert besitzt. Es ist kurz nach Weihnachten, der vorletzte Tag des Jahres und Skarlet, seit DDR-Zeiten Pressesprecherin des Leipziger Zoos, hat gerade ihren Freund Paul verloren, treuester Vertrauter seit Kindheitstagen. W\u00e4hrend sie gerade \u00fcber die richtigen Worte f\u00fcr Pauls Trauerrede nachsinnt, wird Skarlet zum, ebenfalls seit Vorwendezeiten amtierenden, Zoodirektor gerufen. Sie soll eine Rede f\u00fcr die Liebhaber der Przewalskipferdezucht schreiben, in der sie auf die Population der L\u00f6ffelst\u00f6re eingehen soll, das Steckenpferd des Zoodirektors, der auch schon anl\u00e4sslich des 40. Geburtstages der DDR die fortschreitende Entwicklung der amerikanischen L\u00f6ffelst\u00f6re begr\u00fc\u00dft hatte. Paul und die L\u00f6ffelst\u00f6re &#8211; ein unl\u00f6sbares Paradoxon f\u00fcr die Protagonistin.<\/p>\n<p>Kathrin Aehnlich, 1958 in Leipzig geboren, hat den bitter-melancholischen Nachruf auf die Jugend ihrer eigenen Generation geschrieben &#8211; in seiner ehrlichsten Form, der Satire. Mit sch\u00f6ner Selbstironie und glaubhafter Naivit\u00e4t beschreibt sie ethnografisch genau, wie es war, aufgewachsen zu sein in einem Land, in dem die Zeit stillstand: den gef\u00fchlten Widerstand, die gelebte Anpassung, die Opposition par excellence, die im Jungsein lag &#8211; von der Kleiderordnung bis zum Musikkonsum. Freiheit existierte nur in der Fantasie, Zivilcourage bewies man schon mit langen oder bunten Haaren, Levy-Jeans und Pal\u00e4stinensert\u00fcchern. Jugend in der DDR war das Synonym f\u00fcr Dagegen-Sein, und das gen\u00fcgte den Meisten. Die Staatsmacht sah das genauso. Im Westen war das ja so \u00e4hnlich in der &#8222;bleiernen Zeit&#8220;. Darum k\u00f6nnen 60-j\u00e4hrige Rockmusiker und ihre alternden Fans heute, meint Aehnlich, so schwer abtreten von der B\u00fchne, und darum findet die DDR immer wieder nostalgische Chronisten und Schw\u00e4rmer in der j\u00fcngeren Generation. Mit der eigenen Kindheit und Jugend verliert sich langsam auch der Heroismus der eigenen Erinnerungen.<\/p>\n<p>Die DDR, das war hier Tante Edeltraut, die teigige Grimasse sozialistischer Erziehung, die Personifizierung aller Leiden, die ein Heranwachsender erdulden musste, bis er an allen Gliedern zugeschnitten war auf die Ma\u00dfe der allseitig entwickelten sozialistischen Pers\u00f6nlichkeit. In dem Freundschaftspaar Skarlet Bucklitzsch und Jean-Paul Langanke &#8211; Namen, die im S\u00e4chsischen wahrscheinlich wie eine schwere K\u00f6rperverletzung klingen &#8211; illustriert Aehnlich, dass Opposition und Anpassung keine Gegens\u00e4tze im Sozialverhalten des DDR-B\u00fcrgers waren, sondern aufeinander bezogene Techniken der Selbstverteidigung und Ich-Konstruktion. Zur Ambivalenz zwischen totalit\u00e4rer Anpassung und jugendlicher Revolte tritt n\u00e4mlich noch die zwischen Provinzialit\u00e4t und Moderne. Die DDR war, daran l\u00e4sst Kathrin Aehnlich keinen Zweifel, ein sozialistischer Menschenzoo, der stolz war auf seine internationale Reputation und seine illustren Besucher, bei den Zooinsassen aber jede intellektuelle oder geistige Selbstentfaltung sorgf\u00e4ltig unterband. So blieb der furchtsamen Skarlet nur Paul als Kompass innerer Freiheit. Paul verlor seinen Medizin-Studienplatz , weil er sich nicht freiwillig zur Volksarmee verpflichtete, tr\u00e4umte davon, Filme zu drehen, kaufte sich nach der Wende endlich ein marodes Kino, und als es losgehen sollte mit der Freiheit, starb er an Krebs. Sein Begr\u00e4bnis auf dem Leipziger Friedhof &#8211; in einem selbstbemalten Sarg, dazu singt Van Morrison &#8211; wird zur letzten traurigen Revolte der Zoobewohner, f\u00fcr die die Freiheit zu sp\u00e4t kam.<\/p>\n<p>Heutige Kleinkinder werden als Erwachsene auf die DDR-Zeit zur\u00fcckblicken wie damals Skarlet und Jean-Paul etwa auf Bismarcks Sozialreformen oder die Erfindung der Maggi-W\u00fcrze. DDR-Zoo-Reliquien wie die Kleinen Trompeterb\u00fccher, Sachsenbr\u00e4u und Travidin, Malfabrot und das Leipziger Messem\u00e4nnchen sind dann nur noch ein Klang, ein Hauch in der Luft. Auch die L\u00f6ffelst\u00f6re werden irgendwann aussterben, wie der Zoodirektor zugeben muss. Nur Zoodirektoren leben ewig.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Schimpanse im Zoo. (Bild: AP) Leichtgewicht mit Tiefgang Portr\u00e4t der DDR als Menschenzoo Von Beatrix Langner &#8222;Alle sterben, auch die L\u00f6ffelst\u00f6re&#8220; ist ein sehr komischer Roman, vorz\u00fcglich da, wo er am traurigsten ist. 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