{"id":49,"date":"2008-07-25T17:03:06","date_gmt":"2008-07-25T15:03:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kathrinaehnlich.com\/kat\/?page_id=49"},"modified":"2008-07-25T17:03:06","modified_gmt":"2008-07-25T15:03:06","slug":"ulrike-baureitel","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/www.kathrinaehnlich.com\/kat\/information\/presse\/ulrike-baureitel\/","title":{"rendered":"Ulrike Baureitel"},"content":{"rendered":"<h4>Milchhaut ist \u00fcberall<\/h4>\n<p><em>In ihrem Romandeb\u00fct &#8222;Alle sterben,auch die L\u00f6ffelst\u00f6re&#8220; schafft Kathrin Aehnlich Momente des west-\u00f6stlichen Wiedererkennens<\/em><\/p>\n<p>Wahrscheinlich teile ich mit der Autorin nur den Jahrgang. Als Kind wusste wenigstens ich wenig von &#8222;Dr\u00fcben&#8220;, und auch das Milieu, in dem wir jeweils aufwuchsen, d\u00fcrfte sich unterschieden haben. Gerade deshalb war der Moment des Wiedererkennens so irritierend. Denn diese &#8222;Tante Edeltraut&#8220;, die die in Leipzig geborene Kathrin Aehnlich in ihrem Roman Alle sterben, auch die L\u00f6ffelst\u00f6re als unangefochtene Autorit\u00e4tsperson vorstellt, kenne ich nur zu gut. Sie hie\u00df zwar nicht Edeltraut, sondern, wenn ich mich recht entsinne, Lioba, und herrschte statt in einer sozialistischen Kita in einem streng katholischen Kindergarten &#8211; die Szene jedoch ist die gleiche.<\/p>\n<p>Sie steht hinter einem am Tischchen und wartet unnachsichtig darauf, dass man die mit glitschiger Haut \u00fcberzogene und manchmal angebrannte Milchsuppe ausl\u00f6ffelt. Die wird, w\u00e4hrend man verzweifelt nach Entsorgungsm\u00f6glichkeiten ausschaut, immer k\u00e4lter, klumpiger und ekliger, doch es gibt kein Entrinnen: Was auf dem Teller ist, muss abgegessen werden, damit am n\u00e4chsten Tag die Sonne scheint und weil die hungernden Biafra-Kinder froh w\u00e4ren, wenn sie so feine Milch bek\u00e4men. Nachdem das Zeug dann endlich heruntergew\u00fcrgt ist, kommt der verordnete kollektive Mittagsschlaf auf einer Pritsche, in lotzenden, kratzigen Rippenstrumpfhosen. Und sp\u00e4ter, das war dann schon in der Schule, wurden f\u00fcr belobigte Leistungen Kreuzchen und, streng rationiert, Puffreisriegel (im Religionsunterricht Heiligenbildchen, darin unterschieden wir uns wohl) verteilt, damit man lernte, dass Leben ein Wettkampf ist und Leistung sich lohnt. Alles genauso wie bei Edeltraut.<\/p>\n<p>Leider gab es in meiner Kindergartenzeit keinen freundlichen kleinen Ritter namens Paul (eigentlich Jean-Paul, bei Edeltraut einges\u00e4chselt zu einem &#8222;Schangbol&#8220;), der mir in einem unbeaufsichtigten Moment den Teller weggezogen und die Milch ausgel\u00f6ffelt h\u00e4tte. Die kleine Namens-Extravaganz teilt Jean-Paul mit Skarlet (das k nach dem Willen der Mutter, das fehlende &#8222;t&#8220; ein Versehen der Hebamme), sie stiftet das erste freundschaftliche Band zwischen den Kindern, denn beide m\u00f6gen sie Edeltraut und ihr Regiment nicht, und sie entziehen sich, wo sie k\u00f6nnen. Die &#8222;Zwillinge&#8220; werden unzertrennlich, teilen lange Zeit die Schulbank, viel sp\u00e4ter das Studium, die Freunde, fast alles. Doch Tante Edeltrauts Prophezeiung erf\u00fcllt sie nicht: Aus ihnen wird nie ein Paar werden.<\/p>\n<p>Der Roman setzt ein an einem Tag vor Silvester, irgendwann nach der Jahrtausendwende, als Skarlet den endg\u00fcltig letzten Brief von Paul in den H\u00e4nden h\u00e4lt, mit einer letzten Bitte: Sie m\u00f6ge eine kurze Grabrede halten bei seiner Beerdigung, &#8222;ein bisschen Geschichtenerz\u00e4hlen, ohne Pathos&#8220;. Denn Paul ist gestorben, nicht bei einem Flugzeugabsturz oder durch ein anderes dramatisches Ereignis, wie sie sich das als Jugendliche immer vorgestellt hatten, sondern ganz banal nach schwerer Krankheit, wie es in den Todesanzeigen hei\u00dft. W\u00e4hrend Skarlet versucht, mit dieser Tatsache fertig zu werden und Pauls Lebensgef\u00e4hrtin Judith hilft, das Notwendige zu veranlassen, kreisen ihre Gedanken um Paul, die gemeinsame Geschichte, die eben mit jenem Tag im Kindergarten beginnt, als Tante Edeltraut Paul zwingt, seine Hose auszuziehen.<\/p>\n<p>Es ist eine langsame Ann\u00e4herung, die \u00fcber einen Zirkus f\u00fchrt und den Leipziger Zoo. Dort ist Skarlet als Pressefrau h\u00e4ngen geblieben, eine Hochstaplerin irgendwie, denn wer betrachtet es schon als Arbeit, f\u00fcr Tiere, zumal f\u00fcr die vom Zoodirektor geliebten L\u00f6ffelst\u00f6re zu werben? Die Erinnerung f\u00fchrt sie zur\u00fcck in die Kindheit, in der sich Paul so sehr einen Vater gew\u00fcnscht, w\u00e4hrend sie, Skarlet, ihren eigenen Vater, einen Geizhals und neurotischen Kontrolleur, gehasst und gehofft hatte, er m\u00f6ge wie Pauls Vater einfach verschwinden. Die Werkstunden bei Herrn Nottelbeck (Deutschland, einig Bastelland), die abgebrochene Christenlehre, die verweigerte Oberschule (was das kostet!) und die sich unendlich hinziehenden Sonntagnachmittage, an denen die Zeit stillzustehen scheint (keineswegs nur im Osten ein Kinderschreck) &#8211; dies alles vermischt sich in Skarlets Erinnerung mit Pauls beginnender Krankheit, als sich die Freunde zur\u00fcckzuziehen beginnen und Skarlet \u00fcber die gemeinsame Geschichte noch einmal ein ganz neues Band mit ihm kn\u00fcpft.<\/p>\n<p>Dass Paul und Skarlet &#8211; trotz ihrer Unzertrennlichkeit &#8211; eigene Wege gehen, widerlegt alle Vorstellungen von der uniformen Existenz im realen Sozialismus und ist Tribut an die Durchschlagkraft psychologischer Erfahrung. W\u00e4hrend Skarlet in einer jahrelangen und schlie\u00dflich scheiternden Ehe &#8222;Hirschmausmutter&#8220; spielt und aus Angst, den Lebensentwurf ihrer Mutter zu wiederholen, schlie\u00dflich flieht, z\u00f6gert der bindungs\u00e4ngstliche Paul so lange, bis es (fast) zu sp\u00e4t ist. Mit seinem Sohn Lukas wird er, todkrank schon, nur ein einziges Weihnachtsfest verleben. Und als Skarlet in ihrem Zoo noch den 40. Republiktag feiert, versetzt es Jean-Paul Langanke, den Filmnarr, in jener Novembernacht 1989 in einen ganz realen Film, in dem er sich, einen einzigen Augenblick lang, als Held f\u00fchlen darf.<\/p>\n<p>Die F\u00fclle von Geschichten, mit Paul und Skarlet als Mittelpunkt, \u00fcberzeugen, weil sie von Kathrin Aehnlich so lakonisch erz\u00e4hlt und wunderbar sinnlich vorgestellt und erfahrbar sind und auf diese Weise die eigenen Erinnerungsbilder aufrufen. &#8222;Schon als Kind&#8220;, f\u00fchrt die Autorin programmatisch ein, sei Skarlet &#8222;st\u00e4ndig gescheitert, weil sie versucht hatte, sich alles konkret vorzustellen&#8220;; und bereits in ihrer 1998 erschienenen Erz\u00e4hlung Wenn ich gro\u00df bin, flieg ich zu den Sternen hatte Aehnlich die M\u00f6glichkeiten der Kinderperspektive ausgelotet. Ihr Ton erinnert an das Romandeb\u00fct Halbschwimmer der ebenfalls aus Leipzig stammenden Katja Oskamp (Freitag 8\/2004) &#8211; vielleicht ein Effekt des gemeinsamen Studiums am Leipziger Literaturinstitut und w\u00e4re b\u00f6sartig als Konfektion abzutun, wenn Aehnlich die Tonlage nicht justieren w\u00fcrde auf andere Sinne.<\/p>\n<p>Nicht zuf\u00e4llig sind es bei ihr immer wieder der Geschmack und der Geruch von Essen, die die alten Bilder heraufbeschw\u00f6ren: Die erw\u00e4hnte Milchhaut im Kindergarten, der R\u00fchrkuchen, der an die Warteschlange bei Mitropa erinnert, der billige Fusel der Studentenzeit. Und, richtig gruselig, der allj\u00e4hrliche Silvesterkarpfen: wabbelig, mit einer dicklichen Fettschicht &#8211; und das Ger\u00e4usch, &#8222;mit dem der Vater den Karpfenkopf aussaugte: die Kiemen, das Gehirn und zuletzt die Augen.&#8220; Als Paul schon nicht mehr selbstst\u00e4ndig essen kann und k\u00fcnstlich ern\u00e4hrt werden muss, spielen die Freunde das Essenspiel und tr\u00e4umen sich gegenseitig ins &#8222;gro\u00dfe Fressen&#8220; hinein.<\/p>\n<p>Dass der Roman, einmal auf das Zoo-Gleis gestellt, gelegentlich zur biologistisch gef\u00e4rbten Plauderstunde ger\u00e4t (von den unvermeidlichen sexbesessenen Bonobos bis hin zum weiblichen &#8222;Nestbauinstinkt&#8220;, der f\u00fcr die &#8222;Zucht&#8220; lieber auf den langweiligen Bauingenieur Christian zur\u00fcckgreift als auf den unzuverl\u00e4ssigen Tr\u00e4umer Paul) l\u00e4sst sich ebenso hinnehmen wie die wiederholt aufgerufenen &#8222;Sprelacart&#8220;-Tische, die in einem Erinnerungsroman aus dem Osten offenbar einfach nicht fehlen d\u00fcrfen. Auch das etwas kitschig wirkende Finale (mit wieder gefundenem Kindergartenfreund) nimmt man gern in Kauf.<\/p>\n<p>Nur dass Aehnlich Skarlets Vater so gar keine Zwischent\u00f6ne zubilligt und auch Pauls (abwesender) Vater nur als bl\u00f6der Loser vorgef\u00fchrt wird, sollte misstrauisch machen: Als ob sich die Freundschaft zwischen Skarlet und Paul nur auf der Negativfolie versagender M\u00e4nner h\u00e4tte entwerfen lassen &#8211; und Aehnlich am Ende dann doch noch einem Klischee erlegen w\u00e4re.<\/p>\n<p><em>Kathrin Aehnlich: Alle sterben, auch die L\u00f6ffelst\u00f6re. 249 S., Arche, Z\u00fcrich, Hamburg 2007, 248 S., 19 EUR<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Milchhaut ist \u00fcberall In ihrem Romandeb\u00fct &#8222;Alle sterben,auch die L\u00f6ffelst\u00f6re&#8220; schafft Kathrin Aehnlich Momente des west-\u00f6stlichen Wiedererkennens Wahrscheinlich teile ich mit der Autorin nur den Jahrgang. 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