{"id":60,"date":"2008-07-25T17:45:41","date_gmt":"2008-07-25T15:45:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kathrinaehnlich.com\/kat\/?page_id=60"},"modified":"2008-07-28T12:57:12","modified_gmt":"2008-07-28T10:57:12","slug":"leseprobe-alle-sterben-auch-die-loffelstore","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/www.kathrinaehnlich.com\/kat\/bucher\/leseprobe-alle-sterben-auch-die-loffelstore\/","title":{"rendered":"Leseprobe: Alle sterben auch die L\u00f6ffelst\u00f6re"},"content":{"rendered":"<p><strong> <\/strong><\/p>\n<p>Rechte by Arche-Verlag Z\u00fcrich\/Hamburg<\/p>\n<p><strong>1.Kapitel<\/strong><\/p>\n<p><em>Liebe Skarlet, das ist sozusagen ein Brief<\/em><em>aus dem Jenseits, aber Du bist eine der ganz wenigen, denen ich zutraue, mit der makaberen Situation umzugehen.<\/em><\/p>\n<p>Sie sa\u00df in der S-Bahn und dachte, da\u00df sie jetzt weinen m\u00fcsste. Sie starrte aus dem Fenster und sah, was sie immer sah, wenn sie in dieser Gegend abends aus dem Fenster schaute. Nichts. Aber auch bei Tageslicht w\u00e4re es nicht anders gewesen. Ein deprimierendes Bild. Stillgelegte Industrieanlagen, das ehemalige Kraftwerk dessen Schornsteine einst als Wunder der Baukunst galten und f\u00fcr dessen Abrisskosten jetzt von der Stadtverwaltung Sponsoren gesucht wurden. Daneben die ehemalige Gro\u00dfdruckerei, dann das Kugellagerwerk, B\u00fcrogeb\u00e4ude, darin nicht eine einzige Fensterscheibe, die man noch einwerfen konnte. Das Gel\u00e4nde vor den zugemauerte Eing\u00e4ngen war mit B\u00fcschen und meterhohen B\u00e4umen bewachsen, und verrottete Bauz\u00e4une sperrten ab, was niemanden mehr interessierte. In dieser Gegend lag die Stadt im Koma. Sie starrte aus dem Fenster, suchte vergeblich nach Lichtern, versuchte, die Sterne am Himmel zu erkennen, doch das Neonlicht blendete, und die Deckenlampen spiegelten sich im Glas.<\/p>\n<p><em>Meine gr\u00f6\u00dfte Angst ist, da\u00df alles wirklich so banal ist, wie sie es uns immer gesagt haben.<\/em><\/p>\n<p><em>S<\/em>ie sah in die spiegelnde Fensterscheibe und versuchte, sich vorzustellen, wo er jetzt sein k\u00f6nnte. Aber auch ihre Phantasie war in diesen Dingen begrenzt und folgte nur den vorgegebenen Mustern, die sich zwischen atheistisch oder religi\u00f6s entschieden, zwischen Erde und Himmel. Und obwohl sie in einem sozialistischen Land aufgewachsen war, kam ihr als einzig m\u00f6glicher Ort, wo Paul jetzt sein k\u00f6nnte, das Paradies in den Sinn. Aber wo war das \u00fcberhaupt? Sie fand, da\u00df es f\u00fcr ein Paradies im Himmel momentan zu kalt war. Das Jahr verabschiedete sich mit Frost, es wehte ein eisiger Wind, und die Temperaturen waren so niedrig, da\u00df kein Schnee fallen konnte. Sie sehnte sich nach diesem Schnee, nach der Stille, die alles zudeckte, die kaputten Industrieanlagen, die schmutzigen Stra\u00dfen, die Gef\u00fchle. In ihrer Erinnerung hatte es in ihrer Kindheit jeden Winter von Dezember bis M\u00e4rz geschneit. Noch nie vorher war ihr der Gedanke gekommen, da\u00df es im Paradies auch kalt sein k\u00f6nnte. Sie hatte es sich immer mit Temperaturen zwischen zwanzig und f\u00fcnfundzwanzig Grad und einer ertr\u00e4glichen Luftfeuchtigkeit vorgestellt . Ein Teneriffa f\u00fcr alle. Doch je l\u00e4nger sie dar\u00fcber nachdachte, um so fragw\u00fcrdiger wurde ihr das Ganze. Sie sah eine riesige Ferienanlage vor sich, in der alle Platz finden mu\u00dften, die sich auf Erden ausreichend gut benommen hatten und am Ende w\u00fcrde sie jeden Morgen um f\u00fcnf Uhr aufstehen m\u00fcssen, um ihr Handtuch auf eine Liege am Pool zu legen. Der Gedanke, das Paradies mit Unbekannten teilen zu m\u00fcssen, war unertr\u00e4glich, aber genauso absurd war die Vorstellung mit Menschen auf Ewigkeit zusammenzusein, mit denen sie schon auf Erden nichts zu tun haben wollte. Sie stellte sich vor, da\u00df sie gemeinsam mit ihrem Nachbarn, der jeden Sonntagmorgen die Z\u00e4hlerst\u00e4nde im Keller kontrollierte und in ein Buch eintrug und der nichts so sehr liebte, wie im Wohnmobil durch Norwegen zu fahren, in ein und das selbe Paradies k\u00e4me. Wom\u00f6glich w\u00fcrde er ihr nachts heimlich die Heizung abdrehen. Vieles erschien ihr auf den ersten Blick unklar: in welcher Sprache sollten sich alle verst\u00e4ndigen? Gab es f\u00fcr jede Nation ein eigenes Paradies? Oder waren die Paradiese nach Berufsgruppen getrennt? Und wo w\u00fcrde sie Janis Joplin und Jimi Hendrix finden?<\/p>\n<p>Schon als Kind war sie st\u00e4ndig gescheitert, weil sie versucht hatte, sich alles konkret vorzustellen. Am schlimmsten war der Gedanke an die Unendlichkeit gewesen. Der Gedanke an die Unendlichkeit hatte sie krank gemacht. Jeder Teller hatte einen Rand, jedes Fu\u00dfballfeld eine Torlinie. Alles h\u00f6rte irgendwo auf, das Zimmer, die Stra\u00dfe. Jedes Meer hatte ein Ufer und selbst Ozeane stie\u00dfen irgendwann an Land. Es war schon schwer genug gewesen, sich damit abzufinden, dass die Erde eine Kugel war. Und dann sollte das Weltall auch noch unendlich sein? Keine Wand, keine T\u00fcr? Aber selbst wenn irgendwo eine Wand w\u00e4re, so gab es immer ein davor und ein dahinter, hinter jeder T\u00fcr war eine andere T\u00fcr. Und wo war in dieser ganzen Unendlichkeit Gott? Sie hatte den Pfarrer in der Christenlehre danach gefragt und seine Erkl\u00e4rungen, dass Gott \u00fcberall w\u00e4re, nicht gelten lassen. Gott konnte nicht gleichzeitig ein Alpenveilchen und der Pudel von Frau Schindler sein. Sie hielt die Formulierung: Gott ist in uns, f\u00fcr eine der L\u00fcgen der Erwachsenen, die wie immer zu bequem waren, sich ernsthaft Gedanken zu machen. Sie sah den Pfarrer bei der Frage, ob Gott beim Betreten der Wohnung Hausschuhe anziehen m\u00fcsse, zusammenzucken. Wer kochte f\u00fcr Gott, wer wusch seine W\u00e4sche? Und wann hatte Gott eigentlich Geburtstag? Statt ihr zu antworten schrieb der Pfarrer einen Brief an ihre Eltern, die, nach dem sie die Fragen auch nicht beantworten konnten, mit ihr einen Arzt konsultierten, der zuerst einen Herzfehler vermutete, ihr aber dann nur eine ungew\u00f6hnlich gro\u00dfe Fantasie bescheinigte und den Eltern riet, sie von aller Aufregung und vor allem vor der Kirche fernzuhalten, was f\u00fcr einen Arzt aus einer Poliklinik immer ein guter Rat war. Endlich hatte sie mehr Zeit, um sich ihren Aufgaben als Junger Pionier zu widmen. Bei den Jungen Pionieren war alles viel konkreter. Zwar gab es genau wie in der Kirche zehn Gebote, die jeder einhalten sollte. Aber die Heiligen waren richtig tot und geisterten nicht als virtuelle Erscheinung durchs t\u00e4gliche Leben. Im Sinne von Ernst Th\u00e4lmann hie\u00df, wir machen es so, wie es Ernst Th\u00e4lmann gemacht h\u00e4tte, wenn er nicht feige und hinterh\u00e4ltig ermordet worden w\u00e4re. Zwar sah er ihnen aus seinem Bilderrahmen heraus von der Wand \u00fcber den Garderobehaken zu, aber er war weder ein Alpenveilchen, noch ein Pudel, sondern h\u00f6chsten einmal im Jahr eine Mainelke.<\/p>\n<p>Heute stellte sie sich Gott vor, wie eine Datei im Internet, ein Link, der bei allem was man suchte vorhanden war. Noch immer hielt sie den Brief aus dem Jenseits, von dem weder Paul noch sie wussten, wo es war, in der Hand. Und wie immer hatte sie den Umschlag mit einem Finger aufgerissen, das Papier achtlos zerfetzt, wer interessierte sich schon f\u00fcr leere Umschl\u00e4ge, aber vielleicht h\u00e4tte sie f\u00fcr einen letzten, f\u00fcr einen allerletzten Brief versuchen k\u00f6nnen, vorsichtig die Gummierung zu l\u00f6sen oder wenigstens f\u00fcr das Aufschlitzen einen Stift oder Schl\u00fcssel nehmen sollen. Sie versteckte den Umschlag zwischen den Briefseiten und fixierte pr\u00fcfenden den Himmel, den sie durch die Scheibe nicht sehen konnte.<\/p>\n<p>Paul war immer ordentlich gewesen. Die Bleistifte auf seinem Schreibtisch hatten exakt neben einander gelegen und nie hatte es eine abgebrochene Spitze gegeben. Nie war er auch nur eine Minute unp\u00fcnktlich gewesen und nie hatte er eine einzige Entscheidung r\u00fcckg\u00e4ngig gemacht. War gewesen. Wie leicht sich das dachte und dabei war er noch nicht einmal sieben Stunden tot.<\/p>\n<p>Am Nachmittag war der Anruf gekommen. Sie hatte in der K\u00fcche gestanden und gekocht. Spaghetti wie immer und Musik geh\u00f6rt, wie immer. Nannini wie fast immer. Und w\u00e4hrend Io e Bobby McGee hatte das Telefon geklingelt und sie war eher unwillig auf den Flur gegangen und hatte den H\u00f6rer abgenommen. Es gab nichts schlimmeres als weichgekochte Spaghetti. Ho smesso di soffrire e finalmente in pace pu\u00f2 morire, hatte Nannini in der K\u00fcche gebr\u00fcllt und Judith hatte am Telefon: Paul ist eben gestorben, gesagt. Und sie war in die K\u00fcche gegangen und hatte die Musik ausgestellt. Dann war es still, in den Boxen und am anderen Ende der Leitung.<\/p>\n<p>Soll ich kommen?<\/p>\n<p>Lass dir Zeit.<\/p>\n<p>Und sie war zur\u00fcckgegangen zum Herd und hatte die Spaghetti mit dem Holzl\u00f6ffel umger\u00fchrt und dann die Zeituhr auf acht Minuten gestellt. Dann hatte sie kochendes Wasser \u00fcber die Tomaten gegossen, exakt bis zum Rand der Sch\u00fcssel. Um diese Jahreszeit waren die Tomate teuer und hatten kaum Geschmack und die Schale lie\u00df sich schwer, und nur mit Hilfe eines Messers l\u00f6sen. Und sie dachte, dass es besser gewesen w\u00e4re, wenn sie sich f\u00fcr gesch\u00e4lte Tomaten aus der Dose entschieden h\u00e4tte. Sie hatte einen Schwapp Oliven\u00f6l in den Tiegel gegeben, gewartet, bis das \u00d6l Blasen schlug und dann vorsichtig die geschnittenen Tomaten vom Teller in das hei\u00dfe \u00d6l geschoben. Sie war bei dem Zischen zusammengezuckt. Alle Ger\u00e4usche erschienen ihr unendlich laut. Aber sie f\u00fcrchtete sich vor jeder Art Musik. Sie hatte am K\u00fcchentisch gesessen, inmitten der ungewohnten Stille, und Spaghetti gegessen.<\/p>\n<p>&#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><a href=\"javascript:history.back();\"><br \/>\n<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rechte by Arche-Verlag Z\u00fcrich\/Hamburg 1.Kapitel Liebe Skarlet, das ist sozusagen ein Briefaus dem Jenseits, aber Du bist eine der ganz wenigen, denen ich zutraue, mit der makaberen Situation umzugehen. Sie sa\u00df in der S-Bahn und dachte, da\u00df sie jetzt weinen m\u00fcsste. Sie starrte aus dem Fenster und sah, was sie immer sah, wenn sie in [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":4,"menu_order":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","template":"zuruckallgemein.php","meta":{"ngg_post_thumbnail":0,"footnotes":""},"class_list":["post-60","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.kathrinaehnlich.com\/kat\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/60"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.kathrinaehnlich.com\/kat\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.kathrinaehnlich.com\/kat\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.kathrinaehnlich.com\/kat\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.kathrinaehnlich.com\/kat\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=60"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.kathrinaehnlich.com\/kat\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/60\/revisions"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.kathrinaehnlich.com\/kat\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/4"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.kathrinaehnlich.com\/kat\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=60"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}