{"id":61,"date":"2008-07-25T17:47:28","date_gmt":"2008-07-25T15:47:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kathrinaehnlich.com\/kat\/?page_id=61"},"modified":"2008-07-25T20:55:19","modified_gmt":"2008-07-25T18:55:19","slug":"leseprobe-wenn-ich-gros-bin-flieg-ich-zu-den-sternen","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/www.kathrinaehnlich.com\/kat\/bucher\/leseprobe-wenn-ich-gros-bin-flieg-ich-zu-den-sternen\/","title":{"rendered":"Leseprobe: Wenn ich gro\u00df bin, flieg ich zu den Sternen"},"content":{"rendered":"<p>Rechte by Arche-Verlag Z\u00fcrich\/Hamburg<\/p>\n<p><span style=\"color: #ffffff;\">.<\/span><\/p>\n<p>Mein neunter Geburtstag begann wie alle meine Geburtstage in den vorangegangenen Jahren. Noch im Halbdunkel versammelten sich meine Eltern und Tante Elvira vor meinem Bett: &#8222;Weil heute dein Geburtstag ist&#8230;&#8220; &#8211; Man achtet auf seine K\u00f6rperhaltung beim Singen!<br \/>\nGemeinsam f\u00fchrten sie mich zum Wohnzimmertisch, ich durfte die Kerzen, rings um meinen Kuchen, auspusten &#8211; Um Himmelswillen nicht das Lebenslicht! &#8212; und danach meine Geschenke bewundern. Das waren ein Paar Halbschuhe f\u00fcr den Herbst, die mir wie gew\u00f6hnlich etwas zu gro\u00df waren, noch Jahre sp\u00e4ter war ich dazu verdammt, vorsorglich ein bis zwei Nummern zu gro\u00df gekaufte Schuhe zu tragen: Mein Gott wie das Kind wieder l\u00e4uft, zwei Strumpfhosen, eine Packung Buntstifte, ein Malheft und von Tante Elvira eine Tischdecke f\u00fcr Sp\u00e4ter.<br \/>\nSp\u00e4ter war, wenn ich einmal heiraten und Kinder bekommen w\u00fcrde, so hatten es meine Eltern festgelegt, und Tante Elvira bereitete mich mit ihren Geschenken darauf vor. Zu jedem Geburtstag schenkte sie mir eine wei\u00dfe Tischdecke aus Damast und zu jedem Weihnachtsfest Bettw\u00e4sche, zwei Kopfkissen, zwei Bez\u00fcge, zwei Laken. Sp\u00e4ter wirst du mir noch dankbar sein daf\u00fcr.<br \/>\nSie sch\u00f6pfte scheinbar endlos aus der Tiefe ihres immer verschlossenen Kleiderschrankes und trug so nach und nach ihren ganzen Besitz in mein Zimmer. Irgendwann w\u00fcrde mir sowieso alles geh\u00f6ren, wenn sie, diesen Satz begleitete sie immer mit einem Seufzer, von dieser Welt gehen m\u00fcsse. Dann w\u00fcrde ich auch das silberne Besteck mit den verschn\u00f6rkelten Griffen und die drei kleinen Porzellanhunde bekommen, die neben dem Bild von Onkel Hans auf Tante Elviras Nachtischschr\u00e4nkchen standen und auf die ich auch zu diesem Geburtstag vergebens gehofft hatte. Die W\u00e4sche, das Besteck, die Hunde, mehr war ihr nicht geblieben von Damals.<br \/>\n\u00dcber damals wurde wenig gesprochen bei uns. Nur manchmal, wenn Tante Elvira Wein getrunken hatte, woher die Alter nur immer das Zeug hat, begann sie Lieder von damals zu singen. Dann straffte sich ihr Oberk\u00f6rper, sie zog die Schultern nach hinten, legte den Kopf in den Nacken und die H\u00e4nde nebeneinander auf den Tisch. Ihre Augen suchten einen mir unbekannten Punkt im Tapetenmuster. Anfangs sang sie leise, mit viel zu hoher Stimme, doch nach und nach verschwand das Zittern, sie wurde lauter und begann, den Takt mit der flachen Hand auf den Tisch zu schlagen. Ihr Gesang wurde schneller, immer schneller, bis ihr die Luft ausging, und sie nur noch mit der Hand auf den Tisch schlagen konnte. Die Fahnen hoch, die Reihen fest geschlossen. Es war, als wollte sie das Holz mit der blo\u00dfen Hand spalten. Sp\u00e4testens dann kam mein Vater in das Zimmer gerannt, um die ersch\u00f6pfte Tante hinauszuf\u00fchren, wobei er fl\u00fcsternd mit ihr schimpfte: Wenn du doch wenigstens Weihnachtslieder singen w\u00fcrdest.<br \/>\nIch verstand nicht, weshalb Tante Elvira nicht mehr singen sollte. Uns ist singen ein Bed\u00fcrfnis, sagte unsere Heimatkundelehrerin Frau Hartmann und gab den ersten Takt vor: Die Heimat hat sich sch\u00f6n gemacht.<br \/>\nIch durfte zur Feier des Tages neben dem Lehrertisch stehen. Nach dem Lied sprach meine Lehrerin von einem denkw\u00fcrdigen Datum und von einem besonderen Tag. Allerdings war es nicht  meine Geburt, die vor neun Jahren f\u00fcr Schlagzeilen gesorgt hatte, sondern eine kleine silberne Kugel. W\u00e4hrend Frau Hartmann sprach, sch\u00fcttelte sie mir ununterbrochen die Hand, und als besondere \u00dcberraschung durfte ich mir ein Lied w\u00fcnschen. Wenn ich gro\u00df bin flieg ich zu den Sternen. Ich stand vor der Klasse, sp\u00fcrte die Hand meiner Lehrerin auf der Schulter, sah aus dem Fenster in den blauen Oktoberhimmel, sah in die sich \u00f6ffnenden M\u00fcnder meiner Klassenkameraden und sp\u00fcrte meine hei\u00dfe Gesichtshaut. Alle sangen, weil ich heute Geburtstag hatte, ich und der ber\u00fchmte erste Sputnik. So nannte ihn meine Heimatkundelehrerin. Sie nutzte die Gelegenheit, uns von der H\u00fcndin Laika zu erz\u00e4hlen, von Juri Gagarin und von Walentina Tereschkowa, der ersten Frau im Weltall. Sie ahnte nicht, welche Folgen diese Stunde f\u00fcr mich haben w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Seit Beginn des zweiten Schuljahres mu\u00dfte ich an jedem Mittwochnachmittag zehn Minuten vor um f\u00fcnf unsere Wohnung verlassen. Der Weg f\u00fchrte von der Hauptstra\u00dfe, an der Kohlenhandlung vorbei in die Waldstra\u00dfe, dann weiter auf der linken Stra\u00dfenseite in Richtung Stadtpark. Am Ende der Stra\u00dfe stand ein gro\u00dfes, helles Geb\u00e4ude. Schon von weitem konnte ich die \u00dcberschriften in den Schauk\u00e4sten erkennen, die Werbung f\u00fcr den Zeichenzirkel, die Arbeitsgemeinschaft &#8222;Junge K\u00f6che&#8220;, den Bastelklub. Doch ich erreichte das Pionierhaus nie. Sp\u00e4testens an der alten Pumpe mu\u00dfte ich \u00fcber die Stra\u00dfe gehen, hin\u00fcber zu dem Haus mit den buntleuchtenden Fenstern und dem Kreuz an der Giebelwand. Ich hatte mir die F\u00fc\u00dfe abzutreten und mich gegen die schwere Eichent\u00fcr zu stemmen. Hinter der T\u00fcr wartete Frau Goldhuhn auf mich. Wann immer ich eintrat, stand sie an diesem Fleck, um mir mit ihren gro\u00dfen, weichen H\u00e4nden \u00fcber den Kopf zu streichen. Ich hatte das Gef\u00fchl, da\u00df meine Haare von dem w\u00f6chentlichen Dar\u00fcberstreichen allm\u00e4hlich d\u00fcnner wurden. Ich dachte an die Glatze meines Vaters und daran, wie oft er wohl durch diese T\u00fcr gegangen sein mu\u00dfte.<br \/>\nUnd nat\u00fcrlich war er es gewesen, der mich das erste Mal zu Frau Goldhuhn gebracht hatte. Es war Mittwoch im September. Schweigend liefen wir nebeneinander, und ich mu\u00dfte ihn an der Hand fassen. Je n\u00e4her wir dem Pionierhaus kamen, umso st\u00e4rker wurde der Druck seiner Hand, der mich von den Schauk\u00e4sten weg, auf die andere Stra\u00dfenseite zog. Ich verstand meinen Vater nicht. Bereits vor meinem Beitritt in die Pionierorganisation hatten sich meine Eltern gestritten. Ich fand diesen Streit merkw\u00fcrdig, denn weder mein Vater, noch meine Mutter sollten Pionier werden, sondern ich, und ich hatte mich l\u00e4ngst entschieden. Ich wollte auch einmal, so wie ich es an meinem ersten Schultag gesehen hatte, neben  dem Fahnenmast stehen, hei\u00dft Flagge, und die blaue Fahne mit dem Flammenzeichen nach oben ziehen d\u00fcrfen. Ich wollte, wie die anderen, einen richtigen Ausweis haben, mit einem Bild von mir auf der ersten Seite. Letztendlich kamen meine Eltern \u00fcberein, da\u00df ich das blaue Halstuch tragen durfte, ich sollte keine Schwierigkeiten bekommen: Wir wollen doch nur dein Bestes.<br \/>\nNun aber zog mich mein Vater auf die andere Stra\u00dfenseite, aus meiner Familie seien alle hierher gegangen und es habe keinem geschadet: Aus uns sind alles anst\u00e4ndige Menschen geworden. Und nun war die Reihe an mir, ein anst\u00e4ndiger Mensch zu werden. Ich wurde durch die ge\u00f6ffnete T\u00fcr zwischen die H\u00e4nde von Frau Goldhuhn geschoben, die mich unter ihre gro\u00dfe Brust dr\u00fcckte und mein Sch\u00e4fchen nannte. Ihr Name, den ich mir schon auf dem Hinweg einpr\u00e4gen mu\u00dfte, damit ich &#8222;Guten Tag Frau Goldhuhn&#8220; sagen konnte, man sieht die Leute an beim Gutentagsagen; versprach etwas Au\u00dfergew\u00f6hnliches. Ich hatte sie mir im engen glitzernden Kleid vorgestellt, mit einem B\u00fcschel goldener Federn auf dem Kopf. Sie w\u00fcrde ein L\u00e4cheln haben, wie die Frauen aus den Filmprogrammen, die meine Mutter sammelte. Als ich sie endlich sah, war ich entt\u00e4uscht \u00fcber ihren weiten Pullover, die Hornbrille mit den dicken Gl\u00e4sern. Nur ein Kreuz glitzerte kaum sichtbar an ihrem Hals.<br \/>\nFrau Goldhuhn betonte immer wieder, wie sehr sie sich freue, da\u00df auch ich hierher gefunden habe, und ich sagte ihr, da\u00df es nicht schwierig gewesen w\u00e4re, denn mein Vater h\u00e4tte mich ja gebracht. Sie lachte mit tiefer Stimme.<br \/>\nVon nun an sollte mich dieses Lachen begleiten. Ein Jahr lang ging ich an jedem Mittwochnachmittag in das Gemeindehaus. Wir waren insgesamt zw\u00f6lf Kinder und hatten nichts weiter zu tun, als uns die Geschichten anzuh\u00f6ren, die uns Frau Goldhuhn erz\u00e4hlte, und dazu Kekse zu essen, die nach Vanille schmeckten. Ich mochte das gro\u00dfe, dunkle Haus, die Kerzen auf den Tischen, die ged\u00e4mpfte Stimme von Frau Goldhuhn, die Geschichten von dem Jungen Jesus, der in der Weihnachtsnacht geboren wurde, alle Menschen liebte, mit jedem sein Brot teilte und \u00fcberhaupt der beste Mensch war, den sich Frau Goldhuhn vorstellen konnte.<br \/>\nZu Hause konnte ich die Geschichten in dem bunten Buch nachlesen, das Frau Goldhuhn jedem von uns geschenkt hatte. Neues Testament stand mit gro\u00dfen Buchstaben auf dem Einband. Ich kannte das Wort Testament aus den Unterhaltungen meiner Eltern, die oft davon sprachen, da\u00df Tante Elvira nun bald ihr Testament machen werde. Ich fragte Frau Goldhuhn nach Tante Elvira. Wieder lachte sie ihr tiefes Lachen, aber es schien mir, als beachtete sie mich von diesem Moment an weniger als die anderen Kinder. Nur zum Abschied sah sie mir in die Augen, bis ich rot wurde, und noch auf dem Heimweg sp\u00fcrte ich den Druck ihrer Hand auf meinem Kopf.<br \/>\nAuch an den n\u00e4chsten Nachmittagen nutzte sie die Gelegenheit, mich zu kritisieren. Immer fand sie in den Geschichten, die ich nacherz\u00e4hlte, einen Fehler, nie gefielen ihr meine Bilder, die ich zu Hause gemalt hatte. Auch lie\u00df sie mich \u00f6fter als die anderen die zehn Gebote aufsagen: Du sollst nicht.<br \/>\nSie nahm es mit einem gleichbleibenden L\u00e4cheln hin, da\u00df ich die Versionen meines Vaters hinzuf\u00fcgte: Du sollst deinen Teller ordentlich abessen, du sollst still sein, wenn sich Erwachsene unterhalten. Mit einem Mal sp\u00fcrte ich den Drang, ihr und ihrem Lieben Gott weh zu tun. Trotzdem faltete ich meine H\u00e4nde: Ich bin klein, mein Herz ist rein. &#8222;Und die Goldhuhn ist ein Schwein&#8220;, murmelte der blonde Jakob neben mir und ich beneidete ihn um seinen Mut. Schon l\u00e4ngst hatte ich aufgeh\u00f6rt, an das Beten zu glauben. Jesus hatte mir weder meine verlorenen Turnschuhe zur\u00fcckgebracht, noch meinen F\u00fcllhalter repariert. Und vor allem schenkte er mir kein Fahrrad, obwohl ich ihn jeden Abend darum bat. Und \u00fcberhaupt, wo war Er eigentlich, der alles, was ich tat, beobachtete? Wenn das der liebe Gott sieht! Der darauf wartete, mich bei etwas Verbotenem zu erwischen, um es danach meiner Mutter heimlich ins Ohr zu fl\u00fcstern. Warum interessierte er sich f\u00fcr meine weggeworfenen Fr\u00fchst\u00fccksbrote und herausgerissenen Heftseiten? Wie kam es, da\u00df er mir nie den R\u00fccken zudrehte? Wo wohnte Jesus? Wo wohnte Gott?<br \/>\nFragte ich meinen Vater danach, strich er mir \u00fcber den Kopf, immer, wenn ich auf dieses Thema zu sprechen kam, wurde mir \u00fcber den Kopf gestrichen, und er sagte mit feierlicher Stimme: Gott wohnt in uns. Aber wie konnte Gott gleichzeitig in meinem Vater, meiner Mutter und in mir wohnen? Heimlich nahm ich den Brockhaus aus dem B\u00fccherschrank meines Vaters, suchte nach dem nackten Mann und der nackten Frau, klappte die Papphaut beiseite, nirgendwo war Gott. Da war mir die Variante meiner Mutter schon einleuchtender. Langsam hob sie den Kopf, lie\u00df ihren Blick \u00fcber die Tapete streifen und zeigte mit ausgestrecktem Arm auf unsere Deckenlampe: Vater, der du bist im Himmel.<br \/>\nOft stand ich abends am Fenster und suchte den Himmel nach irgendeinem Zeichen ab. Wie konnte Gott mich sehen, wenn ich ihn nicht sah? Ich erwog, seine Aufmerksamkeit auf die Probe zu stellen, und beschlo\u00df, nachdem er mich wieder einmal bei meiner Mutter verpetzt hatte, ihm die Zunge herauszustrecken. Bereits auf dem Weg zum Fenster wurde ich unsicher. Was konnte Gott f\u00fcr meinen defekten F\u00fcllhalter und die Tintenflecke auf dem Teppich? War er es, der mir eine Ohrfeige gegeben hatte? Mein Mund wurde trocken, und die Zunge klebte am Gaumen. Vorsichtig verlie\u00df ich meinen Platz am Fenster, verzichtete auf Blitz und Donner und auf die Gelegenheit, Gott endlich einmal zu Gesicht zu bekommen. Am meisten beunruhigte mich, da\u00df ich nicht einmal genau wu\u00dfte, wie Gott aussah, denn nirgendwo war ein Bild von ihm zu finden. Meine Vorstellungen pendelten zwischen einem gro\u00dfen, d\u00fcnnen Mann mit hagerem Gesicht und streng blickenden Augen, und einer etwas freundlicheren Version: dick, glatzk\u00f6pfig, mit abstehenden Ohren. Keiner konnte mir auf meine Fragen eine Antwort geben, und so blieb wieder einmal nur Frau Goldhuhn \u00fcbrig. Erwartungsvoll hatte ich sie angesehen und auf ihr Lachen gewartet, vergebens.<\/p>\n<p>Es kam mein neunter Geburtstag, ein, wie ich von meiner Heimatkundelehrerin erfuhr, besonderer Tag. Als ich nach Hause kam war bereits der Kaffeetisch gedeckt. Es gab Streuselkuchen und Kakao. Mein Vater war extra wegen mir eher nach Hause gekommen, und ich hoffte, da\u00df mir wenigsten an meinem Geburtstag der Weg in das Gemeindehaus erspart beiben w\u00fcrde. Aber als ich nach dem Tisch abr\u00e4umen das Mensch\u00e4rgeredichnicht-Spiel holen wollte, traf mich der erstaunte Blick meines Vaters. &#8222;Ist heute nicht Mittwoch?&#8220; Mein Bitten blieb ohne Erfolg: Du sollst deinen Eltern nicht immer widersprechen.<br \/>\nUnd so sa\u00df ich dann an nach dem Kaffetrinken in meinem Zimmer und sah meine Aufgaben noch einmal durch. Wir sollten Petrus malen, der vor dem Palast der Hohenpriester auf Jesus wartete. Petrus, den meine Eltern f\u00fcr das Wetter verantwortlich machten, stand zwischen dem Volk und verleugnete Gott. Ich hatte ihn unter der Last seiner Schuld: Du darfst nicht falsch Zeugnis geben &#8211; wer seine Eltern bel\u00fcgt, dem w\u00e4chst die Hand aus dem Grab, den Kopf beugen lassen. Auf einen Stock gest\u00fctzt, starrte er vor sich hin. Ich hatte mich bei der Blattaufteilung versch\u00e4tzt. Zwischen dem krummen Petrus und dem leicht bew\u00f6lkten Himmel klaffte ein breiter wei\u00dfer Streifen. Ich \u00fcberlegte, wie ich dieses Nichts ausf\u00fcllen k\u00f6nnte, dachte daran, es regnen zu lassen, Petrus mit seinen eigenen Mittel zu strafen. Doch das erschien mir zu einfach. Auch die Sonne konnte ich in Anbetracht von Petrus Schuld nicht scheinen lassen. Aber wem h\u00e4tte der Platz \u00fcber den K\u00f6pfen der Menschen zugestanden? Von Engeln hielt ich nicht viel. Ich fand es schrecklich, den ganzen Tag auf einer Wolke zu sitzen, artig zu sein und Lieder singen zu m\u00fcssen. Ich erschrak, wenn mich mein Vater mein kleines Englein nannte, und betrachtete \u00e4ngstlich meine spitzen Schulterbl\u00e4tter im Flurspiegel. Den lieben Gott durfte ich nicht malen, so gern ich es auch gewollt h\u00e4tte: Du sollst dir kein Bildnis machen.<br \/>\nEs blieb ein wei\u00dfer Streifen auf meinem Blatt. Zu meiner Erleichterung fielen mir die Heimatkundestunde vom Morgen und die Zeitungsbilder ein, die uns meine Lehrerin gezeigt hatte. Ich spitzte meinen Bleistift.<br \/>\nFrau Goldhuhn rang nach Luft. Immer wieder tippte sie mit ihrem Zeigefinger auf mein Heft, als wolle sie ein Loch in meinen Sputnik bohren: Du sollst keinen G\u00f6tzen haben neben Gott.<br \/>\nSie nannte mich ungl\u00e4ubig, unbelehrbar, nicht w\u00fcrdig, l\u00e4nger in diesem Haus zu weilen. Keiner verteidigte mich, Jakob nicht und auch Peter nicht, der mir erst in der letzten Woche auf dem Heimweg verraten hatte, da\u00df er nur noch wegen der Kekse in die Christenlehre komme. Gemeinsam mit den anderen lachten sie mich aus. W\u00fctend schlug ich mein Heft zu, nahm meinen Anorak vom Haken und verlie\u00df das Gemeindehaus. Auf der Stra\u00dfe brannten schon die Laternen. W\u00fcrde ich jetzt nach Hause gehen, w\u00e4re mein ganzer Geburtstag verdorben, mein Vater w\u00fcrde meine Geschenke wieder in seinen B\u00fccherschrank schlie\u00dfen, es g\u00e4be keine Wiener W\u00fcrstchen zum Abendbrot und vor dem Schlafengehen keine Gutenachtgeschichte. Aber wenn ich es wollte, konnte ich die Strafe verschieben, um eine Woche vielleicht, oder um zwei. Ich brauchte nur vor dem Gemeindehaus auf das Ende der Bibelstunde zu warten, um dann, als sei nichts geschehen, mit den anderen nach Hause zu gehen.<br \/>\nEs war kalt. Ich lief vor dem Gemeindehaus auf und ab, sah zu den buntleuchtenden Scheiben, und obwohl ich nicht hindurchsehen konnte, wu\u00dfte ich, da\u00df sie jetzt alle \u00fcber die flackernden Flammen der Kerze hinweg zu Frau Goldhuhn sahen, die mit tiefer Stimme ihre Geschichten vorlas und nicht bemerkte, wie sich Peter und Jakob Kekse f\u00fcr den Heimweg in die Hosentasche steckten.<br \/>\nIch zwang mich, nicht mehr zu dem Fenster zu sehen, versuchte aus Rache gegen Frau Goldhuhn, mir Gott vorzustellen. Ich lie\u00df ihn im Himmel an seinem Schreibtisch sitzen, die Tagesausgaben notieren und anschlie\u00dfend die Konsummarken einkleben. Jedesmal, bevor Gott eine Seite umbl\u00e4tterte, leckte er \u00fcber seinen Daumen und sah einen kurzen Moment aus dem Fenster, vielleicht, um zu pr\u00fcfen, ob die Sterne noch an ihrem Platz und alle Engel an ihrer Arbeit waren. Ich nutzte die Gelegenheit und lie\u00df meinen Sputnik dicht \u00fcber die Schreibtischplatte hinwegfliegen und freute mich \u00fcber die durch die Luft wirbelnden Konsummarken.<br \/>\nIn dem schw\u00e4cher werdenden Licht hinter den Scheiben sah ich, da\u00df die Kerzen fast heruntergebrannt waren. Jetzt w\u00fcrden sich alle um den Tisch herum an den H\u00e4nden fassen und gemeinsam ein Gebet sprechen: VaterunserderdubistimHimmel. Ich fror und hoffte darauf, da\u00df sich die T\u00fcr bald \u00f6ffnen w\u00fcrde und ich endlich nach Hause gehen konnte. Aber es blieb weiterhin still, nur auf der gegen\u00fcberliegenden Stra\u00dfenseite summten die Neonr\u00f6hren in den Schauk\u00e4sten. Was machte es jetzt noch, wenn ich hin\u00fcber ging, bestrafen w\u00fcrde mich mein Vater wegen der vers\u00e4umten Bibelstunde sowieso.<br \/>\nZ\u00f6gernd betrat ich die Fahrbahn, die mir mit einem Mal ungew\u00f6hnlich breit erschien. Ich lief \u00fcber das bucklige Kopfsteinpflaster, f\u00fchlte bei jedem Schritt den ich tat, ein Kribbeln im Bauch, sp\u00fcrte meine Beine nicht mehr. Es war ein leichtes Schweben, ein Gef\u00fchl, wie wenn ich am Heiligen Abend auf die T\u00fcr des Weihnachtszimmers zuging. Vor den Schauk\u00e4sten blieb ich stehen. Welcher Pionier m\u00f6chte Kosmonaut werden? stand in gro\u00dfen Buchstaben \u00fcber einer Reihe bunter Bilder. Ich erkannte Juri Gagarin, Walentina Tereschkowa, auch meinen Sputnik fand ich wieder. Juri und Walentina l\u00e4chelten mir zu, und ich l\u00e4chelte zur\u00fcck.<br \/>\nJetzt wu\u00dfte ich, wie ich es allen beweisen w\u00fcrde, Frau Goldhuhn, dem blonden Jakob, dem feigen Peter, meinen Eltern. Ich w\u00fcrde Kosmonaut werden, durch das Weltall fliegen und selbst sehen, wo Gott wohnt. Nur ich w\u00fcrde wissen, wie er in Wirklichkeit aussah, und keiner w\u00fcrde mir verbieten k\u00f6nnen, Gott zu malen. Jeden Mittwoch 16 -18 Uhr Kosmonautentest stand unter den Bildern. Ich sah mich im gl\u00e4nzenden Raumanzug auf einer Gangway stehen und kurz die Hand zum Abschied heben. Ich sah meine Eltern zur\u00fcckwinken, auch meine Heimatkundelehrerin schwenkte ihr Taschentuch.<br \/>\nVon der gegen\u00fcberliegenden Stra\u00dfenseite her h\u00f6rte ich Stimmen. Ich rannte, und es gelang mir gerade noch rechtzeitig, mich hinter der Pumpe zu verstecken. Die Gemeindehaust\u00fcr wurde ge\u00f6ffnet, aus dem Halbdunkel heraus trat eine Gestalt. An der Silhouette erkannte ich Frau Goldhuhn. Ich sah zu, wie sie jedem Kind zum Abschied die Hand auf den Kopf legte. Ich sah Peter und Jakob erst langsam, dann immer schneller davongehen, schlie\u00dflich zu rennen beginnen und ausgelassen mit den Armen schwenken. Ich sah sie an der Ecke Halt machen, die Kekse aus den Hosentaschen ziehen und mit beiden H\u00e4nden in den Mund stopfen. Ich stand hinter der Pumpe, gegen das kalte Metall gedr\u00fcckt, und starrte auf Frau Goldhuhn, die noch unbeweglich auf der Schwelle stand und den Kindern hinterher schaute, die sie in der Dunkelheit l\u00e4ngst nicht mehr erkennen konnte. Ich wartete eine unendlich lange Zeit, wagte kaum zu atmen und war erleichtert, als Frau Goldhuhn endlich die T\u00fcr schlo\u00df. Wenn ich p\u00fcnktlich zu Hause sein wollte, mu\u00dfte ich mich beeilen. Vorsichtig verlie\u00df ich mein Versteck und rannte, den notwendigen Abstand haltend, um nicht gesehen zu werden, hinter den anderen Kindern her. Den Test w\u00fcrde ich erst in der n\u00e4chsten Woche machen k\u00f6nnen.<br \/>\nEs war eine lange Woche. Unter der Aufsicht meiner Mutter packte ich am Mittwochnachmittag das Malheft und die Bibel in meine Tasche, wiederholte die Gr\u00fc\u00dfe an Frau Goldhuhn und versprach, ohne rot zu werden, mich ordentlich zu benehmen.<br \/>\nIch rannte den ganzen Weg, blieb erst an der Pumpe stehen und sah mich um. Ich war allein. Behutsam zog ich das blaue Halstuch aus meiner Anoraktasche. So oft ich in den letzten Tagen allein gewesen war, hatte ich vor dem Spiegel den Knoten ge\u00fcbt. Hastig schlang ich die Zipfel \u00fcbereinander, dr\u00fcckte den Knoten fest gegen den Hals und schob den Rei\u00dfverschlu\u00df wieder nach oben. Keiner sollte mich sehen, Jakob nicht und Peter nicht, sie w\u00fcrden mich bei Frau Goldhuhn verpetzen, da war ich mir sicher. Niemand durfte etwas von meinem Vorhaben erfahren. Ich wollte sie \u00fcberraschen, wenn sie eines Tages die Zeitung aufschlagen und mein Gesicht sehen w\u00fcrden. Dann sollte es ihnen leid tun, da\u00df sie \u00fcber mich gelacht hatten.<br \/>\nDoch zuerst mu\u00dfte ich den Test bestehen. Je n\u00e4her ich dem Pionierhaus kam, um so gr\u00f6\u00dfer wurde meine Aufregung. W\u00e4hrend der ganzen Woche hatte ich mir vorzustellen versucht, worin der Test bestehen k\u00f6nnte. Ich hatte es geschafft, zehn Minuten lang auf dem Kopf zu stehen, sechsundzwanzigmal vom Wohnzimmertisch zu springen und trotz angedrohtem Stubenarrest, einen Tag lang nichts zu essen. Heute endlich w\u00fcrde ich das Geheimnis des Tests erfahren. Ich dr\u00fcckte auf die Klinke, wie von selbst \u00f6ffnete sich die zweifl\u00fcglige T\u00fcr. Ich stand inmitten einer hohen Halle, \u00fcber mir schwebte ein riesiger Kristalleuchter. Ich starrte auf die funkelnden Glasbl\u00e4ttchen und hatte dabei das Gef\u00fchl, als w\u00fcrde der Leuchter langsam n\u00e4herkommen. Erschrocken trat ich beiseite, meine Schritte hallten durch den Raum. Vor mir lag eine breite Steintreppe, auf der ein dunkelroter Teppich den Weg nach oben wies. Vorsichtig ber\u00fchrte ich das kalte Marmorgel\u00e4nder. Noch hatte ich Zeit umzukehren. Ich konnte mich bei Frau Goldhuhn entschuldigen und Gott mit zehn Vaterunser um Verzeihung bitten, ich brauchte nicht l\u00e4nger allein in einem fremden Haus zu stehen. Mir war, als h\u00f6rte ich hinter meinem R\u00fccken das Lachen von Peter und Jakob. Was h\u00e4tten Juri und Walentina jetzt an meiner Stelle getan? Ich durfte nicht l\u00e4nger z\u00f6gern. Entschlossen, zwei Stufen auf einmal nehmend, stieg ich die Treppe nach oben. Am Ende der Treppe stand ein Junge in Pionierkleidung und sah aus dem Fenster. Ich stellte mich neben ihn, wartete, \u00f6ffnete meinen Anorak, damit der Junge mein Halstuch sehen konnte. Nach einer Weile drehte sich der Junge um und sah mich mi\u00dftrauisch an. Jetzt mu\u00dfte ich zum ersten Mal den Satz sagen, ich durfte nicht stottern, mir nicht anmerken lassen, da\u00df ich aufgeregt war. Alles hing von den vier Worten ab: Ich m\u00f6chte Kosmonaut werden!<br \/>\nDer Junge sch\u00fcttelte den Kopf. &#8222;Nur ganze Klassen und mit Voranmeldung.&#8220;<br \/>\nIch verstand nicht, was er damit meinte. Warum mu\u00dfte meine ganze Klasse mitkommen, wenn ich Kosmonaut werden wollte? Sollten wir gemeinsam in das Weltall fliegen? Ich dachte an Gerlinde Tr\u00e4ger, der es nicht einmal mit Hilfestellung gelang, \u00fcber den Bock zu springen, und die mir sicher alles verderben w\u00fcrde. Oder sollten nur die Besten aus meiner Klasse herausgesucht werden? An Konkurrenz hatte ich bisher \u00fcberhaupt nicht gedacht. Gab es schon so viele Bewerber, da\u00df ich meine Pr\u00fcfung nur nach Voranmeldung ablegen konnte?<br \/>\n&#8222;Und Weiber nehmen die sowieso nicht!&#8220; Der Junge drehte sich wieder zum Fenster.<br \/>\nNichts durfte ich, mich nicht pr\u00fcgeln, nicht Fu\u00dfballspielen, nicht r\u00fclpsen. Immer hie\u00df es: So etwas macht ein M\u00e4dchen nicht. Und nun sollte ich nicht einmal Kosmonaut werden d\u00fcrfen? &#8222;Und Walentina?&#8220; schrie ich den Jungen an.<br \/>\nDer Junge zuckte mit den Schultern. &#8222;Bei den Russen ist alles anders.&#8220;<br \/>\nUm uns herum wurde es pl\u00f6tzlich laut. Eine Schulklasse kam die Treppe heraufgerannt. Ohne auf den Jungen zu achten, dr\u00e4ngelte ich mich zwischen die fremden Kinder. Ich lief mit ihnen \u00fcber Korridore und Treppen, und ich w\u00e4re mit ihnen in die H\u00f6lle gelaufen, vor der uns Frau Goldhuhn w\u00f6chentlich gewarnt hatte, wenn sie nicht vor einer T\u00fcr stehengeblieben w\u00e4ren. Wir mu\u00dften in einer Reihe antreten. Erst, als wir ruhig waren, dr\u00fcckte der Pionier jedem von uns einen Zettel in die Hand: das Testprotokoll. Ich hatte es geschafft.<br \/>\nEr erkl\u00e4rte uns, da\u00df wir zehn Stationen durchlaufen m\u00fc\u00dften und an jeder Station Punkte bekommen w\u00fcrden. Die H\u00f6chstpunktzahl drei gab es nur f\u00fcr v\u00f6llig richtige Antworten. Wir sollten nicht dr\u00e4ngeln, vorsagen oder schwatzen und uns die Antworten gut \u00fcberlegen. Nur wer drei\u00dfig Punkte erreichte, sei f\u00fcr die Kosmonautenausbildung besonders geeignet.<br \/>\nSchweigend betraten wir den Testraum. Wir standen vor zehn Tischen, die \u00fcber den ganzen Raum verteilt waren, an denen hinter gro\u00dfen Pappschildern mit der jeweiligen Stationsnummer, Pioniere sa\u00dfen, die nur ein wenig \u00e4lter waren als wir. Ich kannte die meisten Jungen aus meiner Schule, oft hatten sie mich w\u00e4hrend der Hofpause angerempelt, wenn sie trotz der Ermahnungen der Lehrer Hasche oder Fu\u00dfball spielten. Aber jetzt sa\u00dfen sie ordentlich auf ihren St\u00fchlen und hielten sich auff\u00e4llig gerade. In diesem Moment erschienen sie mir Jahre \u00e4lter als ich. Ich sah in ihre ernsten Gesichter, und ich wu\u00dfte, da\u00df es ein schwerer Test werden w\u00fcrde.<br \/>\nIch mu\u00dfte mit der Station Nummer drei beginnen. Es war ein Wissenstest. Welches Tier flog als erstes in das Weltall?A: Die Katze Morle, B: Die H\u00fcndin Laika, C: Der Wellensittich Putzi.<br \/>\nWie hie\u00df der erste Kosmonaut mit Vornamen?<br \/>\nWann startete der erste Sputnik?<br \/>\nFast h\u00e4tte ich mir einen Punkt verdorben, weil ich auf die letzte Frage mit &#8222;an meinem Geburtstag&#8220; geantwortet hatte und erst als ich das abweisende Gesicht des Pioniers sah, schnell noch das Datum hinzuf\u00fcgte. Mit dem Hinweis, da\u00df ich mir zuk\u00fcnftig meine Antworten besser \u00fcberlegen sollte, im Raumschiff k\u00f6nnte schon ein einziges falsches Wort katastrophale Folgen haben, gab er mir dennoch drei Punkte. Kosmonauten sind klug, stand auf dem Schild unter der Stationsnummer. An der Nachbarstation mu\u00dfte ich meinen Namen und meine Adresse mit verbundenen Augen auf ein Blatt Papier schreiben, Kosmonauten verlieren nie die Orientierung, und an einer weiteren Station die Grenze der Sowjetunion mit meinem Zeigefinger auf dem Globus nachzeichnen und mir den Grenzverlauf einpr\u00e4gen, damit ich die Sowjetunion sp\u00e4ter vom Raumschiff aus wiedererkennen w\u00fcrde.<br \/>\nIch kam zur Station Nummer f\u00fcnf. Diese Station lag im hintersten, schlecht beleuchteten Teil des Raumes. Neben dem Stationstisch stand ein gro\u00dfer, schwarzer Kasten mit einer silbernen Spitze. Der verantwortliche Pionier \u00f6ffnete eine schmale T\u00fcr, schob mich wortlos in den Kasten und schlo\u00df die T\u00fcr hinter mir fest zu. Es war so eng, da\u00df ich mich kaum bewegen konnte. Ich erinnerte mich an Versteckspiele, die bergende und gleichsam furchterregende Dunkelheit im Kleiderschrank, an die Stunden der Angst, die ich nachts allein in meinem Bett verbracht hatte. Aber hier konnte ich niemanden bitten, die T\u00fcr auch nur einen Spaltbreit zu \u00f6ffnen, hier gab es kein rettendes Korridorlicht, ich durfte mir meine Furcht nicht anmerken lassen. Ich wollte Kosmonaut werden, nur daran durfte ich denken.<br \/>\nMan mu\u00df etwas haben, woran man glauben kann, war einer von Tante Elviras Grunds\u00e4tzen, und auch wenn ich die Tante nicht immer mochte, w\u00fcnschte ich sie jetzt zu mir in die Dunkelheit. Wenn ich doch wenigstens nicht allein gewesen w\u00e4re. Ich bemerkte \u00fcber mir ein Ger\u00e4usch, ein leises Summen, durch meinen Anorak hindurch sp\u00fcrte ich das Vibrieren der W\u00e4nde. Das Summen ging in ein schrilles Pfeifen \u00fcber, das Vibrieren wurde st\u00e4rker. Der enge Raum, die schmale T\u00fcr, eine Luke fast, die silberne Spitze auf einem schwarzen Kasten? Sollte ich wom\u00f6glich sofort losfliegen? Vor meinen Augen zuckten Lichter auf: blaue Quadrate, rote Punkte, gelbe Dreiecke. Waren das schon die Startvorbereitungen? Warum hatte ich keinen Raumanzug bekommen? Um mich herum begann sich alles zu drehen. Ich sp\u00fcrte einen ungewohnten Druck in meinen Ohren. Vielleicht w\u00e4re es besser, wenn ich mir wenigstens die Anorakkapuze \u00fcber den Kopf ziehen w\u00fcrde? Ich versuchte, nach der Kapuze zu greifen, aber die Rakete war so eng, da\u00df es mir nicht gelang, die Ellenbogen anzuwinkeln, so sehr ich mich auch m\u00fchte. Der Boden unter meinen F\u00fc\u00dfen begann zu schwanken. Mir wurde \u00fcbel. Ich hatte mich weder von meinen Eltern, noch von meiner Heimatkundelehrerin verabschieden k\u00f6nnen. Keiner wu\u00dfte etwas von meinem Raumflug. Allein stand ich in einer engen, dunklen Rakete, und es gab niemanden, der mir helfen konnte. Nur einen gab es, den man immer bitten konnte, der immer anwesend war: Vaterder, ich bi\u00df mir auf die Zunge, dubistimHimmel, murmelte es in meinem Kopf weiter. Ich hatte nicht einmal Platz, die H\u00e4nde vor der Brust zu falten. Ich wehrte mich dagegen, zu beten, sondern versuchte, mich auf die Lichter zu konzentrieren: rot, gr\u00fcn, gelb. Ich durfte nicht aufgeben, sah meine Heimatkundelehrerin entt\u00e4uscht ihren Kopf sch\u00fctteln, h\u00f6rte das Lachen von Frau Goldhuhn und das Kichern von Peter und Jakob, das immer lauter wurde, unertr\u00e4glich laut. Blau, gr\u00fcn, rot. Wenn ich jetzt betete, w\u00fcrde mein Bild nie an unserer Wandzeitung h\u00e4ngen. Gr\u00fcn, blau, gelb. Ein heller Strahl traf mich mitten ins Gesicht. Geblendet taumelte ich aus der Rakete, starrte in ein fremdes Gesicht: Wenn du nichts wei\u00dft, bekommst du keinen Punkt!<br \/>\nIch stotterte, immer noch verwirrt, \u00fcber meine pl\u00f6tzliche R\u00fcckkehr, etwas von blauen, roten, gelben Quadraten, Kreisen, Dreiecken. Fast schien es mir wie ein Wunder, da\u00df ich drei Punkte bekam: Kosmonauten achten auf jedes Signal.<br \/>\nNoch etwas benommen lief ich von Station zu Station: Kosmonauten sind mutig &#8212; Kosmonauten haben ein gutes Ged\u00e4chtnis &#8212; Kosmonauten lieben ihre Heimat, und stand schlie\u00dflich vor dem letzten Tisch. Jetzt w\u00fcrde sich alles entscheiden, jetzt mu\u00dfte sich alles entscheiden. Siebenundzwanzig Punkte konnte ich vorweisen, nur drei Punkte trennten mich noch von meinem Ziel. Die Aufgabe schien einfach zu sein. Mit einer Drahtschlinge mu\u00dfte ich, ohne anzusto\u00dfen, dem Lauf einer Spirale folgen. Kam es zu einer Ber\u00fchrung, knisterten blaue Funken, eine Rundumleuchte begann sich zu drehen und signalisierte Punktabzug.<br \/>\nIch nahm das Ende der Drahtschlinge zwischen Daumen und Zeigefinger, Kosmonauten haben in jeder Situation eine ruhige Hand, und begann. &#8222;Lockerlassen!&#8220;  sagte der pr\u00fcfende Pionier, den ich bisher vor Aufregung \u00fcberhaupt nicht beachtet hatte, und ich erkannte die Stimme sofort. &#8222;Die hat mir ein Bein gestellt!&#8220; hatte er \u00fcber den ganzen Schulhof geschrien und mir dabei den Arm herumgedreht. Dabei war der Junge nicht einmal hingefallen. Und \u00fcberhaupt, warum wollte er mit meiner Brotb\u00fcchse Fu\u00dfball spielen: Man achtet auf seine Schulsachen! Was konnte ich daf\u00fcr, da\u00df der aufsichtf\u00fchrende Lehrer in unserer N\u00e4he stand. Jetzt w\u00fcrde sich der Junge f\u00fcr seinen Eintrag r\u00e4chen. &#8222;Lockerlassen!&#8220; Meine Hand zitterte, und die Rundumleuchte begann zu kreisen.<br \/>\nIch war dem Weinen nahe. Der Junge richtete sich auf, sah mich an, als h\u00e4tte er mich beim L\u00fcgen, Stehlen oder etwas anderem Schlimmen \u00fcberrascht. Ich wendete mich ab, um ihm meine Tr\u00e4nen nicht zu zeigen. Als ich mich wieder umdrehte, sah ich ihn die Punktzahl in das Testprotokoll eintragen. Schweigend schob er mir den Zettel \u00fcber den Tisch. Etwas Unglaubliches war geschehen, der Junge hatte mir drei Punkte gegeben, ich hatte die H\u00f6chstpunktzahl erreicht. Ich rannte zur T\u00fcr. Der Pionier, der mir am Anfang das Protokoll \u00fcberreicht hatte, nahm es jetzt wieder, pr\u00fcfte die Anzahl der Stationen und addierte die Punkte. Ich war besonders geeignet. Er legte das Protokoll auf einen Stapel anderer Protokolle: &#8222;Du kannst dir ein Bild aussuchen!&#8220; Vor ihm lagen, \u00fcber den Tisch verteilt, Fotografien von Raumschiffen und Kosmonauten. Ich suchte, schob die Bilder beiseite, nahm jedes einzeln in die Hand, vergebens. Juri und Walentina waren nicht zu finden, auch mein Sputnik fehlte. &#8222;Da h\u00e4ttest du dich beeilen m\u00fcssen!&#8220;<br \/>\nIch stand vor dem Tisch, sah auf die Bilder mit den mir unbekannten Gesichtern und auf die Raumschiffe, deren Namen ich nicht lesen konnte.<br \/>\n&#8222;Nun mach kein Theater!&#8220;<br \/>\nDer Pionier dr\u00fcckte mir das Bild eines fremden Kosmonauten in die Hand und schob mich zur T\u00fcr.<br \/>\nEs war still im Haus. Schon l\u00e4ngst mu\u00dften die anderen Kinder, ohne da\u00df ich es bemerkt hatte, gegangen sein. Langsam lief ich den Weg \u00fcber die endlosen Korridore zur\u00fcck, fand die Steintreppe mit dem roten Teppich wieder und stand, wie vor Stunden, allein unter dem gro\u00dfen Leuchter. Ich betrachtete das Bild in meiner Hand. Es war das Portr\u00e4t eines Mannes in Uniform, der, das konnte ich auf der R\u00fcckseite nachlesen, Wladimir Komarow hie\u00df. Er hatte schwarze, nach hinten gek\u00e4mmte Haare und abstehende Ohren. Sein Gesicht verschwamm vor meinen Augen. Wie ich das Bild auch hielt, immer spiegelten sich darin die Glasbl\u00e4ttchen des Leuchters \u00fcber mir.<br \/>\nEs war k\u00fchl. Erst jetzt merkte ich, da\u00df ich geschwitzt hatte. Mein Pullover klebte auf dem R\u00fccken, auch mein Halstuch war feucht. Ich band es ab und steckte es zusammen mit dem Bild des fremden Kosmonauten in meine Anoraktasche. Mir fiel ein, da\u00df ich vergessen hatte, meinen Namen und meine Adresse auf das Testprotokoll zu schreiben. Auch hatte ich vergessen, zu fragen, was mit dem Protokoll geschehen w\u00fcrde. Mir fehlte die Kraft zum Umkehren.<br \/>\nIch trat auf die Stra\u00dfe und sah, da\u00df die Fenster auf der gegen\u00fcberliegenden Stra\u00dfenseite bereits dunkel waren. Jetzt w\u00fcrde ich auch noch zu sp\u00e4t nach Hause kommen.<br \/>\nAuf dem Korridor h\u00f6rte ich, da\u00df wir Besuch hatten. Ich klopfte, &#8211; gut erzogene Kinder klopfen an, wenn Besuch im Haus ist -, wartete eine Weile, trat in das Zimmer und sah zu meiner gro\u00dfen \u00dcberraschung meine Heimatkundelehrerin neben meiner Mutter am Tisch sitzen. Auf dem Tisch standen die hellblauen Kaffeetassen, die meine Mutter sonst nur zu Geburtstagen aus der Glasvitrine holte. Auf den Untertassen erkannte ich die verschn\u00f6rkelten Kaffeel\u00f6ffel von Tante Elvira. Statt mir Vorhaltungen wegen meines Zusp\u00e4tkommens zu machen, strich mir meine Mutter \u00fcber den Kopf und meine Heimatkundelehrerin fragte an ihrer Stelle: &#8222;Wo kommst du denn her?&#8220;<br \/>\nMir war, als ob meine Mutter zusammenzuckte. Ahnte sie etwas von meinem Test?<br \/>\nNoch bevor ich antworten konnte, sprang meine Mutter auf, schob mich zur T\u00fcr: &#8222;Geh H\u00e4ndewaschen! Hast du deinen Ranzen schon gepackt? Ich glaube, Du solltest erst Tante Elvira guten Abend sagen!&#8220;<br \/>\nIch wehrte mich gegen den Druck ihrer H\u00e4nde, stemmte mich gegen sie und es gelang mir, im Wohnzimmer zu bleiben. Ich wollte sagen, wo ich herkam, irgendwann w\u00fcrde es sowieso herauskommen, und vielleicht w\u00fcrde mich meine Mutter in Anwesenheit meiner Lehrerin nicht bestrafen.<br \/>\nIch trat an den Tisch, zog das Kosmonautenfoto aus meiner Tasche und legte es zwischen die Kaffeetassen. &#8222;Ich war im Pionierhaus!&#8220;<br \/>\nIch schlo\u00df die Augen und wartete auf eine Ohrfeige. Nur bei schweren Vergehen rutschte meiner Mutter die Hand aus, und ich war sicher, da\u00df mein heimlicher Pionierhausbesuch ein besonders schweres Vergehen war. Nichts geschah. Meinem Gest\u00e4ndnis folgte das schrille Lachen meiner Mutter: Die Kinder werden immer selbst\u00e4ndiger.<br \/>\nIch erfuhr nie etwas \u00fcber den Grund des Besuchs meiner Heimatkundelehrerin. Es war eine schweigende Abmachung zwischen meiner Mutter und mir, da\u00df ich von diesem Tag an nicht mehr in die Christenlehre gehen mu\u00dfte. Mein Vater baute mir f\u00fcr das Bild von Wladimir Komarov einen Rahmen, damit ich es \u00fcber mein Bett h\u00e4ngen konnte. Als Wladimir Komarow mit Sojus 1 t\u00f6dlich verungl\u00fcckte, malte ich einen schwarzen Streifen \u00fcber das Bild. Erst sp\u00e4ter, als ich gemerkt hatte, da\u00df ich es aus dem Rahmen herausnehmen konnte, wechselte ich es gegen ein anderes Bild aus.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><a href=\"javascript:history.back();\"><br \/>\n<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rechte by Arche-Verlag Z\u00fcrich\/Hamburg . Mein neunter Geburtstag begann wie alle meine Geburtstage in den vorangegangenen Jahren. Noch im Halbdunkel versammelten sich meine Eltern und Tante Elvira vor meinem Bett: &#8222;Weil heute dein Geburtstag ist&#8230;&#8220; &#8211; Man achtet auf seine K\u00f6rperhaltung beim Singen! 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