{"id":62,"date":"2008-07-25T18:19:27","date_gmt":"2008-07-25T16:19:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kathrinaehnlich.com\/kat\/?page_id=62"},"modified":"2013-08-16T22:37:26","modified_gmt":"2013-08-16T20:37:26","slug":"leseprobe-tante-barbels-befreiung","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/www.kathrinaehnlich.com\/kat\/anthologien\/leseprobe-tante-barbels-befreiung\/","title":{"rendered":"Leseprobe: Tante B\u00e4rbels Befreiung"},"content":{"rendered":"<p>Copyright by Kathrin Aehnlich<\/p>\n<p>Keiner wu\u00dfte genau, wann es kommen w\u00fcrde. Manchmal war es schon vor dem Nikolaustag da, manchmal kam es erst zwei Tage vor Weihnachten. Je n\u00e4her der Heilige Abend r\u00fcckte, um so \u00f6fter hielt das Postauto vor unserem Haus. Bei jedem lauten Motorenger\u00e4usch, bei jedem Abbremsen, st\u00fcrzte ich ans Fenster. Das M\u00fcllauto, die Stra\u00dfenkehrmaschine, eine M\u00f6bellieferung. Und wenn es dann wirklich das Postauto war, dann galt es, die Luft anzuhalten. Ich lauschte auf das Klappen der Haust\u00fcr, z\u00e4hlte die Schritte: erster Stock, zweiter Stock. Ich faltete die H\u00e4nde; in Momenten, in denen ich mir nicht anders zu helfen wu\u00dfte, wurde ich fromm, es war eine zweckgebundene Fr\u00f6mmigkeit, die schlagartig einsetzte und ebenso schlagartig wieder verschwand. Ich h\u00e4tte es nie zugegeben, da\u00df ich heimlich betete, ein Junger Pionier, der betete, war etwas Schlimmes, etwas, wie beim Fahnenappell w\u00e4hrend der Rede des Direktors zu lachen oder einem Jungen beim Pinkeln zusehen, aber ich mu\u00dfte verhindern, da\u00df der Postbote wieder bei Kunaths klingelte, die schon drei Pakete bekommen hatten, lieber Gott, bitte, bitte nicht bei Kunaths! und der Postbote lief weiter und klingelte bei Passigs. Es war, als ob das ganze Weihnachtsfest von diesem einen Paket abh\u00e4ngen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Meist kam es ausgerechnet dann, wenn ich nicht zu Hause war. Irgendwann stand es auf dem Korridor neben der Flurgarderobe. Heimlich holte ich mein Lineal aus dem Ranzen: 82,7 x 38,3 x 27,8, ist gleich 0.88053 m\u00b3. Mathematik war nicht unbedingt mein Lieblingsfach, aber man h\u00e4tte mich nachts wecken k\u00f6nnen und ich h\u00e4tte die Paketgr\u00f6\u00dfen der letzten f\u00fcnf Jahre fehlerfrei aufsagen k\u00f6nnen. Allerdings war erfahrungsgem\u00e4\u00df nicht die Gr\u00f6\u00dfe das Entscheidende, sondern der Inhalt &#8211; und der war geheim. Gern h\u00e4tte ich das Paket angehoben, es gesch\u00fcttelt, auf den Klang geh\u00f6rt, aber schon das Ber\u00fchren war bei Todesstrafe verboten, und selbst meine auf Reinlichkeit versessene Mutter, die mir st\u00e4ndig Vortr\u00e4ge hielt, da\u00df beim Tischabwischen auch die R\u00e4nder dazugeh\u00f6rten, wischte folgsam um das Paket herum. Mein Vater bestand darauf, da\u00df wir das Paket erst am Weihnachtsabend \u00f6ffneten. Es war einer der wenigen Dinge, die er, neben dem Termin f\u00fcr die Kohlelieferung im Herbst, in unserer Familie bestimmen durfte. Meine Mutter nahm diese Entscheidung mit hochgezogenen Augenbrauen zur Kenntnis, wagte aber nicht, zu widersprechen, denn das Paket kam von Tante B\u00e4rbel, der Schwester meines Vaters. Die Existenz dieser Schwester war sein einziger Besitz, ein Geheimnis, das er h\u00fctete wie einen Goldschatz, und das einzige was ich von Tante B\u00e4rbel kannte war ein Foto, das mein Vater in seiner Schreibtischschublade zwischen Versicherungspolicen und Kohlenkarten versteckt hielt. Es war ein Farbfoto, das Tante B\u00e4rbel in mitten von Geranient\u00f6pfen vor einem Hauseingang zeigte, und auf der R\u00fcckseite stand in Sch\u00f6nschrift &#8222;Einzug ins neue Heim&#8220;. Ich kannte nur Kinder-, Alters- oder Tierheime und zu dem Miethaus, in dem wir wohnten, h\u00e4tte ich nie &#8222;unser Heim&#8220; gesagt. Aber bei Tante B\u00e4rbel war alles anders. Tante B\u00e4rbel kam aus Bochum, und das lag im Westen. Das war auch der Grund, weshalb mein Vater das Foto nur hervorholte, wenn wir allein zu Hause war. Ansonsten wurde Tante B\u00e4rbel verschwiegen. Sie war etwas, das es nicht geben durfte, denn mein Vater war Lehrer und hatte auf allen Frageb\u00f6gen, die er ausf\u00fcllen mu\u00dfte, auf die Frage: Haben sie Verwandte oder Freunde in der Bundesrepublik Deutschland? mit &#8222;nein&#8220; geantwortet. Deshalb war das Paket auch an meine Mutter gerichtet, was sie aber trotz heftiger Diskussion nicht dazu berechtigte, es vor dem Heiligen Abend zu \u00f6ffnen. Schon die Schrift, mit der die Adresse geschrieben war, sah ungew\u00f6hnlich aus, gro\u00dfe geschwungene Buchstaben, zwischen denen L\u00fccken klafften, die unser Deutschlehrer als deutliches Zeichen von Oberfl\u00e4chlichkeit bem\u00e4ngelt h\u00e4tte. Auf mich wirkte die Schrift exotisch, und es h\u00e4tte mich nicht gewundert, wenn vor Tante B\u00e4rbels Heim neben den Geranien auch Palmen gewachsen w\u00e4ren. Ich suchte Bochum in meinem Schulatlas, fand es auf der Karte die &#8222;Deutsche Demokratische Republik und Bundesrepublik n\u00f6rdlicher Teil&#8220; und war ersch\u00fcttert. Ich hatte es am Meer vermutet, in einem Tal zwischen schneebedeckten Bergen oder inmitten von bl\u00fchenden Wiesen, aber nicht im Ruhrgebiet. Das Ruhrgebiet oder genauer das industrielle Ballungsgebiet Essen-Duisburg machte, das hatte ich gelernt, den Schrecken der monopolkapitalistischen Wirtschaft sichtbar. Das Ruhrgebiet war der Ausbund des B\u00f6sen. Und immer, wenn ich in meinem Geschichtsbuch die Bilder von der weggesch\u00fctteten Milch und den Brotbergen sah, dachte ich an das Ruhrgebiet. Es war Imperialismus schlechthin: Kohlengruben, Industrieanlagen, gro\u00dfe Wohnsiedlungen und alles kapitalistisch! Das Ruhrgebiet war rosa unterlegt, was ich, f\u00fcr so etwas Schreckliches wie das Ruhrgebiet f\u00fcr unangebracht hielt. Zus\u00e4tzlich war die Fl\u00e4che schraffiert. Eine Art abgegrenzte Zone. Ich stellte mir das Ruhrgebiet wie eine Art offenen Vollzug vor. Einmal Ruhrgebiet, immer Ruhrgebiet. Ich war sicher, wenn eines Tages der Sozialismus siegen w\u00fcrde, dann w\u00fcrden wir zuerst die unterdr\u00fcckten Menschen im Ruhrgebiet befreien. Proletarier aller L\u00e4nder vereinigt euch! Manchmal tr\u00e4umte ich von Tante B\u00e4rbels Befreiung. Ich w\u00fcrde vor ihrem neuen Heim stehen, sie an der Hand nehmen und mit ihr die Treppe zwischen den Geranient\u00f6pfen hinunterschreiten. Dann w\u00fcrde es f\u00fcr Tante B\u00e4rbel keine Ausbeutung des Menschen durch den Menschen mehr geben, sie w\u00e4re befreit vom Joch des Kapitalismus und nicht mehr den Zw\u00e4ngen der Konsumgesellschaft ausgesetzt. Allerdings, und an diesem Punkt begann mein Zwiespalt, w\u00fcrde es dann auch keine Weihnachtspakete mehr geben. Aber jeder Kampf forderte Opfer. Und f\u00fcr die Sache, f\u00fcr unsere Sache, w\u00fcrde ich stark sein und auf Schokolade, gezuckerte Vollmilch oder L\u00fcbecker Marzipankartoffeln verzichten. Als Probe, nahm ich mir jedes Jahr zu Beginn der Adventszeit vor, da\u00df Paket zu ignorieren. Zu sagen, nein danke, es interessiert mich nicht. Es fiel mir schwerer, als ich erwartet hatte. Wenn es dann auf unserem Korridor stand, so gro\u00df und geheimnisvoll, begann ich dar\u00fcber nachzudenken, was uns Tante B\u00e4rbel in diesem Jahr geschickt haben k\u00f6nnte. Hatte sie meinen Wunsch, den ich jeden Abend zum Himmel schickte, erh\u00f6rt und mir eine Jeans gekauft? Eine echte Levis, genauso eine, wie Angelika Rippel aus meiner Klasse sie hatte: knalleng, mit Nieten an den Taschen. Mein Vater sagte dazu abf\u00e4llig Cowboyhosen. Und auch wenn ich wu\u00dfte, da\u00df die Cowboys den Indianern das Land weggenommen und sie in Reservate getrieben hatten, ich stellte mir vor, wie ich in dieser Jeans \u00fcber den Schulhof laufen w\u00fcrde, mit einem silbergl\u00e4nzenen Colt im Halfter, mit dem ich nicht nur die Jungen aus meiner Klasse bedrohen und in die Flucht schlagen, sondern, den ich praktischerweise auch gleich f\u00fcr Tante B\u00e4rbels Befreiung nutzen k\u00f6nnte. Im letzten Jahr hatte ich eine Barbie-Puppe mit langen blonden Haaren bekommen. Sie hatte ein glitzerndes Kleid an und hochhackige Schuhe und sah aus, wie ich nie im Leben aussehen wollte, denn wer so aussah w\u00fcrde nie einen ordentlichen Beruf lernen, nie Kranfahrerin werden oder Kombinatsdirektorin und am Aufbau unserer Volkswirtschaft teilnehmen k\u00f6nnen. Auch w\u00fcrde ich in diesen hockhackigen Schuhe nie Tante B\u00e4rbel befreien und mit ihr fliehen k\u00f6nnen. Au\u00dferdem waren blonde Frauen dumm, so wie Fr\u00e4ulein Kupinke aus dem B\u00e4ckerladen, die behauptete, Kuba w\u00fcrde am Mittelmeer liegen. Ich wu\u00dfte genau, wo Kuba lag. An meinem letzten Geburtstag war Che Guevara ermordet worden, was ich als deutliches Zeichen nahm und seit l\u00e4ngerer Zeit mit dem Gedanken spielte, f\u00fcr ihn den Kampf fortzuf\u00fchren. In dieser Situation w\u00e4re es peinlich gewesen, eine Barbiepuppe mit langen blonden Haaren zu besitzen. Allerdings konnte ich die Puppe nicht einfach verschwinden lassen, was sollte Tante B\u00e4rbel sagen, wenn sie nach ihrer Befreiung bei uns wohnen und sich nach ihren Geschenken erkundigten w\u00fcrde? Es war wie mit den Kissenplatten von Tante M\u00fcrzel, die meine Mutter nur hervorholte und auf die Sofakissen zog, wenn uns die Tante einmal im Jahr besuchen kam, die aber trotzdem nicht weggeworfen werden durften. Ich suchte nach einem Ausweg, nahm zum Beweis meiner Kampfbereitschaft, die gro\u00dfe Schere aus der N\u00e4hmaschine und schnitt der Barbie-Puppe vor den Augen meiner Freundin Silvia Rolapp die Haare ab. Zwar hatte sie mich um diese Puppe beneidet, war aber tief beeindruckt, wie ich es wagen konnte, mit einem Geschenk aus dem Westen derart umzugehen. Ich schnitt mich in einen Rausch, sprach \u00fcber die Befreiung der Unterdr\u00fcckten auf der ganzen Welt, wenn ich einen Colt gehabt h\u00e4tte, so h\u00e4tte ich zwischendurch in die Luft geschossen, und innerhalb weniger Minuten hatte die Barbie eine Glatze.<\/p>\n<p>Als meine Freundin gegangen war, \u00fcberfiel mich die Reue. Schon einmal, zwei Jahre zuvor, hatte es ein Fiasko gegeben, als ich festgestellt hatte, da\u00df sich unter der hellen Haut meiner Babypuppe ein schwarzer Plastek\u00f6rper befand. Ich war sicher, da\u00df die Puppe aus rassistischen Gr\u00fcnden gef\u00e4rbt worden war. Ich hatte mir schon immer eine Negerpuppe gew\u00fcnscht, und im Dienste der Gerechtigkeit und internationalen Solidarit\u00e4t versucht, die helle Farbe abzukratzen. Ich begann mit dem Kopf, schaffte es aber nur bis in Augenh\u00f6he, weil ich an beiden Zeigefingern eine Nagelbettvereiterung bekam. Auch hatte sich die Farbe nicht gleichm\u00e4\u00dfig abl\u00f6sen lassen, was die Puppe unheilbar krank aussehen lie\u00df. Aber auch Leprakranke waren unterdr\u00fcckt und warteten auf ihre Befreiung. Insofern war das Ergebnis politisch korrekt. Meine Mutter war anderer Meinung. Ich h\u00f6rte ihren Schrei bis in mein Kinderzimmer, nach dem ich die Puppe versehentlich im Bad liegenlassen hatte. Von diesem Tag an, durfte ich sie nur noch mit tief ins Gesicht gezogener Zipfelm\u00fctze mit auf den Spielplatz nehmen.<\/p>\n<p>Ich erinnerte mich, da\u00df ich damals zur Strafe vier Wochen lang sonntags kein Kompott essen durfte und versuchte die blonden Haare mit Kittifix wieder an den Kopf der Barbie-Puppe zu kleben, scheiterte jedoch kl\u00e4glich, weil der Leim die Haare schrumpfen lie\u00df und tiefe Furchen in das glatte Barbie-Gesicht \u00e4zte. Abgesehen davon, da\u00df ich mir eine Barbie-Puppe mit geh\u00e4kelter Zipfelm\u00fctze nicht vorstellen konnte, h\u00e4tte nur noch eine vollst\u00e4ndige Vermummung geholfen, und ich beschlo\u00df, mich von dem gesamten Kopf zu trennen. Es war schwieriger, als ich vermutet hatte und gelang mir nur mit Hilfe eines Schraubenziehers und einer Kneifzange. Zwar verschaffte mir das Kopfabrei\u00dfen f\u00fcr Minuten eine tiefe Befriedigung, brachte mich aber meinen Eltern gegen\u00fcber in einen Erkl\u00e4rungszwang. &#8222;Zeig doch mal die Barbie, die dir Tante B\u00e4rbel geschickt hat!&#8220; Ich mu\u00dfte ihnen zuvor kommen, mir etwas einfallen lassen. In diesem Fall reichte es nicht, zu sagen: Und dann war er auf einmal weg. Auch den Gedanken, ich h\u00e4tte den Kopf beim Spielen auf dem Hof verloren, mu\u00dfte ich wieder verwerfen, denn meine Mutter hatte selbst den Hosenknopf, den ich mir beim Schaukeln an der Klopfstange abgerissen hatte, wiedergefunden. Ein Barbiekopf verlor sich nicht so einfach. Ich durfte die Puppe weder mit in die Schule, noch auf die Stra\u00dfe nehmen und so kam ich auf die rettende Idee, Bodo Kunath, h\u00e4tte meiner Barbie nach einem Streit, den Kopf abgerissen. Noch am Abend klingelten meine Eltern bei Kunaths und forderten den Kopf zur\u00fcck. Es kam zu einem heftigen Steit im Treppenhaus, danach waren unsere Familien sieben Jahre lang verfeindet, gr\u00fc\u00dften sich nicht mehr und ich bekam Verbot, mit Bodo Kunath zu spielen, denn wer wei\u00df, wozu ein Junge f\u00e4hig war, der einer Barbie-Puppe den Kopf abri\u00df. Es war mir ganz recht, denn ich konnte Bodo Kunath sowieso nicht leiden. Schwierig wurde es nur, als er damit begann, mich zu erpressen und verlangte, da\u00df ich mir von Tante B\u00e4rbel ein Schweizer Taschenmesser f\u00fcr ihn w\u00fcnschen sollte, was v\u00f6llig unm\u00f6glich war, denn es war verboten direkte W\u00fcnsche an Tante B\u00e4rbel zu richten, Tante B\u00e4rbel allein bestimmte, was geschickt wurde, schlie\u00dflich war es ja ein Geschenk. Das stand deutlich sichtbar auf dem Paket: Geschenksendung &#8211; keine Handelsware, und ich fragte mich, wer auf die Idee kommen k\u00f6nnte, wir w\u00fcrden mit Tante B\u00e4rbels Geschenken handeln. Wir behielten alles, selbst das Packpapier. Es wurde nach den Feiertagen in St\u00fccke geschnitten und als Schutz in die F\u00e4cher im Kleiderschrank gelegt. Nur in der Schublade mit den Socken meines Vaters klaffte ein Loch, weil er darauf bestanden hatte, die Briefmarken herauszuschneiden. Die Marken zeigten den Kopf eines Mannes, der Gustav L\u00fcbke hie\u00df und behauptete, der Bundespr\u00e4sident Deutschlands zu sein, obwohl schon jedes Kindergartenkind wu\u00dfte, da\u00df es nur einen Politiker gab, der die f\u00fchrende Rolle der Arbeiterklasse und damit die Interessen des deutschen Volkes vertrat, und der hie\u00df Walter Ulbricht und war unser Staatsratsvorsitzender. Die Marken kamen zu Tante B\u00e4rbels Foto in die Schreibtischschublade. Dort lag auch der ordentlich zusammmengerollte Bindfaden, der weil er eine &#8222;gute Qualt\u00e4t&#8220; hatte, nur auf Anfrage benutzt werden durfte. Wir k\u00e4mpften um jeden Zentimeter. Niemand w\u00e4re auf die Idee gekommen, das Paket einfach so aufzuschneiden. Knoten f\u00fcr Knoten arbeiteten wir uns voran. Tante B\u00e4rbels Paket war der H\u00f6hepunkt jeder Bescherung. Erst wenn alle Geschenke verteilt waren und ich ordnungsgem\u00e4\u00df, &#8222;Oh Tannenbaum&#8220; und &#8222;Sind die Lichter angez\u00fcndet&#8220; abgesungen hatte, ging mein Vater auf den Korridor. Die Spannung stieg ins Unerme\u00dfliche. Wie w\u00fcrde er das Zimmer wieder betreten, w\u00fcrde er das Paket kaum halten k\u00f6nnen, und es mit herabh\u00e4ngenden Armen wie ein Oran-Utan vor sich herschleppen oder w\u00fcrde er es mit einer Hand tragen k\u00f6nnen?<\/p>\n<p>Im Vorjahr hatte er eine klebrige Spur hinter sich hergezogen, weil es durch das durchgeweichte Packpapier getropft hatte. Schon Tage zuvor hatte meine Mutter den muffigen Geruch auf dem Korridor angemahnt und eine vorzeitige \u00d6ffnung gefordert. Wenigstens das Inhaltsverzeichnis! Aber Prinzip blieb Prinzip, Tante B\u00e4rbels Paket wurde am Weihnachtsabend ge\u00f6ffnet, mein Vater lie\u00df sich nicht erweichen, im Gegensatz zu den Apfelsinen in dem Paket, die sich einem trivialen Schimmelpilz ergeben hatten. Im Westen war eben doch nicht alles Gold, was gl\u00e4nzt. Wir mu\u00dften das nachfolgende Jahr mit nackten Schrankbrettern verbringen, weil meine Mutter voreilig, wie sie nun einmal war, das alte Papier herausgenommen und weggeworfen hatte.<\/p>\n<p>Wenn das Paket unter dem Weihnachtsbaum stand, versammelten wir uns wie bei einer Andacht darum herum und starrten es an. Lieber Gott, la\u00df bitte eine Jeans darin sein! Auf den Colt hatte ich innerlich schon verzichtet. Erfahrungsgem\u00e4\u00df dauerte es einige Minuten, bis mein Vater nach der silbernen Glocke griff, die immer in der Mitte rechts am Weihnachtsbaum hing, dann spannte sich mein K\u00f6rper. Es war wie bei den Olympischen Spielen: Auf die Pl\u00e4tze, fertig, los! Ich hatte mir extra die Fingern\u00e4gel langwachsen lassen, damit das Aufknoten schneller ging. Beim ersten Glockenton st\u00fcrzten sich meine Mutter und ich auf das Paket. Erst wenn der Bindfaden ordentlich aufgerollt war, durften wir mit einem K\u00fcchenmesser den Klebestreifen l\u00f6sen, der das Papier an den Seiten zusammenhielt. Danach kam erneut ein Bindfaden und erst dann trat mein Vater an das Paket, klappte den Karton auseinander und entnahm das Inhaltsverzeichnis, das oben auf der Holzwolle lag. Es war auf kariertes Papier geschrieben, eine herausgerissene Heftseite, und ich konnte meine Bewunderung f\u00fcr Tante B\u00e4rbel nicht verhehlen, denn mir war es verboten, Seiten aus meinen Schulheften zu rei\u00dfen. Bevor ich ein Heft bekam, numerierte mein Vater die Seiten mit Bleistift, eine &#8222;notwendige Ma\u00dfnahme&#8220;, nach dem er festgestellt hatte, da\u00df ich wahrscheinlich das einzige Schulkind mit einem vierseitigen Mathematikheft gewesen war. Ich stellte mir vor, wie Tante B\u00e4rbel nach ihrer Befreiung, ungestraft die Seiten aus meinen Heften rei\u00dfen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Mein Vater stand vor dem Weihnachtsbaum, in seinen lichter werdenden Haaren hatten sich zwei Lamettaf\u00e4den verfangen. Er hielt das Inhaltsverzeichnis mit aus gestreckten Armen vor seinen K\u00f6rper, so wie die Engel, die in unserer Pyramide im Kreis liefen, ihre Notenbl\u00e4tter hielten. Mein Vater r\u00e4usperte sich und holte tief Luft. Vor allem die richtige Haltung war wichtig, wer die Schultern h\u00e4ngen lie\u00df, der w\u00fcrde seinen Text auch herunterleiern. Mein Vater war Deutschlehrer und hatte es zu seinem Lebensziel gemacht, mir alle gro\u00dfen Balladen der deutschen Dichtung beizubringen. Fehlerfrei, ohne zu stocken, mit der richtigen Betonung, denn die Betonung war das Wichtigste, das zeigte sich schon bei der \u00dcberschrift. &#8222;Inhaltsverzeichnis&#8220;. Mein Vater sprach das Wort aus, als handele es sich um eine unerwartet aufgefundene Ode Schillers und wartete darauf, da\u00df wir ihn anerkennend ansahen. Erst dann hob er erneut die Stimme:<\/p>\n<p>1 Dose \u00d6lsardinen<\/p>\n<p>1 Paket Onkel Benn&#8217;s Reis &#8211; in Klammer Langkorn<\/p>\n<p>1 Dose Suchard express&#8230;<\/p>\n<p>In meiner Not hatte ich Bodo Kunath die H\u00e4lfte von der zw\u00f6lften Position versprechen m\u00fcssen und hoffte darauf, da\u00df es etwas kleines war, ein Paket Kaugummi oder eine Kosmetikprobe von Marika R\u00f6cks Hormocenta<\/p>\n<p>1 St\u00fcck Frische Fa<\/p>\n<p>1 Tube Lippi&#8217;s Vollmilch gezuckert&#8230;<\/p>\n<p>Mit den Jahren hatte ich die F\u00e4higkeit erlangt, die Milch so aus der Tube herauslaufenzulassen, da\u00df selbst eine leere Tube wie neu aussah. Allerdings war ich nicht die einzige in unserer Familie, die auf diese Idee gekommen war, denn die Tube wurde auch ohne mein Zutun immer leichter und verschwand eines Tages kommentarlos aus dem K\u00fchlschrank.<\/p>\n<p>1 Dose Erbsen extrazart<\/p>\n<p>1 Flasche Dujardin<\/p>\n<p>Das Jahr zuvor hatte Tante B\u00e4rbel eine Flasche Rotwein geschickt. Der Name auf dem Etikett war so lang gewesen, da\u00df selbst mein Vater beim Vorlesen ins Stocken geraten war. An der Weinflasche hing eine Gebrauchsanweisung, wie sonst nur an M\u00f6belpolitur oder Terpentin. &#8222;Die Flasche bitte eine Stunde vor dem Trinken \u00f6ffnen und moussieren lassen&#8230;&#8220; Mein Vater hatte allein zehn Minuten gebraucht, um den Korken herauszubekommen. Sogar die Art der Gl\u00e4ser war vorgeschrieben. Meine Eltern standen sich gegen\u00fcber, als h\u00e4tten sie soeben den Versailler Vertrag unterzeichnet, stie\u00dfen an, tranken und verzogen beide gleichzeitig das Gesicht, wobei mein Vater als erster die Fassung wiederlangte, schlie\u00dflich kam das Paket von seiner Schwester. Irritiert las er noch einmal die Gebrauchsanweisung, w\u00e4hrend meine Mutter in die K\u00fcche ging und den Zucker holte und erst nach dem dritten L\u00f6ffel zufrieden war: &#8222;Jetzt schmeckt er fast wie Rosenthaler Kadarka.&#8220;<\/p>\n<p>1 Dose Ananasscheiben leicht gezuckert<\/p>\n<p>1 Tafel Schweizer Vollmilchschokolade 250 Gramm.<\/p>\n<p>Ich war froh, da\u00df ich die Tafel nicht mit Bodo Kunath teilen mu\u00dfte, wobei es nicht die Schokolade war, die mich interessierte, sondern die Verpackung. Unter einer durchsichtigen Folie lagen acht mal sechs kleine buntbedruckte T\u00e4felchen. Wenn ich nachts im Bett die Augen schlo\u00df, hatte ich die Bilder vor mir: Schneebedeckte Berggipfel, bl\u00fchende Wiesen ein roter Zug, der durch die T\u00e4ler fuhr. Mein Lieblingsbild war eine Uferstra\u00dfe, hellgelbe H\u00e4user, Palmen und am Kai warteten drei Boote darauf, hinauszufahren. Lago Maggiore stand in kleiner wei\u00dfer Schrift am unteren Rand. Ein Wort, das ich mir auf der Zunge zergehen lie\u00df, wie Schokolade. Einmal diese Stra\u00dfe entlanggehen, den Himmel sehen, der so blau war, da\u00df es weh tat. Einmal in einem der Stra\u00dfencaf\u00e9s sitzen und Limonade trinken, Eis essen und dann mit dem kleinen blauroten Boot auf den See hinausfahren. Ich kannte jede Planke am Boot, jede Faser des Taus, mit dem es am Ufer fest gemacht war. Immer wieder hatte ich dieses Bild abgemalt: mit Wasserfarben, mit Buntstiften, mit Wachsmalkreide. Mein Gef\u00fchl sagte mir, da\u00df diese Uferstra\u00dfe der sch\u00f6nste Ort auf der ganzen Welt war, aber gleichzeitig auch, da\u00df ich dort nie Limonade trinken, Eis essen oder Boot fahren durfte. Ich w\u00fcrde darauf verzichten m\u00fcssen, erlaubte mir, aber aller Vernunft und politischer \u00dcberzeugung zum Trotz, die Hoffnung, einmal diese Stra\u00dfe zu sehen, einmal den Wind zu sp\u00fcren, der von Wasser her wehte. Ich beschlo\u00df, der Fahrt zu Tante B\u00e4rbels Befreiung heimlich einen Umweg zu machen.<\/p>\n<p>1 Dose Champignons 3.Wahl<\/p>\n<p>1 Paket Weihnachtsservietten<\/p>\n<p>Die Serviettenpakete der letzten Jahre stapelten sich in unserem Buffett. Zwar geh\u00f6rte es zur Tischordnung, da\u00df beim Decken neben jeden Teller eine Serviette gelegt wurde, aber ich wei\u00df nicht, was passiert w\u00e4re, wenn ich sie benutzt h\u00e4tte. Auch wenn Besuch da war, wurden die Servietten nach dem Essen wieder eingesammelt. und von meine Mutter in der K\u00fcche auf Wiederverwendbarkeit gepr\u00fcft. Waren sie nur zerknittert waren, wurden sie glattgestrichen oder zwischen die beiden Lexikonb\u00e4nde gelegt, und in besonders schweren F\u00e4llen griff meine Mutter zum B\u00fcgeleisen.<\/p>\n<p>In wenigen Sekunden w\u00fcrde mit Position zw\u00f6lf die Entscheidung fallen. Es war allein meine Schuld gewesen, denn ich hatte mich von Bodo Kunath dabei erwischen lassen, wie ich den Barbiekopf in die M\u00fclltonne werfen wollte. Stundenlang hatte Bodo in der Nische neben dem Kellereingang gewartet, ich h\u00e4tte es wissen m\u00fcssen, aber andererseits w\u00e4re es auch zu gef\u00e4hrlich gewesen, den Kopf noch l\u00e4nger in der Wohnung zu behalten. Ich hatte mich gewehrt, so gut ich konnte, aber Bodo war zwei Jahre \u00e4lter als ich und am Ende hatte ich den Kopf hergeben m\u00fcssen. Jetzt lag er seit elf Monaten in Bodos Tresorsparb\u00fcchse. Er w\u00fcrde ihn nur gegen Position zw\u00f6lf unseres Weihnachtspaketes wieder herausgeben, und drohte, wenn ich auf seine Forderung nicht erf\u00fcllte, mit Verrat.<\/p>\n<p>Ich hielt die Luft an:<\/p>\n<p>1 Paket Gillette-Rasierklingen&#8230;<\/p>\n<p>Am liebsten w\u00e4re ich in die Luft gesprungen. Denn weder mein Vater noch Bodo Kunath hatten einen Bart, nur Tante M\u00fcrzel und die rasierte sich nicht. Ich stellte mir Bodos Gesicht vor, wenn ich ihm vereinbarungsgem\u00e4\u00df das Inhaltsverzeichnis vorlegen w\u00fcrde. Ich wu\u00dfte, da\u00df er darunter litt, das er im Gegensatz zu den anderen Jungen aus seiner Klasse, noch nicht einmal den Ansatz eines Bartes hatte, ganz abgesehen von seiner hohen Stimme. Ich sah ihn w\u00fctend aufstampfen und hoffte, da\u00df er im Erdboden verschwinden w\u00fcrde wie Rumpelstilzchen. Statt einem K\u00f6nigskind Rasierklingen, ein Ende wie im richtigen M\u00e4rchen. Jetzt war ich sicher, da\u00df ich eine Levis bekommen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>1 Schachtel Mon Cherie<\/p>\n<p>1 Flasche Tosca 4711 Eau de Cologne<\/p>\n<p>Nur zu besonderen Anl\u00e4\u00dfen tupfte sich meine Mutter einige Tropfen Tosca auf die Ohrl\u00e4ppchen. Die Flasche mu\u00dfte ein Jahr lang reichen, was nicht schwierig war, da die besonderen Anl\u00e4\u00dfe im Leben meiner Mutter rar waren.<\/p>\n<p>Sie schwebte auf einer Toscawolke zur Frauentagsfeier, ging in Toscaduft geh\u00fcllt zu Tante M\u00fcrzels Geburtstag und wenn unserer Schulchor einmal im Jahr vor den Eltern in der Aula sang, konnten wir, wenn die M\u00fctter bei &#8222;Sah ein Knab ein R\u00f6slein stehn&#8220; vor R\u00fchrung ihre umh\u00e4kelten Taschent\u00fccher aus den Handtaschen nahmen, nur mit M\u00fche weitersingen, weil uns der Toscaduft den Atmen nahm. Ich war fest \u00fcberzeugt, da\u00df auch Tante B\u00e4rbel nach Tosca riechen w\u00fcrde. \u00dcberhaupt hatten der Westen einen eigenen Geruch. Einen Geruch, der selbst durch das geschlossene Paket drang, und sich, wenn es dann ge\u00f6ffnet war in der ganzen Wohnung ausbreitete und tagelang von den Zimmern Besitz nahm.<\/p>\n<p>Es war jener SeifenpulverSchokoladenParf\u00fcmTabakgeruch, den es sonst nur in dem kleinen Laden gab, der versteckt, in einer entlegenen Ecke des Hauptbahnhofes lag. Ein Laden , der so geheim war, da\u00df selbst die Schaufenster und die T\u00fcr mit Gardinen verhangen waren. In diesem Laden durfte ich weder laut sprechen, noch herumrennen. Bis an die Decke stapelten sich die bunten Verpackungen. Es gab Nylonhemden, eine Vitrine mit Matchboxautos und mindestens zehn verschiedene Sorten Schokolade. Das Problem war nur, da\u00df man in diesem Laden mit anderem Geld bezahlen mu\u00dfte. Mit Geld, wie es nur Tante B\u00e4rbel hatte, die aber selbst bestimmte, was sie uns davon kaufte. Ich sollte nicht undankbar sein, denn es gab Leute auf der Welt, die nie ein Weihnachtspaket bekamen. Und da mein Vater die Tante verschwieg, bestand auch keine Hoffnung, da\u00df sie uns jemals besuchen kommen w\u00fcrde, so wie der Onkel von Bodo Kunath, der am Ende seines Besuchs zwanzig Mark in Bodos Tresorsparb\u00fcchse gesteckt hatte.<\/p>\n<p>Als einzige M\u00f6glichkeit jemals in diesem Laden einzukaufen, blieb uns nur die Beteiligung an der Lotterie, die zweimal im Jahr unter dem Motto: Jedem Messegast ein Bett! in unserer Stadt veranstaltet wurde. Konkret hie\u00df das: Jedem Messegast &#8222;mein Bett&#8220;, denn ich mu\u00dfte mein Kinderzimmer r\u00e4umen und in das Schlafzimmer meiner Eltern umziehen. Eine Woche lang besetzten Messeg\u00e4ste aus aller Welt die Kinderzimmer in unserem Haus, stie\u00dfen sich in Einmeterachtzig Jugendbetten die F\u00fc\u00dfe wund und starrten am Morgen nach dem Aufwachen auf Pittiplatschtapeten und Fuchs-und-Elster-Lampen. Es gab Familien, die, um ihren Einsatz zu verdoppeln, ihre gesamte Wohnung r\u00e4umten und in Gartenlauben campierten. Und es ging das Ger\u00fccht, da\u00df Bodo Kunath wegen eines Pariser-Parf\u00fcmh\u00e4ndler f\u00fcnf Tage lang auf einem B\u00fcgelbrett in der Bodenkammer geschlafen hatte. Denn der Hauptgewinn war einer von &#8222;Dr\u00fcben&#8220;, einer den man dazubringen konnte, das \u00dcbernachtsgeld nicht in DDR-Mark zu bezahlen. Es war wie das Warten auf das Westpaket: Kommt er oder kommt er nicht. Schweizer K\u00e4se, Br\u00fcssler Spitzen oder doch wieder nur VEB Suhler Jagdwaffen. Und damit wir wu\u00dften, was wir uns von dem Geld kaufen w\u00fcrden, wenn es dann soweit w\u00e4re, gingen wir schon einmal gucken. Es war wie kurz vor der Ziehung der Lottozahlen, meine Mutter fragte, was die kompletteTosca-Kosmetik-Palette kosten w\u00fcrde und ich stand vor dem Jeansregal und \u00fcberlegte ob ich eine Levis original oder eine wei\u00dfe Wrangler nehmen sollte. Voller Hoffnung gingen wir nach Hause und dort wartete der technische Direktor der Moskauer Motorenbetriebe vor unserer Wohnungst\u00fcr.<\/p>\n<p>1 Dose Niveacreme<\/p>\n<p>1 Feinstrumpfhose f\u00fcr Kathrin<\/p>\n<p>Ich hoffte, da\u00df es eine Verwechslung war. Ich ha\u00dfte Kleider und R\u00f6cke und ahnte, was auf mich zukam. Meine Mutter w\u00fcrde sich an das weinrote Samtkleid erinnern. Und auch wenn es sicher einfach war, mit der Strumpfhose irgendwo h\u00e4ngenzubleiben, w\u00fcrde es doch wieder \u00c4rger geben. Dazu kam, da\u00df ich mich f\u00fcr diese Strumpfhose auch noch bedanken m\u00fc\u00dfte. Liebe Tante B\u00e4rbel, du hast mir mit deinem Geschenk eine besondere Freude gemacht. Schon bei der Barbie-Puppe hatte ich versucht mich zu weigern. Da hat sich Tante B\u00e4rbel das ganze Jahr \u00fcber Gedanken gemacht und du willst ihr nicht einmal einen Brief schreiben!<\/p>\n<p>1 Tube Irisch Moos Rasiercreme<\/p>\n<p>1 Dose Havesta Heringe in Tomatenso\u00dfe&#8230;<\/p>\n<p>Ich h\u00f6rte die Stimme meines Vaters wie durch eine Wand. Erst wenn das Inhaltsverzeichnis komplett verlesen war, durfte das Paket ausgepackt werden. Die Dujardin-Flasche war in einen extra Karton in mattgl\u00e4nzende wei\u00dfe Flocken gebettet. Mein Vater nahm eine Flocke zwischen zwei Finger, drehte sie mehrmals hin und her, roch daran und f\u00fchrte sie schlie\u00dflich zu seinem Mund. Es quietschte, wie wenn ein abgebrochenes St\u00fcck Kreide \u00fcber die Wandtafel schliff. Jetzt wurden alle ausgepackten Geschenke auf unserem Wohnzimmertisch drapiert. Meine Mutter holte die Gl\u00e4ser und vorsichtshalber die Zuckerdose. Noch lange Zeit, nach dem ich im Bett lag, h\u00f6rte ich meine Eltern kreischen und durch die Wohnung laufen. Darauf einen Dujardin! Da sah man wieder einmal, wozu der Kapitalismus die Menschen trieb. Mir fiel ein, da\u00df ich die Strumpfhose, um gef\u00e4hrlicher auszusehen,bei Tante B\u00e4rbels Befreiung \u00fcber meinen Kopf ziehen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Wenn das Weihnachtsfest vor\u00fcber war, baute ich mir aus den leeren Verpackungen in einer Ecke meines Kinderzimmers einen eigenen Intershop. Er hatte immer ge\u00f6ffnet und jeder konnte bezahlen, womit er wollte.<\/p>\n<p>Ich erinnerte mich zwanzig Jahre sp\u00e4ter daran, als aus dem Laden, in den ich immer einkaufen ging, \u00fcber Nacht ein Supermarkt geworden war. Jetzt hatte ich das richtige Geld, konnte all die Dinge kaufen, auf die ich fr\u00fcher in Tante B\u00e4rbels Paketen gehofft hatte, und doch war es nicht so wie ich es immer ertr\u00e4umt hatte. Es dauerte Wochen, bis mir klar war, das es der Geruch, war, der mir fehlte. Die sch\u00f6ne neue Welt roch nicht nach Tante B\u00e4rbels Paketen. Ich nahm mir vor, nie zum Lago Maggiore zu fahren. Doch auf dem Weg nach Mailand konnte ich der Versuchung nicht widerstehen und nahm, statt auf der Autobahn zu bleiben, die Abfahrt nach Stresa. Je n\u00e4her ich dem Wasser kam, um so dichter wurde der Nebel. Ich parkte neben einem Reisebus. An dem Nummernschild sah ich, da\u00df er aus Bochum kam. Auf dem Weg zur Strandpromenade \u00fcberholte ich eine Rentnergruppe, die durch den Nebel irrte. Ich suchte nach einem Caf\u00e9 und fand nur eine Gelateria, in der die St\u00fchle hochgestellt waren. Neben der Anlegestelle stand ein Fernrohr, an dem ein Schild eine sch\u00f6ne Aussicht versprach. Ich stand in mitten von Nebelschwaden am Ufer, die H\u00e4nde in meinen Jeans und wartete auf das Boot.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/localhost\/wordpress\/wp-content\/uploads\/tante-barbels-befreiung.pdf\" target=\"_blank\"><br \/>\n<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><a href=\"javascript:history.back();\"><br \/>\n<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Copyright by Kathrin Aehnlich Keiner wu\u00dfte genau, wann es kommen w\u00fcrde. Manchmal war es schon vor dem Nikolaustag da, manchmal kam es erst zwei Tage vor Weihnachten. Je n\u00e4her der Heilige Abend r\u00fcckte, um so \u00f6fter hielt das Postauto vor unserem Haus. Bei jedem lauten Motorenger\u00e4usch, bei jedem Abbremsen, st\u00fcrzte ich ans Fenster. 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