{"id":63,"date":"2008-07-25T18:24:03","date_gmt":"2008-07-25T16:24:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kathrinaehnlich.com\/kat\/?page_id=63"},"modified":"2008-07-25T20:43:08","modified_gmt":"2008-07-25T18:43:08","slug":"abgeschoben","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/www.kathrinaehnlich.com\/kat\/feature\/abgeschoben\/","title":{"rendered":"Abgeschoben"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\">\n<p style=\"text-align: right;\"><a href=\"?page_id=64\">&gt;&gt;englische Fassung<\/a><\/p>\n<h4><strong>Ansage:<\/strong><\/h4>\n<p>Die Macht der B\u00fcrokratie<\/p>\n<p>Die Abschiebung der Familie Bajrami<\/p>\n<p>Feature von Kathrin Aehnlich und Ingo Colbow<\/p>\n<p><strong>ngg_shortcode_0_placeholderO-Ton Agim:<\/strong><\/p>\n<p>Wo mein Bruder in das Zimmer kam, ich sa\u00df da allein, habe ferngesehen und sagte, die Polizei, ich dachte, er macht Sp\u00e4\u00dfe. Und dann bin ich auf einmal aufgestanden und habe die Polizei vor der T\u00fcr gesehen und dann war ich auf einmal weg von mir. Es war sehr schlimm, weil ich wusste nicht, was uns erwartet.<\/p>\n<p><strong>O-Ton Buletin:<\/strong><\/p>\n<p>Und dann sind die reingest\u00fcrmt und haben das Haust\u00fcr kaputt gemacht und haben mich dann als erstes festgenommen und haben mich in Wagen da Polizeiwagen und haben zugemacht. Und da bin ich da geblieben und habe geweint und geweint. In dem Moment wusste ich nichts mehr, ich war au\u00dfer Kontrolle sozusagen.<\/p>\n<p><strong>Sprecherin:<\/strong><\/p>\n<p>Es sind meine Nachbar gewesen. Die Familie Bajrami aus dem Kosovo. 11 Jahre lang haben sie in Deutschland gelebt &#8211; friedlich. Zu erst in einem Wohnheim, dann in einem Containerdorf und dann, weil es sich gl\u00fccklich f\u00fcgte in einem Gartenhaus in Markkleeberg. Zur Verf\u00fcgung gestellt von dem Fu\u00dfballtrainer der Jungen, der den Bajrami S\u00f6hnen vorhersagt.<\/p>\n<p>Dann kommt die Nacht vom 3.M\u00e4rz  zum 4.M\u00e4rz 2004.<\/p>\n<p><strong>O-Ton Agim:<\/strong><\/p>\n<p>Und dann sind die reingest\u00fcrmt, T\u00fcr aufgebrochen und uns gefesselt, auf dem Boden gleich, weil, ich habe mich nicht gleich fesseln lassen, auf den Boden geschmissen. Ich bin die Treppen hoch gelaufen und die haben mich von den Treppen runter gezogen. So runter, weil ich wollte erst einmal den Rechtsanwalt anrufen und die Freunde und Telefon die haben nicht zugelassen. Es war ja nicht nur eine, vier f\u00fcnf Leute sa\u00dfen auf einem drauf. Der ganze Teppich, was im Wohnzimmer war, wurde so zusammengerollt. Man konnte sich nicht normal mit denen unterhalten. Sie wollten nichts h\u00f6ren, nur fesseln und abgehts. Man muss doch jeden wie einen Menschen behandeln, egal was f\u00fcr eine Rasse er ist, woher er kommt oder&#8230;<\/p>\n<p><strong>O-Ton Buletin:<\/strong><\/p>\n<p>Ja, der Rechtsanwalt war da, Krankenwagen war da, Presse war da, alles war da, aber die wurden nicht reingelassen. Man hat die auch schlecht behandelt in dem Moment, weil die Polizisten auch in den Regeln nicht mitgemacht haben. Die Nachbar haben die T\u00fcr, den Polizisten sozusagen die Wege gesperrt. Und die sind auch sehr aufgeregt und wollten uns helfen. Und die sind auch in unsere Mitleid gewesen, die haben auch unterst\u00fctzt und haben gesagt: Ihr d\u00fcrft das mit der Familie nicht machen.<\/p>\n<p><strong>Atmo: <\/strong> Stra\u00dfe\/Ich sch\u00e4me mich f\u00fcr Deutschland<\/p>\n<p><strong>Sprecherin:<\/strong><\/p>\n<p>Die Emp\u00f6rung der Nachbar und Freunde der Familie verhallt ungeh\u00f6rt. Die Lage im Kosovo hat sich entspannt. Nach elf Jahren soll die \u201eDuldung&#8220; der Familie in Deutschland nicht mehr verl\u00e4ngert werden. Die Pl\u00e4tze im Flugzeug sind bereits gebucht. Die Familie muss packen. Sofort. Jeder 20 Kilo, das \u00fcbliche Gep\u00e4ck f\u00fcr eine Flugreise. Erst jetzt f\u00e4llt den Beamten auf, dass ein j\u00fcnger Sohn noch nicht vom Fu\u00dfballtranig zur\u00fcckgekehrt ist. Es wird beschlossen nur den Vater mit den Kindern abzuschieben. Die Mutter soll mit dem noch fehlenden Sohn sp\u00e4ter folgen. Doch dann erleidet der Vater einen Herzanfall. Jetzt bleiben zur Abschiebung nur noch die gr\u00f6\u00dferen Kinder. Die 15 j\u00e4hrige Emine, der 19j\u00e4hrige Buletin und der 20 j\u00e4hrige Agim. Die drei werden, trotz des Protestes der Anwohner und des Anwalts, jeder einzeln in eine Zelle in einem Kleinbus gesperrt und abtransportiert. Das Ziel der Flughafen in D\u00fcsseldorf.<\/p>\n<p><strong>ngg_shortcode_1_placeholderO-Ton Agim:<\/strong><\/p>\n<p>Ich wollte nicht wirklich freiwillig das Land verlassen. Ich habe mich gewehrt, ich wollte nicht weg. Ich liebe dieses Land so sehr, Deutschland. Dann hat man mich genommen, jeder am rechten Bein, am linken Bein, am Arm an Schulter geschnappt, f\u00fcnf Personen und haben mich versucht die Treppe hoch zu bringen und ich habe mich so an die Treppe geklammert, mit den F\u00fc\u00dfen dann und dann hat einer so drauf gehauen mit so einem Schlagzeug, Schlagstock. Dann haben die mich ins Flugzeug geschmissen, hinten, mit gefesselten H\u00e4nden, nicht mal die H\u00e4nde entfesselt. Dann dort zwei Security von Flugzeug zu mich gesetzt, dass ich mich nicht bewegen kann. Das ging bis nach Pristina mit gefesselten H\u00e4nden. Dann kurz vor der Landung hat mir der Security-Mann die H\u00e4nde entfesselt.<\/p>\n<p><strong>O-Ton Buletin:<\/strong><\/p>\n<p>Ich pers\u00f6nlich war ich fertig, ich konnte mich nicht mehr wehren, ich konnte nichts mehr machen. Ich war einfach abgeschafft. Ich konnte nicht mehr reagieren. Ich war fertig. Ich konnte nichts mehr. Ich habe mich nur hingesetzt und darauf gewartet, was mit mir passiert. Was die Polizisten mit mir machen und was die alles vorhaben. F\u00fcr mich war alles fremd.<\/p>\n<p>Ich habe selber mit meinen eigenen Augen gesehen, das man da sehr zwanghaft das alles durchgezogen hat. Mit roher Gewalt sozusagen, man hat keine R\u00fccksicht genommen auf nichts. Auf Kinder, auf \u00e4ltere Menschen, auf niemanden. Jeder wurde so behandelt, wurde mit aller Macht in den Flieger reingesetzt und musste raus. Alles war dabei. Wurde zwanghaft abgeschoben.<\/p>\n<p><strong>O-Ton Agim:<\/strong><\/p>\n<p>Ich kann es doch auch nicht machen. Jeder soll sein Leben leben, wo er m\u00f6chte. Wo er es besser hat, wo er ein normales Leben f\u00fchren kann. Er kann doch nicht \u00fcber jemanden bestimmen, wo er leben soll. Was er machen soll. Und dann haben sie auch immer so gesagt: Kanake, geh dein Land aufbauen. Was willst du hier. Immer mit gefesselten H\u00e4nden. Dann haben die mich auch so zum Flughafen gebracht. Ich meine vom Bus zum Flugzeug, als ob ich Terrorist w\u00e4re oder wer wei\u00df was.<\/p>\n<p><strong>Sprecherin: <\/strong><\/p>\n<p>Der Anwalt Stefan Costabel, der sich seit Jahren &#8211; unentgeltlich &#8211; um ein Aufenthaltsrecht der Familie in Markkleeberg bem\u00fcht, erreicht mit Hilfe der \u201eCaritas&#8220;, dass wenigstens die 15 j\u00e4hrige Emine bei ihren Eltern bleiben darf. Zun\u00e4chst. Denn eine erneute Abschiebung der Familie droht.<\/p>\n<p>Den beiden Jungen kann er nicht mehr helfen.<\/p>\n<p><strong>O-Ton Buletin:<\/strong><\/p>\n<p>Ich wusste nicht, wo ich hingehe. Ich wusste nicht, was mich hier erwartet, ich wusste nichts. Ich bin in den Flieger gezwungen reinzugehen, ich musste hier fliegen nach Pristina. Und die haben mich hier rausgesetzt und keiner hat sich mehr um mich gek\u00fcmmert. Im Flughafen raus und dann musste ich selber sehen, wo ich hingehe und was ich hier mache. F\u00fcr mich war alles Fremdland.<\/p>\n<p><strong>O-Ton Agim:<\/strong><\/p>\n<p>Gleich der erste Augenblick war sehr schlimm, wo wir ausgestiegen sind aus dem Flugzeug, niemanden gekannt, nur so blind den Leuten hinterher gegangen. Ich bin glaube ich, als letzter ausgestiegen, nur so blind den Leuten hinterher gegangen, wo lang die gegangen sind, ich habe mich irgendwie fremd gef\u00fchlt, ich f\u00fchle mich immer noch fremd. So leer, keine Ahnung, Gedanken floss gar keine, nur \u00fcber dort. Ich wusste nicht, was uns erwartet, wo wir hin sollen, was wir machen sollen.<\/p>\n<p><strong>O-Ton Buletin:<\/strong><\/p>\n<p>Ich habe gezweifelt, ich habe geheult. F\u00fcr mich war alles fremd. Die Leute das Umfeld, das Land, alles. Ich wusste gar nicht wo ich bin, was mich hier erwartet, gar nicht. Viel schwere Zeit. Und man hat immer gesagt, man organisiert was im Flughafen. Nichts. Man hat mich rausgeschmissen am Flughafen und keiner hat sich gek\u00fcmmert mehr. Keiner hat gefragt, wer ich bin, was passiert, wohin. Was mich hier erwartet. Niemand. Ich wusste nicht weiter. Ja. Uhr tickt &#8211; war eine schwere Zeit damals (ganz traurig) Uhr tickt &#8211; atmet<\/p>\n<p><strong>Sprecherin:<\/strong><\/p>\n<p>Getrennt von ihren Eltern werden die beiden Jungen am Flughafen Pristina \u201eausgesetzt&#8220;. In der Zwischenzeit fl\u00fcchtet die Familie zusammen mit der zur\u00fcckgekehrten Emine in ein Leipziger Kircheasyl. Dort leben sie \u00fcber zwei Jahre lang. Immer unterst\u00fctzt von dem Markkleeberger Freundeskreis, der Schulunterricht f\u00fcr die Kinder organisiert, t\u00e4glich f\u00fcr Lebensmittel sorgt und sich gemeinsam mit dem Anwalt um eine Aufenthaltsberechtigung m\u00fcht. Nach \u00fcber zwei Jahre, die sie \u201efreiwillig&#8220; in einer Wohnung eingesperrt sind, kann die Familie das Asyl verlassen. Die Markkleeberger haben f\u00fcr Arbeits- und Ausbildungspl\u00e4tze gesorgt und eine finanzielle B\u00fcrgschaft hinterlegt. Langsam kehrt Normalit\u00e4t in das Familienleben ein.<\/p>\n<p><strong>Atmo<\/strong>: Busbahnhof<\/p>\n<p><strong>Sprecherin:<\/strong><\/p>\n<p>Und Agim und Buletin?<\/p>\n<p>Am ersten Schulferientag im Sommer 2007 macht sich die Familie auf die Reise. Hacif, der j\u00fcngste Sohn, kann vor Aufregung nicht mehr still stehen, nach drei Jahren wir er seine Br\u00fcder das erste Mal wieder sehen. Bis es soweit ist liegen allerdings noch 25 Stunden Busfahrt vor uns.<\/p>\n<p><strong>Atmo:<\/strong> Bus innen<\/p>\n<p><strong>Sprecherin:<\/strong><\/p>\n<p>Auf den Monitoren im Bus laufen albanische Fernsehprogramme und die Durchsagen der Busfahrer sind albanisch. Alle Reisenden haben blaue Umnic P\u00e4sse, nur wir fallen auf: mit unserem weinroten deutschen Pass. \u201eEs ist, als w\u00e4ren Chinesen im Bus!&#8220; sagt der Mann vor uns. An allen Grenzen das gleiche Spiel, der Beamte geht durch den Bus, sammelt wahllos P\u00e4sse ein, die ihm hinter dem Bus der Fahrer mit elegant zwischen die Passagierliste gelegten Scheinen wieder abkauft. Daf\u00fcr bleiben die Gep\u00e4ckklappen geschlossen. Vor der serbischen Grenze werden alle verwarnt: Nicht zu fluchen, nicht zu lachen, keine Grimassen zu schneiden. Dieses Mal verschwinden unsere P\u00e4sse. Zwei Deutsche in einem albanischen Bus sind verd\u00e4chtig. Der R\u00fcckkauf wird teuer: 40 Euro pro Pass. Die Fahrt selbst &#8211; von M\u00fcnchen nach Pristina &#8211; hat 70 Euro gekostet.<\/p>\n<p>Je n\u00e4her wir Pristina kommen, um so unruhiger wird es Bus. Frauen holen Highheels aus dem Gep\u00e4ck, alle wollen \u201esch\u00f6n&#8220; in Pristina ankommen. Auch Emine wechselt ihre Schuhe. \u201eIch liebe Markkleeberg&#8220; ruft sie beim Anblick der grauen Plattenbauten, die an die fr\u00fchen siebziger Jahre in der DDR erinnern.<\/p>\n<p>Atmo: Ankunft<\/p>\n<p><strong>Sprecherin:<\/strong><\/p>\n<p>Das sind sie der gro\u00dfe schmale Agim und der kleinere kompakte Buletin. Alle liegen sich in den Armen. Ein Wiedersehen nach drei Jahren.<\/p>\n<p>Erinnerungen kommen hoch an damals, als sie allein in Pristina ankamen. Damals sorgten die Markkleeberger Freunde daf\u00fcr, dass sie wenigstens von einem Caritas Mitarbeiter abgeholt und zum Gro\u00dfvater aufs Dorf au\u00dferhalb von Pristina gebracht wurden.<\/p>\n<p><strong> <\/strong><\/p>\n<p><strong>ngg_shortcode_2_placeholderO-Ton Agim:<\/strong><\/p>\n<p>Niemanden gekannt, Stromausfall war da, und nur mit der Kerze. Jeder hat dich gedr\u00fcckt. Man war wie weg. Sa\u00df nur da. Jeder hat versucht etwas zu erz\u00e4hlen: Wieso kennst du mich nicht. Haben die Eltern nicht erz\u00e4hlt? Die Leute haben sich beleidigt manche gef\u00fchlt, warum man sie nicht kannte. Und es war auch sehr eng. Und trotzdem in ihren M\u00f6glichkeiten waren sie sehr nett. Und haben versucht jemanden aufzumuntern. Herzlich, wie es hier ist. Jeden Menschen behandeln die herzlich. Versuchen den ein guter Gastgeber zu sein. Jeder seine M\u00f6glichkeiten. Es ist sehr schwer hier.<\/p>\n<p><strong>O-Ton Buletin:<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr mich war das alles Fremdland, ich wusste nicht, in welche Richtung das hingeht oder was mich hier erwartet. Ich wusste nur, ich muss mich in der Kommune anmelden. Ausweise vorbereiten und Pass. Und damit habe ich mich dann vier oder viele Monate besch\u00e4ftigt, bis ich das bekommen habe. Und mich hat hier keine gefragt, wo du bleibst oder wo du bist, oder was hier passiert. Keiner. Und ich muss dann selber sehen, was ich mache. Und ich hatte keine M\u00f6glichkeiten was zu machen. Ich musste da in dem Dorf bleiben und den Leuten helfen, was ich konnte. War nichts anderes m\u00f6glich.<\/p>\n<p><strong>O-Ton Agim:<\/strong><\/p>\n<p>Es war einfach f\u00fcr mich &#8230;.. Es war einfach schlimm. Man versucht immer nicht daran zu denken, versucht zu vergessen. Aber es geht nicht. Man will auch nicht dr\u00fcber reden wollen. Selber in sich verarbeiten (atmet) weil so schlimm war (schnieft). Weil wir haben gern in Deutschland gelebt. Gut uns eingelebt. Wollten alles versuchen, aber&#8230;..<\/p>\n<p>Es war wirklich so sehr schlimm. Ich will das nicht gern noch mal so was erleben.<\/p>\n<p><strong><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>Die beiden werden bei ihrem Gro\u00dfvater abgegeben, an den sie sich nach elf Jahren kaum noch erinnern k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>O-Ton Opa: <\/strong><\/p>\n<p>(albanisch)<\/p>\n<p><strong>\u00dcbersetzer:<\/strong><\/p>\n<p>Als Buletin und Agim abgeschoben wurden, war es schrecklich man kann sagen t\u00f6dlich. Sie kamen zu mir. Ich bin selbst nur mit gr\u00f6\u00dfter M\u00fche mit meiner Familie um die Runden gekommen. Jetzt musste ich auch noch f\u00fcr die beiden sorgen. Die Armut ist f\u00fcr sie sehr schwer. Aber zum Gl\u00fcck sind sie gesund und jung. Es ist f\u00fcr sie schwer getrennt von der Familie, von Vater und Mutter zu leben. Sie haben kein zu Hause. Sie haben bestimmt das kaputte Haus gesehen. Auch in Gadime gibt es nur Armut. Wohin sollen die beiden gehen? Es gibt kein Haus und was sollen sie essen?<\/p>\n<p><strong>Sprecherin:<\/strong><\/p>\n<p>Auf \u201eWunsch&#8220; der deutschen Beh\u00f6rden sollten Agim und Buletin dorthin zur\u00fcckkehren, wo sie hergekommen waren. Wir fahren mit der Familie Bajrami in ihr altes Dorf. Herr Bajrami und seine S\u00f6hne zeigen uns das Haus oder besser das, was von ihm \u00fcbriggeblieben ist.<\/p>\n<p>Atmo:  Musik\/ Hochzeit\/ Nachbargrundst\u00fcck<\/p>\n<p>(auf Musik) Buletin: Hier geboren, hier gewohnt. Hier war Schlafzimmer sozusagen. Und musst man hier leben sozusagen. In diese kleine Haus.<\/p>\n<p>Zwei Zimmer und eine K\u00fcche sozusagen.<\/p>\n<p>FR: d hast Du noch eine Erinnerung daran, wie es f\u00fcr Euch Kinder damals war?<\/p>\n<p>B. Ich wei\u00df nicht? Es war schon schwer. Aber wir hatten nicht soviel Platz. Wir mussten alle zusammen hier wohnen.<\/p>\n<p><strong>Sprecherin:<\/strong><\/p>\n<p>Zwei kleine R\u00e4ume eine fensterlose K\u00fcche. H\u00fchner stieben davon. Das Haus hat keine T\u00fcren mehr. Die Fu\u00dfb\u00f6den sind vermodert. Alles ist kaputt, gepl\u00fcndert. Nur an einem Nagel h\u00e4ngt noch der Mantel von Frau Bajrami: Vor vierzehn Jahren vergessen auf der Flucht.<\/p>\n<p>Frage:  Erz\u00e4hl mal, was alles zerst\u00f6rt ist?<\/p>\n<p>Agim: Das ganze Haus, wie Sie sehen. Alles hier zerrissen. Die Fenster. Boden. Und im Dach sehen Sie doch auch. Strom gibt&#8217;s nicht. Hier kann man nicht leben. Sie sehen doch: die ganzen Zimmer, die K\u00fcche einfach&#8230; Hier kann man doch nicht leben. So klein.<\/p>\n<p>Buletin: Wir wussten nicht, wohin. Und wir haben immer wieder betont, dass das so ist hier unten. Aber man hat uns nicht geglaubt.<\/p>\n<p>Agim: Oder nicht glauben wollen&#8230;. Bestimmt war es denen egal.<\/p>\n<p>Buletin: Weil, wir haben immer wieder betont, dass f\u00fcr uns hier unten kein Platz ist, kein Einkommen, kein Haus&#8230;. Niemand. Aber den hats einfach nicht gek\u00fcmmert. War den egal sozusagen.<\/p>\n<p>Wenn wir alle hier runter gekommen w\u00e4ren, dann m\u00fcssten wir hier leben. So, wie sie es hier sehen.<\/p>\n<p>Frage: Aber w\u00e4re die Familie her gekommen, h\u00e4ttet ihr nicht zum Opa gehen k\u00f6nnen?<\/p>\n<p>B: Der hat keinen Platz. Uns hat er auch nur f\u00fcr eine bestimmte Zeit aufgenommen. Und eigentlich haben wir den auch nicht gefragt, ob die uns aufnehmen. Wir sind einfach gekommen. Ob wir gew\u00fcnscht waren oder nicht? War egal. Aber die wollten uns helfen und haben ein Bett und Platz frei gemacht.<\/p>\n<p><strong>Sprecherin:<\/strong><\/p>\n<p>Im Nachbarhaus wird eine Hochzeit gefeiert. Das gelbangestrichene Haus ist gro\u00df, hat zwei Etagen. Es ist ein Ferienhaus. Die Besitzer wohnen in der Schweiz. Die zwei Welten im Kosovo.<\/p>\n<p>\u00dcber die Flucht wurde wenig gesprochen in der Familie Bajrami. Uns wird bewusst, dass es ein gro\u00dfes Vertrauen ist, dass sie mit uns hierher gefahren sind.<\/p>\n<p><strong>ngg_shortcode_3_placeholderSprecherin:<\/strong><strong>O-Ton Agim:<\/strong><\/p>\n<p>Ich habe gefragt, aber er hat immer blockiert. Immer kamen wie Tr\u00e4nen in den Augen, wie bei mir am Anfang. Jetzt geht&#8217;s ja besser mit der Stimme und alles. Dann habe ich es gelassen.<\/p>\n<p>Ich finde es ist besser, ihn sich nicht erinnern zu lassen, das macht ihn innerlich kaputt. Der ist auch schon jetzt, finde ich, der ist anders geworden. Viel ruhiger.<\/p>\n<p><strong>O-Ton Buletin:<\/strong><\/p>\n<p>Weil man die albanische Bev\u00f6lkerung immer schlecht behandelt hat, hier im Kosovo. Man hatte keine Freiheit. Im Dunkeln, wenn man erwischt wurde, die hatten das recht dich zu Ohrfeigen oder dir einen Grund zu geben, dass die dich schl\u00e4gen. War f\u00fcr den kein Problem. Viele k\u00f6nnen das von damalige Zeit beweisen. Dass die so behandelt worden, ohne Grund. Man wurde schlecht behandelt, als Minderheit erkannt sozusagen.<\/p>\n<p>Und dann haben wir die einzigste Flucht gesehen, in Ausland zu kommen, in Deutschland oder so. Das wir wenigstens dort eine Zukunft haben, freier sind. Und das machen k\u00f6nnen, was wir, arbeiten zum Beispiel oder leben, zu verdienen. Das war der einzigste Grund, das wir raus mussten, durch die Armut hier, wegzukommen.<\/p>\n<p><strong>O-Ton Opa: <\/strong><\/p>\n<p>(albanisch)<\/p>\n<p><strong>\u00dcbersetzer:<\/strong><\/p>\n<p>Die Lage war sehr schwierig. Sie haben auf uns mit Gewehren mit Zielfernrohren geschossen und haben versucht, so viele Kosovaren wie m\u00f6glich zu treffen und zu t\u00f6ten.<\/p>\n<p>Wenn Du auf der Stra\u00dfe erwischt wurdest, hat man dich geschlagen.<\/p>\n<p>Ich bekomme immer noch Angst, wenn ich daran denke. Zu mir kam ein 75j\u00e4hriger Verwandter und fragte, was mache ich, wenn sie uns umkreisen. Ich sagte, keine Angst, bis zu meinem Tod werde ich dich auf meinen Schultern tragen, wohin ich auch gehe. Meine Frau war krank, sie bekam keine Luft und wir hatten keine Medikamente, weil wir auf der Flucht waren. Ich darf nicht daran denken, was ich erlebt habe, dann werde ich verr\u00fcckt.<\/p>\n<p><strong>Sprecherin:<\/strong><\/p>\n<p>Die Angst vor den Serben ist noch gegenw\u00e4rtig. Als wir durch Serbien fuhren und wegen eines Unfalls warten und den Motor ausstellen mussten, hielt der Busfahrer die T\u00fcren geschlossen. Eine Stunde lang, bei vierzig Grad im Schatten.<\/p>\n<p>Heute leben im Kosovo nur noch wenige Serben. Will man in das Dorf des Gro\u00dfvaters besuchen muss man durch drei serbische Orte. Wir halten an und sp\u00fcren auch dort Misstrauen und Angst.<\/p>\n<p>Der Gro\u00dfvater wohnt in einem Haus, dass ihm ein geflohener Nachbar \u00fcberlassen hat. Das Haus hat drei Zimmer. In einem Zimmer wohnt der eine Onkel mit seiner Frau und seinen Kindern, in dem zweiten der andere Onkel mit seiner Familie. In dem dritten Zimmer lebt der Gro\u00dfvater &#8211; nun mit seinen beiden Enkeln Agim und Buletin. Er besitzt einige Schafe. Die beiden Onkel versuchen hin und wieder durch Holzhacken Geld zu verdienen. Das einzige feste Einkommen hat der Gro\u00dfvater:40 Euro im Monat &#8211; die im Kosovo \u00fcbliche Altersrente.<\/p>\n<p><strong>O-Ton Buletin:<\/strong><\/p>\n<p>Waren schwierige Monate, weil wir auch nicht klarkommen mit den Leuten, das ganze Umfeld, war f\u00fcr uns schwer. Die ganze Mentalit\u00e4t, die ganzen Leute, die ganze Situation. Der ganze Umgebungsgeist war f\u00fcr uns fremd. Das waren Bekannte und f\u00fcr uns Verwandte, aber trotzdem war es fremd. Weil wir als Kinder nach Deutschland gekommen sind. F\u00fcr uns waren das fremde Leute, wir mussten die kennen lernen erst einmal, in der Zeit.<\/p>\n<p><strong>Sprecherin:<\/strong><\/p>\n<p>Die beiden sehnen sich nach Markkleeberg. Nach einer funktionierenden Wasser -und Stromversorgung, nach einer M\u00fcllabfuhr. In einem Graben der durch das Dorf f\u00fchrt liegen Plastikflaschen. Erst beim genauen Hinsehen erkennt man, dass sie sich bewegen: Es ist ein Fluss. Versagen die Wasserleitungen und das ist in diesem hei\u00dfen August fast t\u00e4glich der Fall, dann holt die Familie Wasser an der Quelle. Nach einer Woche im Kosovo leiden alle Kinder an Durchfall und Erbrechen.<\/p>\n<p><strong>O-Ton Buletin:<\/strong><\/p>\n<p>Stressig. Es geht ihnen durcheinander, die habe viel sich neu zu stellen. Viele Umstellungen Mit dem hier sein? Was ist das alles?<\/p>\n<p>Mit der ganzen Situation mit der Hitze und Stromausfall. Kein Wasser und alles das.<\/p>\n<p>Und wie ist die Stimmung nach einer Woche?<\/p>\n<p>Nicht so gut.<\/p>\n<p>Haben sie schon gesagt, dass sie zur\u00fcck wollen?<\/p>\n<p>Ja, eigentlich ja.<\/p>\n<p>Wer m\u00f6chte am ehesten zur\u00fcck, wem f\u00e4llt es am schwersten?<\/p>\n<p>Liridona und Hacif und Emine.<\/p>\n<p><strong>O-Ton Agim:<\/strong><\/p>\n<p>Ich habe mich da sehr wohlgef\u00fchlt in Markkleeberg zu leben. Es war eine sehr sch\u00f6ne Stadt oder Dorf, kann man nicht sagen, kann man nicht sagen (lacht) ja Stadt. Sehr sch\u00f6n dort zu leben. Sind viele, alle nette Leute. Ich hatte nie Probleme mit niemanden, freundlich. Einfach das Leben genossen. Sich wie ein Mensch gef\u00fchlt. Und dort gerne gelebt.<\/p>\n<p><strong>O-Ton Buletin:<\/strong><\/p>\n<p>Das sch\u00f6nste an Markkleeberg?<\/p>\n<p>Einfach, dass ich mich da wohlgef\u00fchlt habe und frei. Ich war das was ich war. Ein Mensch wie alle anderen. Ich hatte die M\u00f6glichkeiten alles zu tun oder alles zu lassen. Das ich mich dort wohl gef\u00fchlt habe und meine Seele. Und auch die Sprache gut beherrscht habe. Das die Leute mit mir klarkommen und ich bin auch klar gekommen. Ich hatte keine Probleme. Und das sch\u00f6nste war (&#8230;) die Freunde der Sport. Alles.<\/p>\n<p><strong>O-Ton Agim:<\/strong><\/p>\n<p>Das ganze Leben, wie wir uns integriert haben, wie wohl wir uns gef\u00fchlt haben. Das war das wichtigste: sich wohlf\u00fchlen. Das war unser Zuhause. Wir haben uns sehr wohl gef\u00fchlt. Wir haben uns mit Sport besch\u00e4ftigt, mit guten Freunden getroffen. Uns nicht mit jedem eingelassen.<\/p>\n<p>Und sich wohlgef\u00fchlt zu haben. Und sehr sicher.<\/p>\n<p><strong>Sprecherin:<\/strong><\/p>\n<p>Diese Sicherheit vermissen die beiden Jungen in dem Dorf des Gro\u00dfvaters. Obwohl die beiden von der Familie freundlich aufgenommen werden, geh\u00f6ren sie nicht dazu. Sie sind Fremde. Waren zu lange weg. Wo seid ihr gewesen, als bei uns Krieg war? fragen viele. Keiner glaubt ihnen, dass sie arm aus dem deutschen Schlaraffenland zur\u00fcckgekehrt sind.<\/p>\n<p><strong>O-Ton Agim:<\/strong><\/p>\n<p>Ja klar hatten wir Angst. Das man versucht, uns zu erpressen oder wer wei\u00df was. Weil alle Leute denken, die vom Ausland haben Geld. Die denken im Ausland na, dort findet man Geld auf der Stra\u00dfe. Wenn man auf der Stra\u00dfe ist, gleich erkennt man am Gesicht. Kennst man, dass er nicht von hier ist.<\/p>\n<p>Ich habe es nicht dazu kommen lassen. Ich bin nicht ausgegangen alleine. Immer mit Onkel oder so. Nachts nie, nur tags. Man hat sich vorher selber gewehrt und die Situation entsch\u00e4rft.<\/p>\n<p><strong>Sprecherin:<\/strong><\/p>\n<p>Wieder helfen die Markkleeberger Freunde. Die beiden Jungen sollen nach Pristina ziehen, dort fallen sie weniger auf und haben vielleicht die M\u00f6glichkeit eine Arbeit zu finden oder einen Ausbildungsplatz. Zweihundertf\u00fcnfzig Euro \u00fcberweisen die Freunde und die Familie gemeinsam jeden Monat nach Pristina.<\/p>\n<p><strong>O-Ton Buletin:<\/strong><\/p>\n<p>Die Miete haben wir 180 \u20ac und wir pers\u00f6nlich verbrauchen 70 Euro monatlich haben wir. Und dann kommt noch Stromrechnung und andere. Und das m\u00fcssen wir essen, von diesen 70 Euro. Wir beide, ich und mein Bruder sozusagen.<\/p>\n<p>Einen Euro am Tag?<\/p>\n<p>Ja kann man so sagen.<\/p>\n<p>Und was kauft ihr von dem einen Euro?<\/p>\n<p>Wir kaufen Brot oder Makkaroni, Spaghetti, da kostet eine T\u00fcte so 50 Cent. Reis. Mit diesen M\u00f6glichkeiten sind wird da, sozusagen.<\/p>\n<p><strong>O-Ton Agim:<\/strong><\/p>\n<p>Und f\u00e4llt es auch schwer, von jemanden Geld zu erwarten. Aber wir k\u00f6nnen uns nur ganz herzlich bedanken. Ich wei\u00df nicht wie ohne die wir unser Leben weitergef\u00fchrt h\u00e4tten. Wie es gewesen w\u00e4re ohne diese Unterst\u00fctzung von denen, weil eigentlich halten die uns am Leben. Wer soll sonst uns am Leben halten, wenn wir nichts zu essen h\u00e4tten und kein Dach \u00fcberm Kopf. Nur tausend Mal Dank. (Uhr)<\/p>\n<p><strong>O-Ton Opa:<\/strong><\/p>\n<p><strong>(albanisch)<\/strong><\/p>\n<p><strong> <\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00dcbersetzer:<\/strong><\/p>\n<p>Ohne diese Hilfe w\u00fcrden die beiden vor Armut umkommen. Vielen herzlichen Dank ! Wenn es diese Hilfe nicht g\u00e4be, w\u00e4ren die beiden in einer sehr schwierigen Situation. Wenn ich k\u00f6nnte, w\u00fcrde ich selbst f\u00fcr sie sorgen. Aber wie? Meine S\u00f6hne suchen den ganzen Tag Arbeit. Wir ein Arbeiter f\u00fcr einen Tag f\u00fcr 10 Euro gesucht, dann gegen 100 Bewerber hin.<\/p>\n<p>Ich bedanke mich bei den Deutschen f\u00fcr ihre Hilfe.<\/p>\n<p>M\u00f6ge Gott sie sch\u00fctzen.<\/p>\n<p><strong>O-Ton Agim:<\/strong><\/p>\n<p>Am Ende des Monats werden wir angerufen und dann eine Nummer \u00fcbergeben und dann holen wir das Geld \u00fcber Western Union ab.<\/p>\n<p>Was viele nicht glauben, dass wir Unterst\u00fctzung von den Deutschen bekommen, die glauben nicht dran. Weil die denken, wir verarschen die. Ich glaube, wir sind etwas Spezielles. Das man uns unterst\u00fctzt.<\/p>\n<p><strong>Sprecherin:<\/strong><\/p>\n<p>\u00dcberall in Pristina leuchten die gelben Schilder der Western Unio Banken. Es ist alles nur eine Frage der \u00dcberweisungsgeb\u00fchr. Es gibt weder Arbeitslosengeld noch Sozialhilfe und so h\u00e4ngen bei einer offiziellen Arbeitslosigkeit von \u00fcber 70 Prozent viele Kosovo-Albaner am Tropf ihrer im Ausland arbeitenden Verwandten. Dass deutsche Nachbarn zwei abgeschobene Jungen unterst\u00fctzen halten alle f\u00fcr ein M\u00e4rchen.<\/p>\n<p><strong>O-Ton Agim:<\/strong><\/p>\n<p>Die waren \u00fcberrascht, wie man unsere Familie behandelt hat und versucht hat, alles in die Wege zu leiten, das die dort bleiben, wie man uns unterst\u00fctzt hat, angerufen hat und die haben immer gedacht, dass wir denen was falsches erz\u00e4hlen, wo wir die Wahrheit gesagt haben. Die dachten nicht, dass die Deutschen so herzlich sind und so. Weil jeder nicht so was erlebt wie wir. Die sagten, was habt ihr mit den Deutschen gemacht, dass die euch so m\u00f6gen und so was.<\/p>\n<p><strong>O-Ton Buletin:<\/strong><\/p>\n<p>Und so wollen wir eigentlich nicht leben. Wir wollen eigenes Geld, eigenes Leben, eigene M\u00f6glichkeiten haben. F\u00fcr uns ist das auch schwer. Wir m\u00f6chten das so nicht weitermachen. Wir m\u00f6chten eine eigene Zukunft haben, eine eigene Vision, eine eigene Vorstellung.<\/p>\n<p><strong>Sprecherin:<\/strong><\/p>\n<p>Wir wollen es nicht glauben, dass es in einem Land, das sich mitten in seinem Wiederaufbau befindet, keine Arbeit gibt. Vor unserer Reise haben wir uns im Internet Prospekte angesehen. Eingliederungsprogramme f\u00fcr R\u00fcckkehrer. Der Direktor der &#8230; empf\u00e4ngt uns pers\u00f6nlich.<\/p>\n<p><strong>Atmo: O-Ton als Atmo nehmen<\/strong><\/p>\n<p>Die AGEFist eine Organisation mit dem Sitz in Berlin, mit den Projekten, die ein Ziel haben: die Integration mit Leuten, die in Deutschland eine Zeit gewesen sind und die wieder zur\u00fcckkehren in ihre Heimat. Seit 7 Jahrenbin ich hier t\u00e4tig im Projekt: Job f\u00fcr Kosova<\/p>\n<p>Wir haben versucht, die Leute wirtschaftlich zu integrieren, Das Projekt ist f\u00fcr 600 Kosovaren erfolgreich abgeschlossen. Die Vermittlung einer Fachkraft ist direkter Beitrag zur Entwicklung eines Unternehmens. Und ein Positiver Beitrag zu dem Frieden.<\/p>\n<p><strong>Sprecherin:<\/strong><\/p>\n<p>\u00dcber uns ergie\u00dft sich ein Vortrag. Zahlen und Erfolge. Doch als wir noch einmal nachfragen, merken wir, dass die Betonung auf: \u201eAbgeschlossen&#8220; liegt. Im Moment ruhen alle F\u00f6rderprogramme und der Direktor verwaltet seine leeren Unterrichtsr\u00e4ume.<\/p>\n<p><strong>ngg_shortcode_4_placeholderO-Ton Direktor:<\/strong><\/p>\n<p>Ich will nicht l\u00fcgen. Abgeschoben &#8211; das ist komplizierte Gruppe. Es ist nicht viel von diesem Fall zu erwarten. Es ist ein sehr hei\u00dfes Thema. Ein sehr schwieriges Thema. Weil die Gesellschaft in Kosova ist nicht in der Lage etwas anzubieten.<\/p>\n<p><strong>Sprecherin:<\/strong><\/p>\n<p>Wir fahren weiter &#8211; zwei Stunden mit dem Bus von Pristina nach Prisrin. Dort sind die deutschen KFOR-Truppen stationiert und auch die CIMIK &#8211; (was hei\u00dft das genau) &#8211;<\/p>\n<p>Der leitende Offizier l\u00e4dt uns ein zu Kaffee und Kuchen. Auch hier wird uns zuerst ein Vortrag gehalten, \u00fcber Hilfsprojekte, Wasseraufbereitungsanlagen, Schulneubauten. Doch auch bei der Cimik fallen unsere beiden Jungen durch das \u201eHilfs-raster&#8220;. Keine Arbeit keine Ausbildung.<\/p>\n<p><strong>O-Ton Cimik Offizier:<\/strong><\/p>\n<p>Es ist unverantwortlich, dass die deutschen Beh\u00f6rden immer noch Fl\u00fcchtlinge abschieben. Sie sagen ihnen geht zur Cimik, die helfen euch. Manche sagen auch, meldet euch am Flughafen. Und dann stehen sie vor unserer T\u00fcr. Wir k\u00f6nnen ihnen vielleicht eine Matratze geben, aber weder eine Arbeit noch eine Wohnung.<\/p>\n<p><strong>O-Ton Gisela Kallenbach:<\/strong><\/p>\n<p>Ich glaube, da mach sich in Deutschland in der abschiebenden Beh\u00f6rde niemand Gedanken, was das hei\u00dft, wenn die Menschen dort zur\u00fcckkommen. Wie gesagt, wenn sie dort nicht famili\u00e4re Strukturen haben (&#8230;) und nur \u00fcber solche Beziehungen k\u00f6nnen die Menschen ein Dach \u00fcber den Kopf finden. Es gibt nicht Unterbringungsm\u00f6glichkeiten. Im Prinzip musste man davon ausgehen, dass die Menschen obdachlos sind und das hat garantiert etliche betroffen. H\u00e4user worden ja auch nicht von internationalen Organisationen wiederaufgebauctnb auf den Verdacht hin, dass da jemand kommt. Sondern Grundvoraussetzung war immer, dass die Familie vor Ort ist.<\/p>\n<p><strong>Sprecherin:<\/strong><\/p>\n<p>Gisela Kallenbach. Abgeordente im Europ\u00e4ischen Parlament und zwei Jahre lang Internationale B\u00fcrgermeisterin in (Pea Pec ). Dort hat sie hat kommunale Strukturen aufgebaut. Kleine Schritte in Richtung Selbst\u00e4ndigkeit. Denn eines darf man bei allen Schwierigkeiten nicht \u00fcbersehen: die Selbstverst\u00e4ndlichkeit der internationalen Hilfe.<\/p>\n<p>Eine Arbeit f\u00fcr Agim und Buletin kann allerdings auch Gisela Kallenbach nicht vermitteln.<\/p>\n<p><strong>O-Ton Buletin:<\/strong><\/p>\n<p>Wir haben nichts gefunden, weil wir keine Leute kannten, wo wir waren, man hat uns gesagt, ja lasst die Nummer da, wir rufen euch an, in B\u00fcros, in Situationen, ich habe \u00fcberall in den B\u00fcros Nummern gelassen, keiner hat sich gek\u00fcmmert. Keiner hat mich angerufen, niemand. Bin ich wieder hingegangen, man hat gesagt, ja, gibt nichts, keine Anfragungen, nichts.<\/p>\n<p>Ich sage, bitte, ich m\u00f6chte was machen. Sagen ja lass die Nummer da, stell dich vor. Ich habe mich vorgestellt, ich habe alles gemacht, nee, das gibt&#8217;s nicht.<\/p>\n<p><strong>O-Ton Agim:<\/strong><\/p>\n<p>Ich habe versucht in verschiedenen M\u00e4rkten, auch in Restaurants als Kellner oder irgendetwas zu shoppen, aber die sagen, tut mir leid, keine Arbeit. Wir haben genug Leute, die wir auch nicht bezahlen k\u00f6nnen. Und hier geht auch viel mit Bekanntschaft. Jeder nimmt seine eigenen. Es ist ja wenig Arbeit hier und jeder versucht, seinen eigenen Arbeit zu geben, als jemanden denen er gar nicht kennt. So wie uns.<\/p>\n<p><strong>Sprecherin:<\/strong><\/p>\n<p>Es scheint als g\u00e4be es im Kosovo keine Wirtschaftsstruktur, sondern nur eine Familienstruktur. Das Hotel in dem wir wohnen wird von Tanten, Onkeln, Nichten und Neffen bewirtschaftet. Die Familien leben gemeinsam auf engsten Raum. Offizielle Arbeitsstellen gibt es wenige, die L\u00f6hne, &#8211; falls sie gezahlt werden &#8211; sind niedrig. Eine Krankenschwester verdient 200 Euro, ein Automechaniker h\u00f6chstens 250 Euro. Die Lebensmittelpreise in den Superm\u00e4rkten sind vergleichbar mit unseren Preisen. Der Liter Benzin kostet einen Euro und ist mit viel Gl\u00fcck nicht mit Wasser verpanscht. Die Wohnung die Agim und Buletin gemietet haben kostet 180 Euro, wobei im Winter nur ein Zimmer bewohnbar ist: Ein acht Quadratmeter kleiner fensterloser Raum. Zwei Sofas ein kleiner Tisch. Dort stapeln sich deutsche Zeitschriften.<\/p>\n<p><strong>O-Ton Agim:<\/strong><\/p>\n<p>Nur deutsches Fernsehen schauen wir. Nachrichten schon einmal am Tag schauen wir. Ob irgendetwas passiert ist. Versuchen auf den neusten Stand zu kommen, wenn es geht. Aber nie albanisches Fernsehen. Nur deutsches Fernsehen. RTL, PRO 7, arte, ZDF, was da kommt. Oder Sport, deutsche Nachrichten versuche ich einmal am Tag zu h\u00f6ren, wenn es geht. Zu sehen was auf der Welt geschieht. Mu\u00df sein f\u00fcr mich.<\/p>\n<p><strong>Sprecherin:<\/strong><\/p>\n<p>Im Winter wird es schwierig. Dann leben die beiden in dem kleinen fensterlosen Raum, der wenigstens eine Zeitlang die W\u00e4rme h\u00e4lt. Ohne Fernseher, ohne Heizung, ohne Licht.<\/p>\n<p><strong> <\/strong><\/p>\n<p><strong>O-Ton Buletin:<\/strong><\/p>\n<p>Was macht ihr wenn es dunkel ist?<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen uns zudecken und eine warme Jacke anziehen und warten, bis wieder Strom da. Mit Kerzen was lesen versuchen. Ja. Zwei, drei Kerzen, so machen und was lesen. Stern und Spiegel so was.<\/p>\n<p><strong>Sprecherin:<\/strong><\/p>\n<p>Sie lesen deutsche Zeitschriften, sehen deutsche Fernsehprogramme und warten auf etwas, dass nach deutschen Gesetzen unm\u00f6glich ist. Doch der Anwalt Stefan Costabel gibt nicht auf.<\/p>\n<p><strong>O-Ton Stefan Costabel:<\/strong><\/p>\n<p>Wenn man es ganz formalistisch sehen w\u00fcrde, w\u00e4re das so. Weil, wie gesagt, wer abgeschoben worden ist, der darf eigentlich die Bundesrepublik nie wieder betreten, weil das eine Zwangsma\u00dfnahme gewesen ist und die auch mit Sanktionen behaftet sind, n\u00e4mlich das eben-nicht-wieder-Betreten-d\u00fcrfen. Das Problem ist, dass diese Kinder eben halt vollj\u00e4hrig sind und aus diesem Alter heraus sind, so dass hier ein Familiennachzug wahrscheinlich nicht klappen wird. Es gibt aber allerdings aus humanit\u00e4ren Gr\u00fcnden &#8211; ich hoffe da auf die Unterst\u00fctzung aus der Politik &#8211;<\/p>\n<p><strong>O-Ton Gisela Kallenbach:<\/strong><\/p>\n<p>Ich pers\u00f6nlich empfinde es als Skandal, dass man eine Familie auseinanderrei\u00dft, auch wenn die beiden Jungs \u00fcber 18 sind. Auch 18 j\u00e4hrige brauchen Familie, brauchen die Eltern und Geschwister. Im Moment gibt es sehr wenige Ausbildungspl\u00e4tze und eine erschreckend hohe Arbeitslosigkeit, ich sehe gar keine Chancen, dass die Jungs einen wirklichen Arbeitsplatz finden und deswegen ich kann es nicht nachvollziehen und empfinde es sehr inhuman, dass in meinem Deutschland so was passiert. Daher kann ich nur hoffen, dass die gesetzlichen M\u00f6glichkeiten ausgereizt werden.<\/p>\n<p><strong>Sprecherin:<\/strong><\/p>\n<p>Aber &#8211; und das erscheint unfassbar &#8211; bevor Agim und Buletin Bajrami \u00fcberhaupt einen Antrag auf Wiedereinreise nach Deutschland stellen k\u00f6nnen, m\u00fcssen sie die Kosten f\u00fcr ihre Abschiebung bezahlen. Den Polizeieinsatz, den Transport zum Flughafen in einer Zelle im Polizeibus, den Flug mit gefesselten H\u00e4nden. Zusammen: \u00fcber 2500,&#8211;Euro.<\/p>\n<p><strong>O-Ton Stefan Costabel:<\/strong><\/p>\n<p>In Rechnung gestellt worden sind es den beiden Agim und Buletin indirekt, damit direkt der Familie und insbesondere nat\u00fcrlich dem Unterst\u00fctzer, &#8230;Rat, der B\u00fcrgerinitiative, die haben nat\u00fcrlich das bezahlt.<\/p>\n<p><strong>Sprecherin:<\/strong><\/p>\n<p>Die Markkleeberger, die immer im Hintergrund bleiben. Sie sind es auch, die den beiden Jungs in Pristina, die Geb\u00fchr f\u00fcr die Bibliotheksbenutzung bezahlen. Dort ist es im Winter warm, es gibt Computer und die beiden finden wenigstens f\u00fcr einige Stunden am Tag einen Sinn in ihrem Leben.<\/p>\n<p><strong>O-Ton Agim:<\/strong><\/p>\n<p>Man geht in die Bibliothek, aber immer noch bei mir ist es so, ich komme immer schnell weg vom Text, vom Thema und so. Weil meine Gedanken immer wieder nach Deutschland gehen, wie wir abgeschoben wurden. Ich zeige das nicht gegen\u00fcber meinem Bruder. Ich will nicht, dass er auch traurig ist. Ich fresse das in mir innerlich. Versuche es selber zu verarbeiten. Meine Gedanken gehen immer nach dort, wie es sein k\u00f6nnte, wenn das nicht passiert w\u00e4re. Wie das Leben dort weiter gewesen w\u00e4re oder so.<\/p>\n<p>Wie schlimm, das. Wo man uns abgeschoben hat. Warum das geschehen wurde. Versucht man eine Erkl\u00e4rung zu finden. Aber man findet ja keine.<\/p>\n<p><strong>O-Ton Buletin:<\/strong><\/p>\n<p>Wie verkraftet Agim die Situation?<\/p>\n<p>Stress sozusagen Alle beide sehr Stress. (Uhr) man kommt nicht klar sozusagen (Uhr tickt)<\/p>\n<p>Besch\u00fctzt Du ihn manchmal?<\/p>\n<p>Ja. (Uhr tickt)<\/p>\n<p>Ich wei\u00df nicht.<\/p>\n<p>Wer ist der St\u00e4rkere von euch? (Uhr tickt)<\/p>\n<p>Bei mir kommen Emotionen immer wieder hoch.<\/p>\n<p>Was sind das f\u00fcr Emotionen.<\/p>\n<p>Tiefere, ich wei\u00df nicht, ich f\u00fchl mich&#8230; sehr schwach<\/p>\n<p>Redest du mit Agim?<\/p>\n<p>Nicht so? Ich rede nicht gerne dar\u00fcber sozusagen. (Pause) Weil er auch sehr schwach ist.<\/p>\n<p>Du bist doch eigentlich lustiger Mensch?<\/p>\n<p>Ich versuche den Stress (weint) wegzunehmen. Ich versuche immer den Stress so wegzunehmen. (weint)<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte nicht, dass ich heule, aber es kommt einfach so. Ich wei\u00df nicht warum. Ich muss mir Luft irgendwie verschaffen.<\/p>\n<p>(weint)<\/p>\n<p>Man hat mir das Leben weggenommen. Das ist das was mich so traurig macht.<\/p>\n<p>Die ganze Situation.<\/p>\n<p>Habt ihr ein festes Programm?<\/p>\n<p>Ne, ist durcheinander. Man geht manchmal spazieren. Man wei\u00df nicht, wie es weitergeht und das ist das.<\/p>\n<p><strong>O-Ton Agim:<\/strong><\/p>\n<p>Was macht ihr den ganzen Tag?<\/p>\n<p>Pfuuu. Man hat keinen Plan im Leben. Man steht auf, wenn man Hunger hat, normal essen. Wir haben auch kein Essensprogramm, nur wenn man Hunger hat versucht man das, das und das zu essen, weil so billig es geht irgendwie. Und gehen wir raus mal da mal da.<\/p>\n<p><em>Was motiviert euch trotzdem?<\/em><\/p>\n<p>Hoffnung nach Deutschland zu kommen. Ich hoffe, dass ich da so schnell wie m\u00f6glich kommen kann. Ich sehe hier keine Zukunft f\u00fcr meinen Bruder auch nicht, f\u00fcr niemanden unserer Familie. Und ich hoffe auch, dass ich auch r\u00fcber kommen kann und dort mein Leben f\u00fchren kann normal.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&gt;&gt;englische Fassung Ansage: Die Macht der B\u00fcrokratie Die Abschiebung der Familie Bajrami Feature von Kathrin Aehnlich und Ingo Colbow O-Ton Agim: Wo mein Bruder in das Zimmer kam, ich sa\u00df da allein, habe ferngesehen und sagte, die Polizei, ich dachte, er macht Sp\u00e4\u00dfe. 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