{"id":65,"date":"2008-07-25T19:17:39","date_gmt":"2008-07-25T17:17:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kathrinaehnlich.com\/kat\/?page_id=65"},"modified":"2018-08-25T08:50:53","modified_gmt":"2018-08-25T06:50:53","slug":"der-leipziger-beataufstand","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/www.kathrinaehnlich.com\/kat\/feature\/der-leipziger-beataufstand\/","title":{"rendered":"Der Leipziger Beataufstand"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.kathrinaehnlich.com\/kat\/wp-content\/uploads\/2008\/07\/renft1.mp3\">Originalton Klaus Renft (Auszug)<\/a><\/p>\n<p><strong>O-Ton Gerhard P\u00f6tzsch:<\/strong><\/p>\n<p>Ich erinnere noch, da war das ber\u00fchmte Fu\u00dfballspiel DDR-\u00d6sterreich, das war an einem Wochenende und da gab es damals das Verbot der Butlers.<\/p>\n<p><strong>O-Ton Klaus Renft:<\/strong><\/p>\n<p>Wir haben immer mit den Leipziger Beh\u00f6rden unsere K\u00e4mpfe gehabt. Man wollte von vornherein versuchen, die Butlers tot zu stellen. Ich wei\u00df nicht, ob ich mehr Musik gemacht habe oder mehr verboten war. 47 Jahre auf der B\u00fchne und ich glaube, die H\u00e4lfte davon war ich bestimmt verboten.<\/p>\n<p><strong>O-Ton Gerhard P\u00f6tzsch:<\/strong><\/p>\n<p>Da wurden an Schulen Zettel verteilt und alle munkelten hinter vorgehaltener Hand alle sammeln sich auf dem Leuschnerplatz, um zu demonstrieren.<\/p>\n<p><strong>Ansage:<\/strong><\/p>\n<p>Der Leipziger Beataufstand<\/p>\n<p>Der Polizeieinsatz auf dem Leuschner-Platz am 31.Oktober 1965<\/p>\n<p>Feature von Kathrin Aehnlich<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Zitator:<\/strong><\/p>\n<p>Volkspolizeikreisamt Leipzig 26.10.1965<\/p>\n<p>Sachstandsbericht<\/p>\n<p>Am 25.10.1965 wurden durch unbekannte T\u00e4ter in den Abendstunden im Stadtgebiet Leipzig Handzettel mit einen Aufruf an Beatfreunde verteilt.<\/p>\n<p>Die Handzettel haben die Gr\u00f6\u00dfe von DIN A 5. Bedruckt mit Druckbaukasten-Buchstaben.<\/p>\n<p>Es handelt sich um den Fabrikationstyp:<\/p>\n<p>-Stempelkasten Famos 502 I.Form &#8211; Produktion seit 1.1.1964<\/p>\n<p>-Stempelkasten Famos 504 I.und II.Form &#8211; Produktion seit 2.1.1964<\/p>\n<p><strong>Sprecherin: <\/strong><\/p>\n<p>Der Stempelkasten \u201eFamos&#8220; ist ein beliebtes Kinderspielzeug in der DDR. Winzige Gummibuchstaben, die in eine Metallschiene gesteckt werden. Zeile f\u00fcr Zeile.<\/p>\n<p>Doch was Grundsch\u00fclern zum Schreiben und Lesenlernen dienen soll, erweist sich pl\u00f6tzlich als eine Vervielf\u00e4ltigungsm\u00f6glichkeit. &#8211; Und das in einem Land, in dem alle Druck- und Kopierger\u00e4te registriert sind.<\/p>\n<p>Die Flugbl\u00e4tter kleben an Stra\u00dfenlaternen, an Litfasss\u00e4ulen, an Wartenh\u00e4uschen. Sie liegen auf St\u00fchlen in Gastst\u00e4tten oder einfach nur am Stra\u00dfenrand.<\/p>\n<p><strong>Zitator:<\/strong><\/p>\n<p>Beat-Freunde!<\/p>\n<p>Wir finden uns am Sonntag, den 31.10.65<\/p>\n<p>10 Uhr-Leuschnerplatz<\/p>\n<p>zum Protestmarsch ein<\/p>\n<p><strong>Sprecherin:<\/strong><\/p>\n<p>Der Grund f\u00fcr den \u201eUnmut&#8220; der Leipziger Beat-Freunde ist das durch die SED Bezirksleitung pl\u00f6tzlich festgelegte Auftrittsverbot von 44 Gitarrenbands. Darunter die Lieblingsgruppe der Leipziger: <strong>The <\/strong>Butlers.<\/p>\n<p>Die Butlers: Klaus Renft, Dieter Schmidt, Joachim Richter und Bernd Reiher &#8211; haben Anfang 1964 ihren ersten Auftritt. Sie spielen vor allem Titel, die sie sich aus dem West-Radio \u201eheruntergeh\u00f6rt&#8220; haben: Von <strong>The<\/strong> Beatles, Deep Purple und <strong>The<\/strong> Rolling Stones.<\/p>\n<p><strong>O-Ton P\u00f6tzsch:<\/strong><\/p>\n<p>Und wenn die Konzerte dann zu Ende waren, dann waren alle euphorisch, es war eine riesige Stimmung. Und es wurde sich verabschiedet und man fiel sich da um den Hals, es war die beginnende Zeit von Flower-Power, alles Liebe, alles Freude, alles Br\u00fcder und Schwestern.<\/p>\n<p><strong>Sprecherin:<\/strong><\/p>\n<p>Die Genossen der Abteilung Kultur des Rates der Stadt Leipzig k\u00f6nnen die Euphorie des Sch\u00fclers Gerhard P\u00f6tzsch nicht teilen &#8211; und sprechen der Band am 21.Oktober 1965 ein unbefristetes Spielverbot aus.<\/p>\n<p><strong>Zitator:<\/strong><\/p>\n<p>Begr\u00fcndung:<\/p>\n<p>W\u00e4hrend tausende junge Menschen unserer Stadt in der Volkskunstbewegung Freude, Erholung, Bildung und \u00e4sthetische Befriedigung suchen und finden, m\u00fcssen wir feststellen, dass Ihre Gitarrengruppe der sozialistischen Laienkunstbewegung Schaden zuf\u00fcgt. Das Auftreten der Kapelle steht im Widerspruch zu unseren moralischen und ethischen Prinzipien.<\/p>\n<p><strong>Sprecherin:<\/strong><\/p>\n<p>Nur kurze Zeit scheint alles seinen sozialistischen Gang zu gehen. Schon vier Tage sp\u00e4ter, am 25.Oktober, tauchen in Leipzig die ersten Flugbl\u00e4tter auf.<\/p>\n<p>Akribisch dokumentiert die Polizei und die Staatssicherheit jeden gefundenen Zettel.<\/p>\n<p><strong>Zitator:<\/strong><\/p>\n<p>Anlage zum Tagesrapport 268\/65<\/p>\n<p>Betrifft: Vorbereitung zum Landfriedensbruch und Verbreitung von Handzetteln<\/p>\n<p>Nachfolgende Fundorte wurden bekannt: (Stichzeit 26.10.1965 02.30 Uhr)<\/p>\n<p>\u201eStra\u00dfe der DSF &#8211; Warteh\u00e4uschen LVB St.Georg &#8211; 1 geklebt<\/p>\n<p>Stra\u00dfe der DSF &#8211; Hinweisschild N\u00e4he St.Georg &#8211; 1 geklebt<\/p>\n<p>Chausseehaus &#8211; 1 verstreut<\/p>\n<p>Eutritzscherstra\u00dfe -Lichtmasten und Stadtbad &#8211; 3 geklebt<\/p>\n<p>Petersstra\u00dfe &#8211; vor HO Warenhaus -3 verstreut<\/p>\n<p>Hauptbahnhof &#8211; auf s\u00fcdlicher Fahrbahn &#8211; 1 verstreut<\/p>\n<p><strong>Sprecherin:<\/strong><\/p>\n<p>\u00dcber einhundert Volkspolizisten sind im Einsatz. Jedes Detail wird hinterfragt: L\u00e4sst das h\u00e4ufige Auffinden der Zettel am rechten Stra\u00dfenrand auf eine Verteilung aus einem Auto heraus schlie\u00dfen?<\/p>\n<p>In einem Operativen Ma\u00dfnahmeplan zur Kriminalakte \u201aBeat&#8216; wird \u201e<em>eine Aufstellung aller PKW-Besitzer welche bisher Beat-Veranstaltungen mittels Fahrzeug aufgesucht haben<\/em>&#8220; gefordert. Die Zuarbeit liefern die Genossen der Staatssicherheit, die \u201evorausschauend&#8220; seit Jahren alle Kennzeichen erfasst haben.<\/p>\n<p>Schwerpunkt der Ermittlungen ist Gastst\u00e4tte \u201eHaus Wiederitzsch&#8220;. Dort wurde das erste Flugblatt gefunden.<\/p>\n<p><strong>Zitator:<\/strong><\/p>\n<p>Betrifft: Ermittlungen im \u201eHaus Wiedritzsch&#8220; am 27.10.1965<\/p>\n<p>Mit dem Gastst\u00e4ttenleiter wurde am heutigen Tage in vorliegender Sache eine Aussprache gef\u00fchrt, wobei ihm deutlich gemacht wurde, dass er als Gastst\u00e4ttenleiter verpflichtet ist derartige Vorkommnisse aufzukl\u00e4ren, um Ruhe und Ordnung zu garantieren, und ansonsten gepr\u00fcft werden mu\u00df, ob er f\u00fcr seine T\u00e4tigkeit geeignet ist.<\/p>\n<p><strong>Sprecherin:<\/strong><\/p>\n<p>Wer befand sich kurz vor dem Auffinden des Flugblattes in der Gastst\u00e4tte. Was wurde gegessen, was wurde getrunken, welche Gr\u00f6\u00dfe hatte der Geldschein mit dem bezahlt wurde. Die Stammg\u00e4ste und der Kellner liefern detaillierte Personenbeschreibungen:<\/p>\n<p><strong>Ziator:<\/strong><\/p>\n<p>&#8230;vier Jugendliche die ihm nicht bekannt waren, jedoch durchaus Lehrlinge aus dem HVW(Holzverarbeitungswerk) &#8211; Wiederitzsch gewesen sein k\u00f6nnten, h\u00e4tten sich in der N\u00e4he des Ofens, auf der linken Seite des Lokals befunden. Rechts in der Ecke, am Eingang sa\u00dfen 3 Jugendliche, die ihm jedoch ebenfalls nicht namentlich bekannt waren.<\/p>\n<p>Und am Fundort zwei ihm v\u00f6llig unbekannte, gut aussehende M\u00e4nner. Es habe sich dabei um einen gro\u00dfen blonden &#8211; gelocktes Haar &#8211; gehandelt. (ca. 185 cm gro\u00df, schlank, ca. 30 Jahre alt, bekleidet mit modernen grauen Mantel und vermutlich braunem Reiselord)&#8230;.<\/p>\n<p><strong>Sprecherin:<\/strong><\/p>\n<p>Neben der Suche nach den unbekannten Jugendlichen besch\u00e4ftigt die Polizei vor allem die Frage: Woher bezogen die T\u00e4ter in der rohstoffarmen DDR das Papier zum Druck der Flugbl\u00e4tter.<\/p>\n<p><strong>Zitator:<\/strong><\/p>\n<p>Leipzig 28.10.1965<\/p>\n<p>Betrifft: Ermittlungen im Druckhaus \u201eEinheit&#8220; zu den Hetzzettelfunden<\/p>\n<p>Genosse X, Leiter des Materiallagers und Kollege Y Arbeiter im Materiallager, beides gelernte Papierfachleute geben zur Qualit\u00e4tsbestimmung folgendes an:<\/p>\n<p>Es handelt sich offensichtlich um Importpapier vermutlich aus der Sowjetunion oder aus Jugoslawien. Das Gewicht pro Quadtratmeter betr\u00e4gt 70 g. Es ist vollkommen Holzfrei und weist eine au\u00dferordentlich gute Qualit\u00e4t auf. Auf Grund der Struktur des Papiers sagten sie mit Bestimmtheit, dass es in keinem Betrieb der DDR hergestellt wurde.<\/p>\n<p>Bei der Unterredung mit der Genn.Z. brachte sie zum Ausdruck, dass eine Genossin aus dem Druckhaus Einheit am 25.10.65 gegen 18.45 Uhr auf der Bank am Erich-Weinert-Platz einen gleichen Hetzzettel gefunden hat. Derselbe war mit Leim auf der Bank aufgeklebt. Der Zettel war vom Leim noch feucht.(&#8230;) Genn.Z. hat den Zettel am 26.10.65 an die Abteilung Sicherheit der SED Bezirksleitung gegeben.<\/p>\n<p><strong>Sprecherin:<\/strong><\/p>\n<p>Die meisten Flugbl\u00e4tter werden \u201ebrav&#8220; bei Parteileitung, Staatssicherheit oder Polizei abgegeben. Auf der Suche nach \u201eAbtr\u00fcnigen&#8220; observieren Kriminalbeamte in Zivil die Stadt Leipzig. Jugendliche, die sie bei einer \u00f6ffentlichen \u00c4u\u00dferung \u00fcber das Beatverbot ertappen werden zum Revier gebracht und verh\u00f6rt.<\/p>\n<p><strong>Zitator:<\/strong><\/p>\n<p>Leipzig 29.10.1965<\/p>\n<p>Protokoll<\/p>\n<p>Betrifft Zuf\u00fchrung der Sch\u00fcler XY wegen beabsichtigter Zusammenrottung der Beatgruppen<\/p>\n<p>Sachverhalt:<\/p>\n<p>Am 29.101965 gegen 13.30 Uhr stiegen beide genannte Sch\u00fcler an der Stra\u00dfenbahnhaltestelle Friedrich-Ebert-Str. Ecke K\u00e4the-Kollwitz-Str. in die Linie 5 in Richtung Wilhelm-Leuschner Platz ein. In der Stra\u00dfenbahn unterhielten sie sich \u00fcber eine geplante Demonstration.<\/p>\n<p>Beide Sch\u00fcler wurden an der Haltestelle Karl-Tauchnitz-Br\u00fccke aufgefordert die Stra\u00dfenbahn zu verlassen. Danach wurden sie zum VPKA zugef\u00fchrt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Sprecherin:<\/strong><\/p>\n<p>Woher wussten sie von der geplanten Demonstration? Wer hat Wann mit ihnen dar\u00fcber gesprochen? Schulische Leistungen, Freizeitverhalten, Musikgeschmack; alles wird bis ins Detail im Protokoll festgehalten. Auch die nicht immer freiwillige Reue:<\/p>\n<p><strong>Zitator:<\/strong><\/p>\n<p>Befragungsprotokoll vom 29.101965<\/p>\n<p>Nach den jetzigen Darlegungen habe ich erkannt, dass es ein Fehler w\u00e4re an dieser Demonstration teilzunehmen. (&#8230;) Ich werde morgen an unserer Schule bzw. Klasse diesen Standpunkt darlegen und verlangen, dass keiner an dieser Demonstration teilnimmt. Ich werde auch unseren Klassenleiter Herrn X davon unterrichten, dass er dieses Problem nochmals anspricht, wo ich ihn unterst\u00fctzen werde.&#8220;<\/p>\n<p><strong>O-Ton P\u00f6tzsch:<\/strong><\/p>\n<p>Die Lehrer und der Direktor in der Schule, wei\u00df ich noch genau, der kam da rein und sagte: Geht da ja nicht hin, dass ist eine Geschichte, die befindet sich au\u00dferhalb von dem, was man in einer sozialistischen Gesellschaft machen kann. Und das war f\u00fcr uns h\u00f6chst interessant, war ziemlich bescheuert, dass die das so aufgef\u00e4delt haben, weil da hat man als 15-16j\u00e4hriger, das findet man ja spannend.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Sprecherin:<\/strong><\/p>\n<p>Auf diese Weise wird die Ank\u00fcndigung der geplanten Beatdemonstration in die Schulen getragen. Und wie im Falle des Sch\u00fclers Gerhard P\u00f6tzsch erfahren so alle Musikfreunde Zeitpunkt und Ort der Aktion. Glauben die Lehrer wirklich, ihre Warnungen w\u00fcrden ernst genommen? Ist es Ahnungslosigkeit, Berechnung oder einfach nur \u00dcbersch\u00e4tzung der eigenen Macht?<\/p>\n<p><strong>O-Ton P\u00f6tzsch:<\/strong><\/p>\n<p>Uns wurde noch einmal mitgeteilt, was das eigentlich war und das die Leute, die Bands, um die es da ging dekadente westliche Einfl\u00fcsse in unsere reine sozialistische Gesellschaft tragen, dass es m\u00f6glicherweise vom Klassenfeind gelenkt worden ist und man sich tunlichst enthalten soll.<\/p>\n<p>So richtig hat das keiner ernst genommen, f\u00fcr uns waren das Leute die eine Musik spielten, die uns nicht zuletzt durch diese Reaktion auf diese Andersartigkeit sehr interessiert hat.<\/p>\n<p>Also da muss ich sagen, dass gerade bei dieser Band mich das Ma\u00df an Ehrlichkeit fasziniert hat. Im Gegensatz zu vielen anderen, die sich dann sehr angepasst haben ist diese Band f\u00fcr mich authentisch geblieben. Es gab wahnsinnig viel Ehrlichkeit so von der Grundhaltung her. Und das war etwas, was ich denen geglaubt habe. Also f\u00fcr mich waren das Idole.<\/p>\n<p><strong>O-Ton Klaus Renft:<\/strong><\/p>\n<p>Das Publikum war dankbar f\u00fcr die Atmosph\u00e4re, die r\u00fcber kam. Diese Rock&#8217;n roll Musik war ja ein Lebensgef\u00fchl. Deshalb hatten ja auch die Genossen Angst davor, dass sie das nicht richtig unter Kontrolle kriegten. Wenn wir zum Jugendtanz gespielt haben, dann war die ganze DDR mit ihrer FDJ vergessen. Das war ein St\u00fcck Freiheit. Wenigstens f\u00fcr diese paar Stunden. Man war weitgehend unter sich.<\/p>\n<p><strong>Zitator:<\/strong><\/p>\n<p>Leipzig, den 9.9.1965<\/p>\n<p>Volkspolizeikreisamt<\/p>\n<p>Sachstandsbericht<\/p>\n<p>Ca.Juni 1964 erfolgte die Gr\u00fcndung der Laienkapelle \u201eThe Butlers&#8220; Die Kapelle besteht aus 4 Personen. Der Aufbau und die Spielweise der Kapelle erfolgte nach dem Vorbild der engl. Kapelle \u201eThe Beatles&#8220;. Die Kapelle verf\u00fcgt \u00fcber eine Hallanlage, drei Elektroschlaggitarren, 1 Schlagzeug und 1 PKW.<\/p>\n<p>Der Aufbau der Kapelle erfolgte aus dem Grund, um f\u00fcr die Jugend der DDR etwas Neues zu schaffen und nicht immer hinter dem \u201eWesten&#8220; herzuhinken.<\/p>\n<p>Zum Deutschlandtreffen wurde diese Kapelle in Berlin eingesetzt und es wurde ihnen vom Zentralrat der FDJ eine Urkunde verliehen. Diese Auszeichnung nutzen sie jetzt aus, um bei den Dienststellen oder Veranstalter einen besonderen Eindruck zu erwecken.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Atmo: Originalton DDR Fernsehen<\/strong><\/p>\n<p>Kommentar zum Deutschlandtreffen<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Sprecherin:<\/strong><\/p>\n<p>Der H\u00f6hepunkt der neuen Offenheit war wenige Monate zuvor das Deutschlandtreffen in Ostberlin. Die Mauer im R\u00fccken gestattet Walter Ulbricht seiner Jugend w\u00e4hrend der Pfingsttage 1964 den Tanz auf allen Stra\u00dfen. Und die Partei preist \u201eTanz als Ausdruck legitimer Lebensfreude und Lebenslust&#8220;.<\/p>\n<p><strong>Atmo: Originalton DDR Fernsehen:<\/strong><\/p>\n<p>Walter Ulbricht: Ich erkl\u00e4re das Deutschlandtreffen zu Pfingsten 1964 f\u00fcr er\u00f6ffnet<\/p>\n<p>Beifall<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>O-Ton Hans Modrow:<\/strong><\/p>\n<p>Weil Ulbricht glaube ich, ein Gef\u00fchl f\u00fcr Entwicklungen hatte. Man begriff nat\u00fcrlich, dass, will ich die Jugend gewinnen, auch das annehmen muss, was Jugend bewegt und Jugend begeistert. Die Zeit wo wir gegen Ringelsocken, gegen Nietenhosen, gegen westlichen Tanz k\u00e4mpften, war in der Tat vorbei, weil wir begriffen und sp\u00fcrten, mit nur immer Gegen geht nicht.<\/p>\n<p>Das spielte ja auch immer wieder mit in diesen Auseinandersetzungen, wir sind stark genug und k\u00f6nnen uns was erlauben, das muss man mit im Auge haben, dass man auch Dinge zulie\u00df, von denen man das Gef\u00fchl hat, sie f\u00fchrt die Jugend nicht weg von der DDR, sie bleiben auch mit den Gef\u00fchlen in der N\u00e4he dessen, was einen jungen Sozialisten ausf\u00fcllen sollte.<\/p>\n<p><strong>Sprecherin:<\/strong><\/p>\n<p>Hans Modrow ist damals Jugendfunktion\u00e4r. Auf Vorschlag des FDJ-Zentralrats bekommt das Pfingsttreffen sogar eine eigene Jugendwelle: Deutschlandtreffen 64. Sie sendet aus einem provisorischen Studio in der M\u00f6belabteilung des Centrum Warenhauses und berichtet live von den Auftritten der Amateurbands. Egal ob das \u201eDiana Show Quartett&#8220; aus Berlin mit Frontmann Achim Menzel oder die \u201eButlers&#8220; aus Leipzig spielen &#8211; die Fans sind begeistert.<\/p>\n<p><strong>O-Ton Klaus Renft:<\/strong><\/p>\n<p>Wir sind von der Polizei, was v\u00f6llig ungewohnt war f\u00fcr uns, in Friedrichshain an die B\u00fchne begleitet worden. Es waren ein paar Tausend Menschen da. Und es war f\u00fcr uns ein gro\u00dfes Erlebnis, die kamen auf die B\u00fchne mit Blumen und haben gesagt: Die Berliner Fans gr\u00fc\u00dfen die Leipziger \u201eButlers&#8220;. Da fingen wir an mit einem Rolling Stones Titel. Und es war eine Euphorie, das kann sich keiner vorstellen. Fast eine Massenhysterie. Die sind auf die B\u00e4ume gestiegen. Da war so ein dicker Ast, da sa\u00dfen sechs oder sieben Leute drauf, der brach dann ab, klatsch, das hat aber keinen gest\u00f6rt. Wir mussten dann richtig von der B\u00fchne fl\u00fcchten, die Leute hinterher, wollten Autogramme haben. Wir waren doch auf so etwas \u00fcberhaupt nicht vorbereitet. Wir waren ja von der Provinz. Zwischen Leipzig und Berlin war ja immerhin ein gro\u00dfer Unterschied. Aber es hat nicht lange angehalten. Wir kamen nach Leipzig zur\u00fcck und die Schikanen gingen gleich weiter.<\/p>\n<p><strong>Zitator:<\/strong><\/p>\n<p>Leipzig, den 9.9.1965<\/p>\n<p>Volkspolizeikreisamt<\/p>\n<p>Sachstandsbericht zur operativen Bearbeitung der Kapelle \u201eThe Butlers&#8220;<\/p>\n<p>Da die bezeichnete Kapelle einen Brennpunkt in der Konzentration von Jugendlichen darstellt und die Jugendlichen negativ durch die Spielart beeinflusst werden, wird vorgeschlagen, die Kapelle sowie die jugendlichen Gruppen, welche laufend Tanzabende dieser Kapelle besuchen, in die operative Bearbeitung zu nehmen.<\/p>\n<p><strong>Sprecherin:<\/strong><\/p>\n<p>Die Genossen der Leipziger SED-Bezirksleitung reagieren misstrauisch auf die bejubelten Auftritte der \u201eButlers&#8220; w\u00e4hrend der Berliner Pfingsttage. In einem Bericht sch\u00e4tzt ein Funktion\u00e4r der \u201eIdeologischen Kommission der FDJ-Leitung der Stadt Leipzig bereits im September 1964 ein, \u201eda\u00df die Spielart sowie die Schlagererfolge nicht zu einer positiven Erziehung der Jugend beitr\u00e4gt. Ihm sei unverst\u00e4ndlich, dass eine derartige Kapelle die Spielerlaubnis erhalten habe.&#8220;<\/p>\n<p>Und ein junger Genosse schreibt nach einem Konzertbesuch an das \u201eSehr geehrte Polizeipr\u00e4sidium (&#8230;)<\/p>\n<p><strong>Zitator:<\/strong><\/p>\n<p>Hiermit m\u00f6chte ich eine wichtige Nachricht \u00fcberbringen. Vorigen Sonntag war ich mit meiner Verlobten in Holzhausen in dem s\u00e4chsischen Haus tanzen. Alle beide waren wir entsetzt, dass in einem Arbeiter- und Bauern-Staat solche Musik zugelassen wird.(&#8230;) Die Kapelle muss sofort von der Bildfl\u00e4che verschwinden. Sie soll die Jugend nicht mit ihrer amerikanischen Musik verseuchen.<\/p>\n<p><strong>Sprecherin:<\/strong><\/p>\n<p>Doch nicht nur in Leipzig gibt es Gegner der neuen Jugendpolitik. Vor allem der Verantwortliche f\u00fcr Sicherheitsfragen im Zentralkomitee der SED Erich Honecker wendet sich gegen Ulbrichts neues Musikverst\u00e4ndnis. Vorerst ohne Erfolg. In einem \u201eStandpunkt der Abteilung Kultur zur Arbeit mit den Gitarrengruppen&#8220; bezeichnen die Funktion\u00e4re des FDJ-Zentralrates den \u201eGitarrensound als progressive Erscheinung der Tanzmusikentwicklung&#8220; und das volkseigene Label \u201eAmiga&#8220; presst zwei \u201eBig Beat Sampler&#8220; mit Instrumentaltiteln vieler Amateurbands, darunter auch den \u201eButlers Boogie&#8220;.<\/p>\n<p>Es scheint eine Ironie des Schicksals zu sein, dass ausgerechnet die von vielen Ostmusikern angebeteten Rolling Stones dem fr\u00f6hlichen Jugendleben ein Ende setzen. Das Konzert am 15.September auf der Westberliner Waldb\u00fchne wird zum Fiasko.<\/p>\n<p><strong>Originalton Fernsehen West:<\/strong><\/p>\n<p>21 000 Menschen in der Waldb\u00fchne, die wie ein Pulverfass explodierte, als Tausende von jugendlichen Beatfans der Massenpsychose verfielen und aufgepeitscht durch die h\u00e4mmernden Rhythmen, nicht mehr wussten, was sie taten. W\u00e4hrend und nach dem Auftreten der Beatband feierte die Zerst\u00f6rungswut hemmungsloser Jugendlicher wahre Triumphe.<\/p>\n<p><strong>Sprecherin:<\/strong><\/p>\n<p>\u00c4ngstlich verfolgen die Genossen aus Ostberlin die Fernsehberichte \u00fcber die Vorkommnisse auf der anderen Seite der Mauer. Schnell steht der Schuldige fest: Die Beatmusik.<\/p>\n<p>Walter Ulbricht befindet sich im Urlaub. Und es scheint, als h\u00e4tte Erich Honecker, der Mann im Hintergrund, nur auf diesen Moment gewartet. Auf sein Dr\u00e4ngen hin ber\u00e4t das Zentralkomitees \u00fcber \u201eFragen der Jugendarbeit und das Auftreten des Rowdytums&#8220;. Das Verhalten aller Beatfans im Land wird kriminalisiert.<\/p>\n<p><strong>Zitator:<\/strong><\/p>\n<p>\u201eDer Minister des Inneren wird beauftragt, die erforderlichen Ma\u00dfnahmen einzuleiten, dass die Abteilung des Inneren der R\u00e4te der Bezirke und Kreise die Mitglieder solcher Gruppen (Gammler u.\u00e4.) die gegen die Gesetze der DDR versto\u00dfen eine ernste Gef\u00e4hrdung der Ordnung hervorrufen, durch Gerichtsbeschluss, entsprechend der Ordnung vom 24. August 1961 in Arbeitslager eingewiesen werden.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Sprecherin:<\/strong><\/p>\n<p>Auf Anregung Erich Honeckers sollen die &#8222;staatlichen Finanzorgane&#8220; nach Steuerhinterziehung bei den Gruppen fahnden, mit dem Ziel, den Musikern die Lizenz zu entziehen.<\/p>\n<p>Dankbar greifen die Genossen in Leipzig die Empfehlung auf und verbieten sofort 44 Amateurbands \u201eauf Lebenszeit&#8220;. Darunter nat\u00fcrlich die in der Stadt sehr beliebten Butlers.<\/p>\n<p>Sofort bl\u00e4st die Presse zum Sturm. Die Leipziger Volkszeitung schreibt:<\/p>\n<p><strong>Zitator:<\/strong><\/p>\n<p>Im Appell an niedere Instinkte, im Ausscheiden jeglichen Denkens liegt schlie\u00dflich potenziell eine neue Kristallnacht begr\u00fcndet.<\/p>\n<p><strong>Sprecherin:<\/strong><\/p>\n<p>Gegen die Musiker wird neben:<\/p>\n<p>Verdacht auf ideologische Diversion &#8211; Groben Unfug &#8211; Landfriedensbruch &#8211;<\/p>\n<p>Aktiven Rowdytum und Hetze &#8211; vor allem wegen Steuerhinterziehung ermittelt.<\/p>\n<p>10 000 Mark sollen die vier Musiker unterschlagen haben. Dieser Vorwurf erscheint den Kulturfunktion\u00e4ren am besten geeignet die Band in der \u00d6ffentlichkeit blo\u00df zu stellen. Und auch an den Musikfans wird \u201ekein gutes Haar&#8220; gelassen.<\/p>\n<p><strong>O-Ton P\u00f6tzsch:<\/strong><\/p>\n<p>Das war eine h\u00f6chst verlogene Geschichte. Da wurde geschrieben: Gammler sind dreckig und sind arbeitsscheu und lauter so ein Schwachsinn.<\/p>\n<p>Nun galt selbst ich mit meinen damals \u201eMutzeln&#8220; was die Haarl\u00e4nge betraf, selbst ich wurde in der Stra\u00dfenbahn angemacht, oder auf der Stra\u00dfe bl\u00f6de vollgequatscht von der Seite, ich habe das \u00fcberhaupt nicht verstanden.<\/p>\n<p>In der Stra\u00dfenbahn, da haben Leute emp\u00f6rt die Plattform verlassen und sich aufgeregt, wenn ich einstieg. Und ich stand da v\u00f6llig fassungslos da und habe das nie begriffen.<\/p>\n<p><strong>O-Ton Klaus Renft:<\/strong><\/p>\n<p>Das war nat\u00fcrlich eine Z\u00e4sur. Da hatten sie noch einen ganz b\u00f6sen Artikel in der Leipziger Volkszeitung, der hie\u00df: Missbrauch der Jugend keinen Raum. Und da wurden diese Musiker als Steuerhinterzieher, Arbeitsbummelanten, Gammler, Rowdys &#8211; \u00fcbelst beschimpft. Und das war ein Signal an die Jugend, weil ihre Musik war pl\u00f6tzlich verschwunden. Und da tauchten in Leipzig Flugbl\u00e4tter auf: Beatfreunde wir treffen uns am 31. Oktober auf dem Leuschnerplatz zur Demonstration.<\/p>\n<p><strong>Sprecherin:<\/strong><\/p>\n<p>Trotz eifrig durch Polizei und Staatssicherheit eingesammelter Flugbl\u00e4tter, trotz Warnungen in den Schulen, trotz Strafandrohung: In den Vormittagsstunden des 31.Oktober treffen sich nach Polizeiangaben etwa 1000 Beatfreunde auf dem Wilhelm Leuschnerplatz in Leipzig (Augenzeugen berichten von \u00fcber 2000 Personen). Unter den Demonstranten sind die Musiker der \u201eButlers&#8220;, der Beat-Fan Gerhard P\u00f6tzsch und der Schriftsteller Erich Loest, der dieses Ereignis sp\u00e4ter in seinem Buch \u201eEs geht seinen Gang&#8220; beschreiben wird.<\/p>\n<p><strong>O-Ton Erich Loest:<\/strong><\/p>\n<p>Und ich bin dann hinein gegangen am Sonntagmorgen in die ruhige Stadt und habe da alles erlebt, was sich da abgespielt hat. Und da waren keine Spruchb\u00e4nder und da waren keine Losungen, und da waren keine R\u00e4delsf\u00fchrer, und die Jungs standen da ein bisschen, und ich bin \u00fcberzeugt, nach einer Weile w\u00e4ren die still nach Hause gegangen.<\/p>\n<p><strong>O-Ton Klaus Renft:<\/strong><\/p>\n<p>Da kam pl\u00f6tzlich ein Polizeiauto mit vier Lautsprechern: \u201eB\u00fcrger, das ist eine illegale Ansammlung, bitte verlassen sie sofort die Stra\u00dfe! Da haben wir uns auf den B\u00fcrgersteig gestellt. Da standen wir dann da wie die Heringe. Und es passierte wieder nichts.<\/p>\n<p><strong>O-Ton Erich Loest:<\/strong><\/p>\n<p>Aber dann kommt die Staatsmacht, kommt ein Wasserwerfer, dann kommen Lastwagen mit Polizisten und dann kommt vom Ringcaf\u00e9 her eine Kette von Polizisten mit Hunden.<\/p>\n<p>Und dann ging&#8217;s los, dann wurden die Jungs gejagt, in die Seitenstra\u00dfen getrieben und eingekesselt. Der Wasserwerfer hat gespritzt und die Polizisten haben gekn\u00fcppelt.<\/p>\n<p><strong>O-Ton Renft<\/strong><\/p>\n<p>Und der Wasserwerfer, der hatte einen Strahl drauf, sagenhaft. Aber da war kein Wasser drin sondern aus der Jauchengrube. Jedenfalls hinterher hab ich gestunken, das war grausam.<\/p>\n<p>Die Jugendlichen, die innerhalb des Ringes waren, die wurden in die Messepassagen getrieben. Mit den Hunden, die haben dann immer so in die Waden gezwickt und dann kamen LKW&#8217;s, da wurden die Jugendliche draufgeschmissen. Und die hatten extra in der K\u00e4stnerstra\u00dfe das Gef\u00e4ngnis ausger\u00e4umt. Vorbereitet.<\/p>\n<p>Und die als R\u00e4delsf\u00fchrer festgelegt wurden, die m\u00fcssten in die Braunkohle und mussten so wie sie waren in ihrer Sonntagskluft vier Wochen im Arbeitslager, in der Braunkohle in Regis-Breitlingen arbeiten. Das war ein trauriges Ende dieser kleinen Hoffnung Beatmusik in der DDR.<\/p>\n<p><strong>Zitator:<\/strong> (Kurz stehen lassen, dann als Atmo verwenden)<\/p>\n<p>Bezirksverwaltung Leipzig<\/p>\n<p>Abteilung II<\/p>\n<p>Leipzig, 25.November 1965<\/p>\n<p>Abschlussbericht \u00fcber das Ereignis der Untersuchungen der Vorkommnisse am 31.10.1965 in Leipzig<\/p>\n<p>Wegen ihrer Teilnahme an der erfolgten Zusammenrottung wurden am 31.10.1965 bei der Deutschen Volkspolizei insgesamt 264 Personen zugef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Diese untergliedern sich wie folgt.<\/p>\n<p>(Bitte bei jeder Zeile die Kopfzeile mitlesen z.B. Alter:14-16 Jahre &#8211; Gesamt 20 &#8211; davon im Arbeitslager 2&#8230;)<\/p>\n<p>Alter Gesamt davon im Arbeitslager Entlassungen<\/p>\n<p>14-16 20 2 18<\/p>\n<p>16-18 72 37 35<\/p>\n<p>18-21 108 50 58<\/p>\n<p>21-25 40 12 28<\/p>\n<p>\u00fcber 25 24 6 18<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">letzte T\u00e4tigkeit<\/span><\/p>\n<p>Sch\u00fcler 20 4 16<\/p>\n<p>Lehrlinge 66 41 25<\/p>\n<p>Arbeiter 166 57 109<\/p>\n<p>Studenten 8 2 6<\/p>\n<p>Ohne Be- 1 1 &#8211;<\/p>\n<p>sch\u00e4ftigung<\/p>\n<p>Sonstiges 3 2 1<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">Soziale Herkunft<\/span><\/p>\n<p>Arbeiter 155 68 87<\/p>\n<p>Angestellte 58 22 36<\/p>\n<p>Intelligenz 7 3 4<\/p>\n<p>Handwerker 23 3 20<\/p>\n<p>und Gewerbe-<\/p>\n<p>treibende<\/p>\n<p>sonstige 21 11 10<\/p>\n<p><strong>Sprecherin <\/strong>(auf Atmo)<strong>:<\/strong><\/p>\n<p>In Seitenlangen Aufstellungen wird alles dokumentiert:<\/p>\n<p>Letzte T\u00e4tigkeit, Soziale Herkunft, Zugeh\u00f6rigkeit zu Partei und Massenorganisationen, Parteizugeh\u00f6rigkeit der Eltern. -&#8222;, kein Detail bleibt den Genossen verborgen.<\/p>\n<p>Nach einem sofort eingeleiteten Strafverfahren werden 107 Jugendliche wenige Stunden nach ihrer Festnahme zu einem \u201emehrw\u00f6chigen beaufsichtigten Arbeitseinsatz als notwendige Erziehungsma\u00dfnahme&#8220; in den Braunkohlentagebau Regis-Breitingen gebracht. Sie verlegen Eisenbahnschwellen oder verrichten andere schwere k\u00f6rperliche Arbeit.<\/p>\n<p><strong>Zitator:<\/strong><\/p>\n<p>Alle 107 Personen wurden entsprechend der Urteile im Braunkohletagebau Regis-Breitingen eingesetzt. An der Gerichtsverhandlung gegen die Jugendlichen nahmen die Eltern bzw. ein Elternteil, Vertreter der Betriebe und solche des Referats Jugendhilfe teil. W\u00e4hrend der Verhandlungspause bis zur Ansetzung des Urteils erfolgten durch den anklagevertretenden Staatsanwalt mit dem zur Verhandlung geladenen Personenkreis Aussprachen zur Festlegung wirksamer Erziehungsma\u00dfnahmen.<\/p>\n<p><strong>Sprecherin:<\/strong><\/p>\n<p>Auch nach den Verhaftungen auf dem Leuschner Platz setzen Polizei und Staatssicherheit ihre Ermittlungen fort. In der Zeit vom 31.10.1965 bis 28.11.1065 werden&#8230;<\/p>\n<p><strong>Zitator:<\/strong><\/p>\n<p>&#8230; insgesamt 61 Personen der Abteilung XX(20), Bezirksverwaltung Leipzig zugef\u00fchrt. Von diesen 61 Personen wurden gegen 38 Ermittlungsverfahren eingeleitet und 23 zur Pr\u00fcfung von Anzeigen, Aussagen sowie inoffiziellen Informationen vernommen.<\/p>\n<p>Sprecherin:<\/p>\n<p>Die Herkunft der Flugbl\u00e4tter ist bereits nach einer Woche gekl\u00e4rt. Am 7.11.1965 wird gegen zwei Br\u00fcder, Sch\u00fcler einer Markkleeberger Oberschule, Haftbefehl erlassen.<\/p>\n<p><strong>Zitator:<\/strong><\/p>\n<p>Markkleeberg, den 06.11.1965<\/p>\n<p>Betrifft: Meldung \u00fcber die T\u00e4ter der Flugblattverteilung<\/p>\n<p>Bezug: Gegebene Veranlassung<\/p>\n<p>Am 06.11.65 13.10 Uhr wurde durch den Schuldireketor der XY-Oberschule Genossen Z. dem Revierleiter mitgeteilt , dass Sch\u00fcler seiner Schule Flugbl\u00e4tter hergestellt und verbreitet hatten, welche im Zusammenhang mit den Gitarrengruppen in Leipzig Sonderma\u00dfnahmen erforderlich machten.<\/p>\n<p>Am 23.10.1965 wurden durch die Obersch\u00fcler F. und H. 174 Flugbl\u00e4tter selbst gedruckt. Der Druckkasten \u201eMultipr\u00fcfer 2&#8243; wurde vorher in der Ernst-Th\u00e4lmann-Str. bei der Firma NN gekauft.<\/p>\n<p>Am 27.10.65 wurden nochmals 200 Flugbl\u00e4tter mit selben Inhalt erstellt, jedoch nach Angaben des H. vernichtet. Ebenfalls soll nach Angaben des H. der Druckkasten vernichtet worden sein.<\/p>\n<p>Die Mutter des H. hatte von diesen Vorkommnissen am 05.11.65 den Lehrer des Sohnes Mitteilung gemacht und dieser seinen Schuldirektor sofort informiert. Der Schuldirektor hatte die ersten Befragungen durchgef\u00fchrt und sofort den B\u00fcrgermeister verst\u00e4ndigt, welcher dann dem Revierleiter Meldung erstattete.<\/p>\n<p><strong>Sprecherin:<\/strong><\/p>\n<p>Alle 174 gedruckten Flugbl\u00e4tter hat die Staatssicherheit gefunden und protokolliert. Zur Beatdemonstration selbst sind die beiden Br\u00fcder nicht gegangen &#8211; aus Angst.<\/p>\n<p>Erich Honecker hat es geschafft. Walter Ulbricht muss handeln, um seine Autorit\u00e4t zu wahren. Zwei Tage nach dem Protest und den Verhaftungen in Leipzig schickt er ein Rundschreiben an alle Bezirke, in dem er \u201edie Zwischenf\u00e4lle als Menetekel ersten Ranges kennzeichnet. Sie h\u00e4tten erneut best\u00e4tigt &#8230;<\/p>\n<p><strong>Zitator:<\/strong><\/p>\n<p>dass mit Hilfe der sogenannten Beat und Gammlergruppen ideologische Zersetzungsarbeit geleistet werden soll. (&#8230;) Es war falsch, dass von Seiten des Zentralrates der FDJ der Wettbewerb von Beatgruppen organisiert und die Auffassung verbreitet wurde, dass im Unterschied zu Westdeutschland Westschlager und Beatmusik bei uns keine sch\u00e4dliche Wirkung hervorrufen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Sprecher:<\/strong><\/p>\n<p>H\u00f6hepunkt der neuen \u201eEinsicht&#8220; wird das 11.Plenum des ZK der SED im Dezember 1965. Der 1.Sekret\u00e4r des FDJ Zentralrates und sp\u00e4tere Vorsitzende der SED-Bezirksleitung Leipzig Horst Schumann bekennt seinen Irrtum \u00f6ffentlich. Er h\u00e4tte geglaubt&#8230;<\/p>\n<p><strong>Zitator:<\/strong><\/p>\n<p>&#8230;die Beatmusik sei eine internationale Welle, hinge mit der technischen Revolution zusammen und widerspreche nicht dem sozialistischen Lebensgef\u00fchl.<\/p>\n<p><strong>Sprecherin:<\/strong><\/p>\n<p>Jetzt ist auch dem letzten Genossen klar: Diese Musik hat der Feind geschickt. Und Walter Ulbricht bringt es mit seinen oft zitierten Worten auf den sozialistischen Punkt:<\/p>\n<p><strong>O-Ton Walter Ulbricht:<\/strong><\/p>\n<p>Ist es denn wirklich so, dass wir jeden Dreck der vom Westen kommt kopieren m\u00fcssen? Ich denke Genossen, mit der Monotonie des Yeah, Yeah, Yeah und wie das alles hei\u00dft ja, sollte man doch Schluss machen.<\/p>\n<p><strong>Sprecherin:<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr den Minister f\u00fcr Staatssicherheit Erich Mielke ist in diesem Fall noch l\u00e4ngst nicht Schluss:<\/p>\n<p><strong>Zitator:<\/strong><\/p>\n<p>Vertrauliche Verschlusssache<\/p>\n<p>Dienstanweisung 4\/66 zur politisch-operativen Bek\u00e4mpfung der politisch-ideologischen Diversion und Untergrundt\u00e4tigkeit unter jugendlichen Personenkreisen in der DDR<\/p>\n<p>Ausgehend von der Einsch\u00e4tzung der politisch-operativen Situation unter jugendlichen Personenkreisen und den gegenw\u00e4rtigen Erscheinungsformen der Feindt\u00e4tigkeit weise ich an:<\/p>\n<p>Zur gr\u00fcndlichen Einsch\u00e4tzung der politisch-operativen Situation unter jugendlichen Personenkreisen, zur rechtzeitigen Erkennung und Verhinderung feindlicher Handlungen Jugendlicher, zur richtigen Einsch\u00e4tzung der Angriffsrichtung des Gegners sowie zur Einleitung wirksamer vorbeugender Abwehrma\u00dfnahmen sind verst\u00e4rkt Werbungen von inoffiziellen Mitarbeiter unter diesen Personenkreisen durchzuf\u00fchren. (&#8230;)<\/p>\n<p>Die Kandidaten sind vorrangig unter Kreisen Haftentlassener, R\u00fcckkehrer und Neuzuziehender, politisch Schwankender, jugendlicher Studenten, Anh\u00e4nger westlicher Dekadenz, gef\u00e4hrdeter und krimineller Gruppierungen jugendlicher Personen und kirchlich gebundener Jugendlichen auszuw\u00e4hlen.<\/p>\n<p><strong>Sprecherin:<\/strong><\/p>\n<p>Gehorsam \u00f6ffnen die Genossen in Leipzig ihre Beatverbot-Akten:<\/p>\n<p><strong>Zitator:<\/strong><\/p>\n<p>Vorschlag zur Werbung<\/p>\n<p>Ich beabsichtige den Jugendlichen X<\/p>\n<p>Als inoffiziellen Mitarbeiter anzuwerben.<\/p>\n<p>Der Obengenannte wurde mir bekannt als er bei den Ausschreitungen am 31.10.1965 in Leipzig in Erscheinung trat.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Sprecherin:<\/strong><\/p>\n<p>Doch nicht nur die Fans, auch die Musiker bleiben im Fadenkreuz der Staatssicherheit.<\/p>\n<p><strong>Zitator:<\/strong><\/p>\n<p>Beobachtungsbericht zur Kriminalakte \u201eBeat&#8220;<\/p>\n<p>Deckname: Spieler<\/p>\n<p>Sonntag 7.November 1965 8- 22.00 Uhr<\/p>\n<p>8.00 Uhr wurde die Beobachtung am Wohngrundst\u00fcck aufgenommen<\/p>\n<p>11.55 Uhr verlie\u00df der sein Wohngrundst\u00fcck und begab sich<\/p>\n<p>12.03 Uhr zur Hermann-Liebmann-Str. X vermutlich linke Wohnung<\/p>\n<p>An dieser T\u00fcr befindet sich der Name R.<\/p>\n<p>14.02 verlie\u00df er dieses Grundst\u00fcck wieder und begab sich zur Erich-Fernstra\u00dfe.<\/p>\n<p>14.08 Uhr betrat er hier eine Telefonzelle und f\u00fchrte \u00fcber 10 Minuten lang ein Gespr\u00e4ch.<\/p>\n<p><strong>Sprecherin:<\/strong><\/p>\n<p>Ende des Jahres 1965 sind in Leipzig die Saiten der E-Gitarren verstummt. Die Beatfans haben kurze Haare. Die Musiker werden ins \u201eBerufsleben&#8220; eingegliedert. Klaus Renft verkauft in der Musikalienhandlung Oelsner in der Leipziger Innenstadt Noten.<\/p>\n<p>Trotzdem. Hinter dem R\u00fccken der Macht mutieren die Musiker der \u201eButlers&#8220; zum \u201eUlf Willi Quintett&#8220; und spielen im Dunkel einer Leipziger Nachtbar zum Tanz. Erst Jahre sp\u00e4ter werden sie als \u201eKlaus Renft Combo&#8220; f\u00fcr kurze Zeit eine musikalische Auferstehung feiern. Bevor sie dann endg\u00fcltig verboten werden.<\/p>\n<p><strong>Musik <\/strong>&#8211;<\/p>\n<p>Vorschlag: Klaus Renft Combo: Nach der Schlacht (Nach der Schlacht waren alle Wiesen rot, nach der Schlacht waren alle Kameraden tot)<\/p>\n<p><strong>Absage:<\/strong><\/p>\n<p>Der Leipziger Beataufstand<\/p>\n<p>Der Polizeieinsatz auf dem Leuschner-Platz am 31.Oktober 1965<\/p>\n<p>Feature von Kathrin Aehnlich<\/p>\n<p>Interviews Kathrin Aehnlich und Andr\u00e9 Meier<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Originalton Klaus Renft (Auszug) O-Ton Gerhard P\u00f6tzsch: Ich erinnere noch, da war das ber\u00fchmte Fu\u00dfballspiel DDR-\u00d6sterreich, das war an einem Wochenende und da gab es damals das Verbot der Butlers. O-Ton Klaus Renft: Wir haben immer mit den Leipziger Beh\u00f6rden unsere K\u00e4mpfe gehabt. Man wollte von vornherein versuchen, die Butlers tot zu stellen. 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